„Die rumänische Gemeinschaft im Süden Deutschlands ist sehr gut integriert.“ – Interview mit der rumänischen Generalkonsulin für Bayern, Ramona Chiriac »

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„DIE RUMÄNISCHE GEMEINSCHAFT IM SÜDEN DEUTSCHLANDS IST SEHR GUT INTEGRIERT.“
Seit November 2016 fungiert Iulia Ramona Chiriac als rumänische Generalkonsulin für Bayern. Geboren 1979 in Rumänien, studierte sie Europastudien und Politikwissenschaften in Cluj-Napoca (Rumänien), Münster und Twente (Niederlande). Sie war in verschiedenen Funktionen im rumänischen Regierungssystem sowohl auf lokaler als auch auf zentraler Ebene tätig und trat 2008 dem Auswärtigen Dienst bei. 2012 machte sie ihre erste Bekanntschaft mit dem Freistaat als Konsulin für Bayern und Baden-Württemberg – so konnte sie die notwendigen Erfahrungen und Kontakte für ihre neuen Aufgaben als Generalkonsulin in München sammeln. Darüber hinaus ist sie auch Autorin, die kürzlich ein Buch über die Darstellung von Europa und dem europäischen Gedanken im rumänischen Präsidentschaftsdiskurs veröffentlicht hat. Mit dem Diplomatischen Magazin sprach sie über die große rumänische Gemeinschaft im Süden Deutschlands, die bilateralen Beziehungen zu Bayern, die Aktivitäten des Konsulats in München und die Rolle der deutschen Minderheiten in Rumänien.

Frau Chiriac, wie viele Rumänen leben und arbeiten in Süddeutschland?

Die rumänische Präsenz in Süddeutschland, Bayern und Baden-Württemberg ist signifikant. In den beiden Ländern sind offiziell 272.734 rumänische Staatsbürger registriert – 141.732 in Bayern und 131.002 in Baden-Württemberg – das entspricht mehr als der Hälfte der gesamten rumänischen Gemeinde in Deutschland. Metropolen wie München oder Nürnberg beherbergen zum Beispiel 20.000 beziehungsweise 10.000 Mitbürger. Fast täglich treffe ich hier in München Staatsangehörige, die der Gemeinschaft täglich strategische Dienste leisten – wie Rumänen, die hier als Ärzte, IT-Ingenieure, am Flughafen oder für Postdienste arbeiten oder solche, die in der Hotel- und Restaurantbranche beschäftigt sind. Insgesamt wächst die rumänische Gemeinde in Deutschland jährlich und hatte zum Beispiel laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Jahr 2016 das größte Wachstum unter den EU-Bürgern, mit 80.821 neu angekommenen Rumänen.

Was sind die Herausforderungen für die rumänische Gemeinde in Süddeutschland?

Die rumänische Gemeinschaft im Süden Deutschlands ist sehr gut integriert und strebt danach, ein engagierter und ehrlicher Teil ihrer neuen Gastgesellschaft zu sein. Ich möchte noch einmal betonen, dass Rumänen in der Regel nach Deutschland kommen, um hier zu leben und zu arbeiten, und nicht, wie wir es zu oft hören, in erster Linie, um verschiedene Sozialleistungen zu erhalten.

Einige der Hauptprobleme, mit denen meine Landsleute hier zu tun haben, haben mit der mangelnden Kenntnis der deutschen Sprache zu tun, was oft dazu führt, dass sie Jobs annehmen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Ein weiteres Problem ist die Knappheit im Wohnungsmarkt in bestimmten großen Städten in der Region. Auch die Anerkennung der Zeugnisse ist ein Thema, das mit der Notwendigkeit einer besseren Vorbereitung der Bürger auf den Umzug nach Deutschland zusammenhängt.

