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„TSCHECHIEN IST EUROPA!“
Kristina Larischová erlebte zwar noch nicht den Prager Frühling von 1968, wohl aber die „Samtene Revolution“ von 1989 unter dem Präsidenten Václav Havel. In diesem Jahr machte Larischová ihr Abitur und begann an der Wirtschaftsuniversität Prag ihr Studium in den Fächern Außenhandel, Internationale Politik und Diplomatie, das sie 1994 als Diplom-Ingenieurin abschloss. Sie arbeitete anschließend am Prager Institut für Internationale Beziehungen, davon ab 1998 als stellvertretende Leiterin, und wurde 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag. 2014 wechselte sie ins tschechische Außenministerium in Prag, zunächst als Sektionschefin für Analysen und Kommunikation, ab 2015 als Direktorin der Abteilung für öffentliche Diplomatie. Seit August 2017 ist sie die tschechische Generalkonsulin für die südlichen Bundesländer Deutschlands. Sie hat bis jetzt außerdem mehr als 40 Fachpublikationen zu den Themen Europa und deutsch-tschechische Beziehungen geschrieben.

Sie sind seit August 2017 die tschechische Generalkonsulin für Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland- Pfalz und Saarland, also für die halbe Bundesrepublik, herzlichen Glückwunsch! Wie viele Ihrer Landsleute leben in diesem Gebiet und mit welchen Problemen kommen diese überwiegend zu Ihnen? Welche Schwerpunkte Ihrer Arbeit wollen Sie in Ihrer Münchner Zeit setzen?

Herzlichen Dank für Ihre guten Wünsche! Was die Anzahl der in Süddeutschland lebenden Tschechen angeht, müssen wir uns mit Schätzungen zufriedengeben. Es besteht nämlich diesbezüglich für unsere Bürger keine Meldepflicht gegenüber eigenen Behörden. Wir wissen, dass in der Bundesrepublik mehr als 50.000 Tschechen arbeiten und diese Anzahl steigend ist. Tschechische Arbeitskräfte sind hier sehr gefragt und beliebt. Die Hälfte von ihnen arbeitet in Bayern. Es ist ein Merkmal der Tschechen, dass sie nur ungern wegen der Arbeit umziehen (übrigens auch innerhalb des eigenen Landes), daher arbeiten sie zumeist in den grenznahen Regionen. Unsere typische konsularische Agenda besteht aus der Beschaffung von amtlichen Dokumenten, Beglaubigungen der Unterschriften und Staatsangehörigkeitsangelegenheiten. Weiter sind wir regelmäßig mit der Wahlorganisation beschäftigt. Darüber hinaus gibt es immer wieder Nothilfefälle – bestohlene Bürger, Autounfälle oder Rückführungsverfahren. In diesem Zusammenhang möchte ich die hervorragende Zusammenarbeit mit den hiesigen Behörden – mit der Polizei, mit den Verwaltungen, mit den Gerichten und Staatsvertretungen besonders hervorheben. Momentan verfügen wir über ein Honorarkonsulat in Nürnberg, aber aus weiten Teilen unseres Konsulargebiets müssen unsere Klienten zu uns nach München reisen. Ich persönlich würde gerne während meiner Amtszeit einen Beitrag zur Verbesserung dieser Lage leisten, indem ich auf eine Neubesetzung des Honorarkonsulats in Stuttgart hinarbeite.

Tschechien und Deutschland werden immer eine Sonderbeziehung haben, die historischen Gründe sind bekannt. Betrachten Sie die derzeitige Beziehung als den besonderen Ansprüchen genügend oder eher verbesserungsbedürftig, wenn ja, in welchen Punkten? Und wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen dem tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Die deutsch-tschechischen Beziehungen befinden sich auf ihrem historisch besten Niveau. Man muss sich allerdings immer dessen bewusst sein, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, dass der erreichte Zustand viel Mut, guten Willen beiderseits und auch viel politisches Kapital gekostet hat. In diesem Sinne sind die ausgezeichneten Beziehungen zwischen unseren Staaten kein Selbstläufer und man muss sie weiter pflegen. Es ist gelungen, 2015 den Deutsch-Tschechischen Strategischen Dialog zwischen unseren beiden Regierungen zu starten und vielschichtig zu entwickeln. Frau Bundeskanzlerin ist schon mehrmals Herrn Andrej Babiš begegnet, die beiden kennen und respektieren sich gegenseitig. Es hilft auch, dass unser Ministerpräsident fließend Deutsch spricht. Wir haben im Moment eine Regierung in Demission, die neue Koalition benötigt wie in Deutschland ein Mitgliedervotum der sozialdemokratischen Basis. Falls wir bald eine Regierung mit Vertrauen bekommen, wird dies wieder die Voraussetzungen für einen regelmäßigen Austausch und ein wünschenswertes business as usual schaffen.

