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„BERLIN IST DIE STADT DER FREIHEIT.“
Dass die deutsche Hauptstadt bekanntermaßen arm, aber sexy sei, das kann unmöglich der Anspruch von Dr. Stefan Franzke sein. Die Aufgabe des Geschäftsführers von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie ist es nämlich, Unternehmen und Investoren den Wirtschaftsstandort Berlin schmackhaft zu machen.
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err Dr. Franzke, was macht Berlin eigentlich so attraktiv für Unternehmen und Investoren?

Berlin kann man nicht erklären, Berlin muss man erleben. Spätestens seit dem 9. November 1989 ist Berlin ein Symbol für die Freiheit, und Berlin genießt weltweit einen sehr guten Ruf. Die Stadt steht für Weltoffenheit, Toleranz, Kreativität und Internationalität – eben für all das, was sie ausmacht, mit ihren Menschen und ihrer einzigartigen Vielfalt. So ist Berlin ein internationaler Anziehungspunkt für Gründer und Kreative aus der ganzen Welt geworden: Keine andere Start-up-Szene in Deutschland ist so international. 42 Prozent der Mitarbeiter in Berliner Start-ups stammen aus dem Ausland. In Berlin leben Menschen aus über 180 Nationen zusammen. Sie schaffen mit ihren individuellen Lebensentwürfen einen großen Teil der kreativen Atmosphäre und des einzigartigen Freiheitsgefühls, das die Stadt ausstrahlt: Berlin ist die Stadt der Freiheit.

Welche Unternehmen zählen zu Ihrem Partner- Netzwerk?

In unserem Netzwerk von Berlin-Partnern sind inzwischen 280 Unternehmen und Institutionen verbunden. Nach der Wiedervereinigung stand die Berliner Wirtschaft vor zentralen Herausforderungen: Es galt, die Wirtschaft aufzubauen, Berlin als attraktiven Standort zu positionieren und Investoren für Berlin zu begeistern. Damals wie heute bedeutet Berlin-Partner zu sein, eine innovative Metropole mit Charisma und Zukunftspotenzial aktiv mitzuprägen. Unsere Partner engagieren sich mit einer Summe von mehr als sechs Millionen Euro für den Standort Berlin und stärken gleichzeitig die Wirtschaftskraft der deutschen Hauptstadt. Ich freue mich darauf, im nächsten Jahr unser 25-jähriges Jubiläum zu feiern.

Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres sind durch Berlin Partner mehr als 5.000 neue Jobs entstanden, das Investitionsvolumen in Ihren Projekten umfasste rund 296 Millionen Euro und die Drittmittel für Innovationen betrugen über 30 Millionen Euro. Toppen Sie diese Zahlen in der zweiten Jahreshälfte?

Unsere Halbjahreszahlen weisen einen stabilen Trend auf: Es entstehen immer mehr Arbeitsplätze bei Unternehmen, die an den Standort ziehen oder innerhalb Berlins eine Erweiterung planen. Tendenz: steigend. Mit 5.119 neuen Arbeitsplätzen haben wir bereits im ersten Halbjahr dieses Jahres nahezu die Gesamtzahl der neuen Arbeitsplätze erreicht, die wir 2014 abgerechnet haben. Das zeigt: Wir sind auf einem guten Weg.

2016 haben Sie den sogenannten „Business Immigration Service“ (BIS) ins Leben gerufen. Wieso?

Der Business Immigration Service ist sogar noch älter. 2016 sind die Beteiligten, darunter die Ausländerbehörde, die IHK Berlin, Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie, die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf hier, im Ludwig-Erhard-Haus, unter ein Dach gezogen. Mit dem BIS haben wir einen einzigartigen Zusammenschluss aller für Visa- und Aufenthaltsfragen relevanten Akteure aus Wirtschaft und Verwaltung. Damit garantieren wir schnelle Kommunikation innerhalb von maximal 48 Stunden und transparente, lösungsorientierte Arbeitsprozesse. Das ist eine Kooperation „at its best“.

Was können Sie uns über Ihr Programm „Start Alliance“ erzählen?