Eine weitere Herausforderung, und diesmal eine heimtückischere, ist ein bestimmtes Narrativ unseres Landes in den Medien. Ich kann nicht oft genug betonen, dass Rumänen in Bayern leben und arbeiten, sich hier ein ehrliches Leben aufbauen und ihre Gastgesellschaft zu schätzen wissen. Leider werden, wie bei vielen anderen Themen, Ausnahmen oft als die Norm dargestellt und das ist oft entmutigend und unproduktiv.

Was beinhaltet Ihre Tätigkeit als Generalkonsulin, und wie kommen Sie mit einer so großen Gemeinschaft zurecht?

Zunächst muss ich sagen, dass es eine Ehre, eine große Verantwortung und gleichzeitig eine schwierige Aufgabe ist, einer Gemeinschaft von fast 300.000 Mitbürgern zu dienen. Ein erster Schritt in unseren Bemühungen, qualitative konsularische Dienstleistungen anzubieten, war deren Digitalisierung. Dies ermöglicht eine bessere Organisation, Berechenbarkeit und kürzere Wartezeiten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich betonen, dass Rumänien das zweitgrößte konsularische Netzwerk unter den EU-Mitgliedstaaten hat, was die in Europa eröffneten Konsulate betrifft, das 49 Konsulate umfasst und über eine weltweite digitale Plattform für alle Konsulardienste verfügt.

Ein weiterer Schritt, den wir unternommen haben, um eine bedeutungsvolle Beziehung zur rumänischen Gemeinde in Süddeutschland aufzubauen, war die Initiierung des Projekts „Bayern von A bis Z”. Dieses Projekt ermöglicht einen strukturierten und umfassenden Ansatz der rumänischen Gemeinschaft in der Region und umfasst Besuche vor Ort durch die Vertreter des Generalkonsulats. Während dieser Besuche sind wir in der Lage, Rumänen in ihren neuen Heimatstädten zu treffen, und Gespräche mit bayerischen Behörden sowie mit rumänischen Meinungsführern in diesen jeweiligen Städten zu führen. Wir sind stolz darauf, dass wir bislang elf rumänische Gemeinden in ihren neuen Heimatstädten Augsburg, Traunreut, Rosenheim, Bamberg, München, Kempten, Nürnberg, Regensburg, Landshut, Neuendettelsau und Neumarkt in der Oberpfalz (chronologische Aufzählung) besuchen konnten. Das ist, wenn Sie so wollen, eine Art „basisdemokratischer Ansatz” unsererseits, der sich insofern als sehr erfolgreich erwiesen hat.

Wie schätzen Sie die Kooperation mit den bayerischen Institutionen aus bilateraler Sicht ein?

In Bayern spürt jede diplomatische Vertretung die hohen Erwartungen, sowohl konsularische Leistungen für unsere Bürgerinnen und Bürger zu erbringen als auch eine politische, kulturelle und wirtschaftliche Präsenz in der Gemeinschaft aufzubauen. So engagieren wir uns aktiv für hochwertige Angebote für die rumänische Kultur und Künstler hier in Bayern – wie die bereits renommierten Rumänischen Kulturtage (in Zusammenarbeit mit dem GeFoRum). Hervorzuheben sind auch die jüngsten Bemühungen zur Förderung traditioneller Kulturpraktiken für den Mărţişor im Frühling (oder Märzchen, wie es im Deutschen heißt) oder die diesjährigen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Einheit Rumäniens.