Andrej Babiš ist zwar kein Viktor Orbán oder Jarosław Kaczynski, aber auch nicht gerade bekannt als glühender Europäer. Wie werden sich die Beziehungen zwischen Tschechien und Europa in den nächsten Jahren nach Ihrer Meinung entwickeln?

Tschechien ist Europa! Es liegt in dessen Herzen und unsere Regierung stellt sich eindeutig proeuropäisch. Keiner in der Regierung stellt die liberale Demokratie oder die Prinzipien des Rechtsstaates infrage. Die Anbindung an die NATO sowie unsere feste Verankerung in der EU bleiben der wichtigste Referenzrahmen unserer Außenund Europapolitik. Ministerpräsident Babiš mag zwar europaskeptisch sein, aber lange noch nicht europafeindlich. Gerade im Rahmen der Visegrád-Gruppe sind die Tschechen die Brückenbauer Europas, und Deutschland wird als einer der wichtigsten Partner wahrgenommen. Tschechien ist ein extrem exportorientiertes und stark industrialisiertes Land. Unser erstrangiges Interesse, sowohl im Bereich der Sicherheit als auch des Wohlstands, kann am besten innerhalb der EU sichergestellt werden. Ein Entstehen von neuen Grenzen, von neuen Peripherien in der EU ist nicht in unserem Interesse. Diese Überzeugung teilt unser Ministerpräsident – vergessen Sie nicht, dass er aus der Unternehmerwelt kommt.

Sie haben auch schon eine Rede bei der Seliger- Gemeinde gehalten. Die Sudetenfrage ist ein dunkler Punkt in der Geschichte unserer Länder. Glauben Sie, dass sich das Problem durch längeren Zeitablauf von selbst erledigt oder das kollektive Gedächtnis noch lange belastet? Mit welchen Maßnahmen könnte man dieses Problem lindern oder lösen?

Es stimmt, dass die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach für viele junge Menschen heute schon eine Urgeschichte sind. Wir wissen, dass es unmöglich ist, die Vergangenheitstraumata auf beiden Seiten und das geschehene Unrecht wiedergutzumachen. Desto wichtiger ist es, über unsere Geschichte mit ihren Schattenseiten die Wahrheit zu erfahren und vor ihrer Wiederholung zu warnen. Dazu haben wir gemeinsam gut funktionierende Institutionen aufgebaut – heuer feiern wir bereits das 20-jährige Bestehen des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Ich bin sehr stolz darauf, seit vielen Jahren ehrenamtlich in dessen Verwaltungsrat arbeiten zu dürfen. Wir haben gemeinsam in konkrete Projekte investiert und uns im Gesprächsforum über unsere gemeinsame Geschichte aufrichtig ausgetauscht. Im Verlauf der letzten zwei Dekaden sind auch dank dieser Institutionen – sowie der Initiativen von unten – unsere Beziehungen robust, eng und nachhaltig geworden.

In der Flüchtlingsfrage haben Tschechien und Deutschland ziemlich konträre Standpunkte. Aus welchen Gründen lehnt Tschechien die Aufnahme von Flüchtlingen und die deutsche Flüchtlingspolitik ab?

Die Aufnahme von Einwanderern aufgrund einer EU-Quote wird langfristig nicht nur in Tschechien als hochproblematisch wahrgenommen. Es hat sich bald gezeigt, dass die Migranten-Quoten einfach nicht funktionieren. Diejenigen, die bei uns aufgenommen wurden, sind bei erster Gelegenheit entweder nach Deutschland oder nach Skandinavien abgereist. Tschechien meint, es wäre besser, mehr finanzielle und technische Hilfe in den Quellenländern zu leisten, um der Flucht vorzubeugen – und hierbei hat mein Land die Spitzenposition unter den Visegrád- Staaten. Aufgrund ihrer leidvollen Geschichte im 20. Jahrhundert (nach der Vorherrschaft der Nazis kam bald die Eingliederung in den sowjetischen Machtblock) befürchten die Tschechen jegliche Bevormundung. Die Tatsache, dass man in einer so empfindlichen Frage, wie es die Aufnahme von Flüchtlingen ist, von den Innenministern der anderen EU-Staaten einfach überstimmt wird, ist Ursache einer Frustration bei allen Visegrád-Ländern. Da muss man schon sehr vorsichtig sein: Wenn man sich nicht auf Augenhöhe von den EU-Partnern behandelt fühlt, könnten schnell die antieuropäischen Populisten davon profitieren.

Sie sind Mitglied des Verwaltungsrates des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und sprechen perfekt Deutsch. Was begründet Ihre Neigung, sich so intensiv mit den deutsch-tschechischen Beziehungen zu beschäftigen? Haben Sie eine besondere Affinität zu Deutschland?

