Interview

Wenn KI den Urlaub bucht -
Tourismus-Trends 2026

01.03.2026

Deborah Rothe, Direktorin der ITB Berlin

Die Entwicklungen im Tourismus lassen sich nirgendwo so gut erkennen wie auf der weltweit größten Tourismusmesse ITB Berlin. Vom 3. bis 5. März 2026 öffnet sie wieder ihre Tore in der Hauptstadt. In diesem Jahr zum sechzigsten Mal. Es werden nahezu 6000 Aussteller aus über 170 Ländern und Regionen erwartet. Über 400 internationale Speaker referieren über zukunftsfähige Geschäftsmodelle und diskutieren die zentralen Fragen der globalen Tourismusindustrie. Das Diplomatische Magazin hat mit Deborah Rothe, Direktorin der ITB Berlin, über Entwicklungen und Trends im Tourismus gesprochen.
DM Frau Rothe, Verbraucher lassen sich heute schon bei ihrer Reiseplanung und Buchung von Künstlicher Intelligenz unterstützen. Werden in Zukunft KI-Agenten die komplette Dienstleistung übernehmen?
Deborah Rothe Auf dem ITB Berlin Kongress gibt es einen eigenen KI-Thementrack mit Sessions rund um Künstliche Intelligenz, unter anderem zu Agentic Commerce, bei dem KI-Systeme zunehmend vernetzt zusammenarbeiten und Beratung, Entscheidungsfindung sowie Ausführung in einem durchgängigen Workflow verbinden. KI wird sich vom reinen „Planungshelfer“ zum aktiven Reiseassistenten entwickeln: KI-Agenten könnten künftig Präferenzen und Kontext berücksichtigen, Angebote kuratieren, Verfügbarkeiten prüfen, Alternativen vergleichen und Buchungen auslösen, inklusive Payment und Umbuchung oder Storno. Denkbar ist auch ein proaktives Handling entlang der Reise: Bei Verspätungen automatisch Alternativen vorschlagen, Anschlussleistungen anpassen oder Kommunikation bündeln.
DM Auf der ITB soll es auch um zentrale Zukunftsfragen der globalen Tourismusindustrie gehen.
Deborah Rothe Unter dem Motto „Leading Tourism into Balance“ bündelt der ITB Berlin Kongress einige entscheidende Fragen der Branche, u.a. wie gelingt Wachstum im Einklang mit Akzeptanz vor Ort, Nachhaltigkeit und fairer Wertschöpfung. Wie bleibt Tourismus resilient in einer krisenanfälligen Welt, Stichwort „Polycrisis“? Was bedeutet regenerativer Tourismus, also Destinationen nicht nur zu schonen, sondern zu stärken. Wie verändern sich Reisemotive und Erwartungen, etwa Richtung Experiential Travel sowie Longevity & Wellbeing. Und wie werden Responsible Tourism, Inklusion und langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu umsetzbaren Strategien.
DM Welche technologischen Innovationen und Mega-Trends erwarten den Fachbesucher?
Deborah Rothe Auf der ITB Berlin 2026 zeigen sich die zentralen Mega-Trends vor allem im Bereich Travel Technology, der mit Anbietern in sechs Hallen stark vertreten ist und die gesamte Customer Journey prägt. Im Fokus stehen Künstliche Intelligenz, insbesondere Agentic Commerce, neue Distributions- und Retailing-Modelle sowie datengetriebene Ökosysteme, die Systeme und Prozesse vernetzen. Payment und „Seamless Travel“ gewinnen an Bedeutung und ermöglichen reibungslose Abläufe vom ersten Kontakt bis zur Buchung. Auf dem ITB Berlin Kongress setzen der Travel Tech Track und der AI Track Schwerpunkte. Networking Areas wie der ITB Späti in Halle 7.2c bieten Raum für Austausch und Innovation Pitches von den ITB Innovators. Und unsere Fachbesuchertouren geben ganz praxisnahe Einblicke in technologische Entwicklungen.
Angola - Offizielles Gastland der ITB 2026

Benguela Province, Praia Azul  

Namibe Province

 

Namibe, Kino 

Pedras Negras 

DM Frau Rothe, welche Trends gibt es bei Airlines und Kreuzfahrtanbietern?
Deborah Rothe Vor allem die Kreuzfahrtanbieter sind auf der ITB Berlin stark vertreten und prägen die Diskussion um aktuelle Branchenentwicklungen maßgeblich. Bei Airlines sehen wir, dass effizientere, spritsparendere Flugzeuge neue Strecken wirtschaftlicher machen: Air Canada nimmt eine neue Verbindung ab Montréal nach Berlin auf. Ein weiteres Beispiel ist Etihad, die neu von Abu Dhabi nach Düsseldorf fliegt – eine Strecke, die sich zuvor so womöglich nicht lohnte. Gleiches gilt für eine neue Verbindung nach Luxemburg. Im Kreuzfahrtsegment steigt der Anspruch an nachvollziehbare Nachhaltigkeit: Reedereien setzen stärker auf konkrete technische und operative Schritte, etwa neue Antriebe bzw. alternative Kraftstoffe, Landstromfähigkeit oder effizientere Betriebsprozesse. Gleichzeitig gewinnt die Entzerrung bei Häfen an Bedeutung: alternative Anläufe, andere Zeitfenster und smartere Routenplanung sollen stark frequentierte Hotspots entlasten, etwa bei Zielen wie Venedig oder Dubrovnik.
DM Gibt es Strategien im Destinationsmanagement, die besonders erfolgversprechend sind?
Deborah Rothe Es sind vor allem Strategien, die auf Balance setzen: Besucherlenkung verteilt Ströme, entzerrt Spitzenzeiten und reduziert Druck auf Hotspots. Entscheidend ist die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung. Tourismus funktioniert nur, wenn er als Mehrwert wahrgenommen wird. Datenbasierte Steuerung, perspektivisch auch KI-gestützt, hilft, Muster früh zu erkennen und Maßnahmen gezielter auszurichten. Kooperationen gewinnen an Bedeutung: Plattformen wie Airbnb, Premium Partner der ITB Berlin, fördern naturnahe Angebote und stärken ländliche Regionen. Saisonsteuerung, etwa Kreta mit Aegean Airlines, und gezielte Förderung weniger besuchter Regionen – wie Spaniens grüner Norden – helfen, Besucherströme nachhaltig zu lenken. In der ITB Kongress-Session „City Destinations under Pressure“ diskutieren Städte, Politik und Branche, wie Tourismus lebendige Stadtzentren, gute Mobilität und nachhaltige Stadtentwicklung unterstützt.

DM Wir danken Ihnen für dieses Gespräch, Frau Rothe.

Interview Marie Wildermann

ITB Berlin
Di. 3. März – Do. 5. März 2026
täglich 10 – 18 Uhr

Ort
Messegelände Berlin
Messedamm 22
14055 Berlin

www.itb.com