Die bilaterale Zusammenarbeit mit den bayerischen Behörden hat im vergangenen Jahr mit der neuen Arbeitssitzung der Regierungskommission „Rumänien-Bayern“, die im November 2017 in Bukarest stattfand, neue Impulse erhalten. Dazu kamen hochrangige Besuche auf der Ebene des rumänischen Ministeriums für Handel und Unternehmertum, des rumänischen Kulturministeriums und der rumänischen Polizei. Diese jüngsten Entwicklungen deuten auch auf eine bilaterale Zusammenarbeit auf technischer Ebene hin, die ein gutes Zeichen für zukünftige Erfolge in unseren Beziehungen ist. Im Hinblick auf unsere Präsidentschaft der EU-Strategie für den Donauraum (November 2018 – November 2019) und unsere EU-Ratspräsidentschaft in der ersten Hälfte des Jahres 2019 laufen Gespräche über gemeinsame Veranstaltungen. Der Handel zwischen Rumänien und Bayern ist im Jahr 2017 im Vergleich zu 2016 um fast eine Milliarde Euro gestiegen. Rumänien gilt als eine wichtige und wachsende EU-Wirtschaft, als vollwertiger EU- und NATO-Mitgliedsstaat, der sich der Konsolidierung des europäischen Projekts verpflichtet fühlt und ein Stabilitätsfaktor in der Region ist.

Es gibt eine bedeutende deutsche Bevölkerung, die historisch mit Rumänien verbunden ist – unter anderem die Siebenbürger Sachsen und die Banater Schwaben. Können Sie das weiter ausführen?

2017 war ein ganz besonderes Jahr für die rumänisch- deutschen Beziehungen – wir feierten 50 Jahre diplomatische Beziehungen und 25 Jahre seit der Unterzeichnung des Vertrags über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland. Darüber hinaus feierte Rumänien zehn Jahre EU-Mitgliedschaft, eine Reise, auf der uns unsere deutschen Freunde von Anfang an unterstützt haben, als unsere europäischen und euro-atlantischen Wege noch am Anfang standen.

Im Rahmen dieses substanziellen bilateralen Dialogs spielen die deutschen Minderheiten, die in Rumänien leben oder gelebt haben, eine wesentliche Rolle. In Siebenbürgen, Banat und Bukowina gibt es seit Jahrhunderten ein Zusammenleben von Rumänen, Sachsen und Schwaben. Diese Gemeinden bilden zusammen mit den in Rumänien geborenen Sachsen und Schwaben und über einer halben Million Rumänen, die heute in Deutschland leben und arbeiten, eine solide Brücke zwischen unseren Ländern. Ein privilegiertes Instrument zur Vertiefung unserer Beziehungen ist auch die rumänisch- deutsche Regierungskommission für die deutsche Minderheit in Rumänien, die 1992 gegründet wurde – ihre gemeinsamen Treffen finden jährlich statt, abwechselnd in Rumänien und Deutschland.

Neue kulturelle Initiativen, wie das jährlich in Rumänien organisierte Haferland-Festival, versuchen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die deutschen Werte und Traditionen zu lenken, die sich durch die Siebenbürger Sachsen manifestieren. In Rumänien gibt es ein beeindruckendes deutsches Erbe mit mittelalterlichen Städten, Wehrkirchen, barocken Kirchen, großen Museumssammlungen und Bibliotheken, die alle touristische Ziele sind und die die historische Verbindung zwischen Rumänien und Deutschland belegen. Es gibt auch eine lebendige deutschsprachige Gemeinschaft im Bereich Kunst, Universitäten, Festivals und Massenmedien, die sowohl deutsche Minderheiten als auch Rumänen anzieht.

Wie fühlen sich München und Bayern für Sie als Diplomatin an?

Ich bin stark mit Bayern verbunden, da ich zwischen 2012 und 2015 als Konsulin in München und seit November 2016 als Generalkonsulin tätig war. Ich war schon immer beeindruckt von der Sorge um die Umwelt, dem Engagement der Bürger für das Leben der Gemeinde, dem Stolz auf die lokalen Traditionen und die Bäckereien! Mein Sohn, der mich seit 2012 begleitet, ist stolz darauf, abgesehen von seinem rumänischen Erbe „a bissl boarisch“ zu sein.

INTERVIEW Dr. Helmut Schmidt

Bilder: 1 = Burg in Râsnov, gebaut vom Deutschen Orden © kristofarndt – flickr.com | 2, 3, 4, 5, 6 = Generalkonsulat von Rumänien in München