Ich stamme aus Südböhmen. Bei uns im Süden bekommt man schnell eine Affinität zur deutschen Sprache. Viele von uns haben vor der „Samtenen Revolution“ österreichisches Fernsehen verfolgt, um zu wissen, was wirklich in der Welt passiert. Als ich Kind war, hat meine Oma mit mir oft auf Deutsch geredet, was ich damals nicht mochte. Sie war Jahrgang 1902 und hatte nie richtig Tschechisch gelernt. Sie erlebte beide Kriege und danach auch noch eine allzu lange Ära der kommunistischen Herrschaft. Ein schweres Leben. Gott sei Dank durfte sie die Revolution noch miterleben. Mit solchen Biografien in der eigenen Familie ist das Interesse an der Geschichte und Politik unseres unruhigen Zentraleuropas sofort geweckt.

Nach der sogenannten „Samtenen Revolution“ 1989 dauerte es 22 Jahre, bis ein bayerischer Ministerpräsident, nämlich Horst Seehofer, in Tschechien einen Staatsbesuch machte. 2014 wurde dann die Repräsentanz des Freistaats Bayern in Prag eröffnet. Kann man heute von normalen politischen Verhältnissen zwischen den unmittelbaren Nachbarn Tschechien und Bayern sprechen, oder was ließe sich noch verbessern?

Tatsächlich, die Beziehungen haben sich in den letzten Jahren nicht nur zur politischen Normalität, sondern sogar über diese hinaus zu einer nachbarschaftlichen Freundschaft entwickelt. Die Sprachbarriere ist oft die einzige wirkliche Hürde. Natürlich lässt sich noch vieles verbessern – es fallen mir außer den noch stark ausbaufähigen Sprachkenntnissen auch die notwendige Schnellzugverbindung zwischen Prag und München ein. Wirtschaftlich stehen wir ganz fantastisch da: Mehr als 80 Prozent der tschechischen Ausfuhr steuert in die EU, wobei Deutschland mit Abstand der wichtigste Handelspartner bleibt, und zwar mit einem Anteil von fast 30 Prozent am gesamten Außenhandelsumsatz. Die wirtschaftliche Verflechtung Tschechiens mit Deutschland ist enorm, der Freistaat Bayern steht im Rahmen der Bundesrepublik mit großem Abstand an der ersten Stelle. Mit einem Gesamtumsatz von 20,1 Milliarden Euro schafft der tschechisch-bayerische Handel fast ein Viertel des tschechisch-deutschen Außenhandels! Wir erzielen mit Bayern einen Handelsüberschuss, worauf wir stolz sind. Ebenfalls erfreulich ist es, dass Tschechien in der regelmäßigen Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer als Standort Nummer eins für Handel und Investitionen unter allen mittel- und osteuropäischen Ländern bezeichnet wird.

Sie arbeiteten lange als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Internationale Beziehungen in Prag und haben sich mit der deutschen Außen- und Europapolitik auseinandergesetzt. Was schätzen Sie an Deutschland besonders und was würden Sie auf jeden Fall verbessern?

Deutschland ist ein unheimlich buntes und schönes Land mit einer kulturellen Vielfalt, die fasziniert. Für einen Ausländer ist oft der deutsche Föderalismus etwas, was man zuerst zu verstehen lernen muss. An der Bundesrepublik gefällt mir die hochentwickelte Kultur der Kompromissfähigkeit, Toleranz und ein Grundverständnis für die legitimen Interessen der anderen. Die konsensorientierte Politik fördert Kontinuität und Vorhersehbarkeit, die in unserer komplexen Welt einen Wert an sich darstellen. Deutschland ist sich zunehmend seiner Verantwortung für die Weltgemeinschaft bewusst, und es ist auch gut so. Was ich an Deutschland verbessern würde? Ich bin momentan in Ihrem Land zu Gast und wurde überall sehr freundlich aufgenommen. Als Gast und Diplomatin zugleich kann ich schwer etwas kritisieren. Und übrigens: Es stimmt überhaupt nicht, dass die Deutschen keinen Sinn für Humor haben!

Zuletzt eine persönliche Frage: Wie schaffen Sie bei diesem Arbeitspensum den Ausgleich zwischen Beruf, Freizeit, Freundschaften und Familie, die Work-Life-Balance?

Ich bin ein Sonntagskind. Ich habe bisher im Leben immer viel Glück gehabt: Ich habe ein harmonisches Familienleben, eine Arbeit, die mir Spaß macht, tolle Kolleginnen und Kollegen und nicht zuletzt gute und interessante Freunde, in deren Gesellschaft man schnell die Kräfte wieder regeneriert. Vieles davon, was ich heute mit großer Wertschätzung genießen darf, ist der Tatsache zu verdanken, dass ich noch jung genug war, als der Eiserne Vorhang fiel. Schon deshalb halte ich mich für eine glückliche Person.

INTERVIEW Dr. Helmut Schmidt

Bilder: 1 = Jakub Sejkora – unsplash.com | 2, 3, 5, 6 = Dr. Helmut Schmidt | 4 = Michael Santifaller