Mit der Start Alliance hat Berlin Partner 2015 ein einzigartiges Städtepartnerschafts-Netzwerk ins Leben gerufen, das Start-ups dabei hilft, den Eintritt in den jeweils anderen Markt zu beschleunigen, Skalierungseffekte zu verstärken, Geschäftsmodelle den internationalen Anforderungen anzupassen und Innovationen zu beschleunigen. Und die Start Alliance ist ein Riesenerfolg: für Berlin, für Berlin-Partner, vor allem aber für die Start-ups, die an den Programmen der Start Alliance teilnehmen. Mit mehr als 100 Unternehmen sind wir ins Ausland gefahren und rund 50 Unternehmen sind nach Berlin gekommen. Mit unseren Partnern in Paris, London, New York, Shanghai, Peking, Tel Aviv, Wien, Warschau und Dubai unterhalten wir gute Kontakte in die weltweit wichtigen Start-up- Hubs. Wir wollen unser Netzwerk aber noch weiterspannen. Dazu gehört, dass weitere Städte hinzukommen und bestehende Partnerschaften – wie zuletzt mit New York – vertieft werden.

„Berlin ist die Stadt, in der heute Antworten auf die Fragen von morgen gefunden werden."

Der jüngste internationale Handelsstreit zwischen den USA und der EU ist vorerst beigelegt. Machen Sie dem US-Motorradbauer Harley-Davidson dennoch weiterhin Avancen?

Ja, denn das ist unsere Aufgabe. Im vergangenen Jahr haben wir fast 100 Unternehmen in Berlin angesiedelt, darunter Softwareunternehmen, Verlage, Dienstleister, produzierendes Gewerbe und viele mehr. Mehr als die Hälfte kam aus dem Ausland nach Berlin, zwölf Prozent aus Nordamerika. Wenn wir wissen, wie im Fall von Harley- Davidson, dass ein Unternehmen auf Standortsuche ist, zeigen wir, dass Berlin die richtige Stadt ist. Ich wurde auch gefragt, ob wir nach Harley-Davidson auch an Levi’s geschrieben hätten. Meine Antwort: Nein, aber nur, weil uns keine konkreten Umzugspläne von Levi’s bekannt sind. Sollte sich das ändern, werden wir auch CEO Chip Bergh anschreiben. Und auch jeden weiteren Konzernchef, der sich dazu entscheidet, seine Firmenpolitik nicht Populismus und Abschottung zu unterwerfen.

In der Hauptstadt werden die Flächen für Industrie und Gewerbe aber nicht nur teurer, sondern auch knapper. Ist das die größte Herausforderung, die Sie in Zukunft haben werden? Oder ist es vielleicht doch der Mangel an schnellem Internet?

Es ist richtig, dass beim Thema Flächen richtig Druck auf dem Kessel ist. Und wir sind bei dem Problem eher am Anfang, denn Berlin wächst – das wäre, selbst, wenn man es wollte, auch nicht zu verhindern, weil die Stadt attraktiv ist für Menschen, weil Berlin Spaß macht und weil man hier ernsthaft arbeiten kann. Die gemeinsame Aufgabe von Wirtschaftsförderung und Politik ist es, dafür zu sorgen, dass Büro- und Gewerbeflächen gesichert und ausgebaut werden. Wir wollen ja auch, dass Menschen, die zu uns kommen, einen Arbeitsplatz in der Stadt haben. Deswegen tut Berlin gut daran, in jedem Kiez Wohn- und Arbeitsflächen vorzuhalten. Es gibt ja noch gewaltige Ressourcen, auch an Flächen für Büros und Gewerbe – etwa am Südkreuz, am Gleisdreieck oder in der Europacity. Mit dem Masterplan Industrie kann man sehen, dass allen Beteiligten bewusst ist, dass man Gewerbeflächen für die Industrie sichern und ausbauen muss. Übrigens: Zum Ausbau der Stadt gehört auch der Breitbandausbau. Das sind zwei Aspekte der gleichen Herausforderung.

Die Spreemetropole gilt als attraktiver Standort für Forschung und Entwicklung, insbesondere für Technologieunternehmen. Welche Branchen werden Berlin zukünftig verändern?

Berlin ist die Stadt, in der heute Antworten auf die Fragen von morgen gefunden werden. Etwa beim Thema Mobilität: Längst hat sich die Hauptstadt als Standort digitaler Geschäftseinheiten von Mobilitätsunternehmen etabliert, siehe Lufthansa, VW mit dem Ideation:Hub, Urban Mobility International, MOIA und Digital:Lab, Mindbox der Deutschen Bahn, die Audi Denkfabrik und viele mehr. Und das gilt auch für alle anderen Bereiche: Etwa zwei Drittel aller Dax-Unternehmen haben ihre Zukunftseinheiten in Berlin und sind mit Digital Hubs, Acceleratoren und Inkubatoren vertreten.

Interview Enrico Blasnik

Bilder: 1, 2 = Berlin Partner