Interview » mit dem Repräsentanten der Taipeh Vertretung in Deutschland Dr. Wu-lien Wei

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“Der Standort Taiwan gilt als hervorragende strategische Plattform für den Chinahandel”

Ein Interview mit dem Repräsentanten der Taipeh Vertretung in Deutschland Dr. Wu-lien Wei

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ie Wiederwahl des Präsidenten Ma Yingjeou am 14. Januar 2012 zeigt ein Votum der Taiwaner für die Fortsetzung der wirtschaftlichen Annäherung an China. Wie geht es damit konkret weiter?

Die Folgegespräche im Rahmen des Economic Cooperation Framework Agreement (ECFA) zwischen Taiwan und Festlandchina werden fortgesetzt. Gesprächsschwerpunkte sind unter anderem der Handel mit Gütern und Dienstleistungen, Investitionsschutz sowie Streitschlichtung bei Handelskonflikten. Darüber hinaus will das Taiwan External Trade Development Council (TAITRA ), Taiwans Außenhandelsorganisation, zur Förderung des bilateralen Handels seine Präsenz im Festlandchina ausbauen. Insgesamt werden sechs TAITRA -Büros im Laufe des Jahres eröffnet.

Taiwan setzt auf zukunftsweisende Hightech Branchen und ist einer der Marktführer bei der Herstellung von Notebooks und Motherboards. Wie wird dieser Bereich weiter ausgebaut?

Taiwanische Unternehmen produzieren vor allem als Auftragshersteller und -entwickler für fast alle großen internationalen Anbieter in der Informations- und Kommunikationsbranche. Diese Märkte unterliegen schnellen Veränderungen, weshalb taiwanische Hersteller auf neue Herausforderungen mit neuen Produkten reagieren. Namhafte Unternehmen wie Acer und Asus wollen mit Ultrabooks neue Maßstäbe setzen. Ultrabooks sind sehr dünne und leistungsstarke Geräte, die Funktionen sowohl von Notebooks als auch von Tablet-PCs anbieten. Zudem wird verstärkt in die Forschung und Entwicklung sowie die Vermarktung von Eigenmarken investiert. Damit kann die Abhängigkeit vom Auftragsgeschäft reduziert und die Marge erhöht werden.

Was macht Taiwan für Investoren interessant?

Der Standort Taiwan gilt als hervorragende strategische Plattform für den Chinahandel. Es besitzt gut entwickelte Industrie-Cluster, eine moderne Infrastruktur, einen hohen Anteil an gut ausgebildeten Fachkräften, Rechtssicherheit auch im Patent- und Urheberrechtsschutz und transparente Steuer- und Abgabengesetze. Auch das reiche Investitionskapital zieht Investoren nach Taiwan.

Taiwan erreicht nach dem jüngsten Profit Opportunity Recommendation Bericht (POR) der amerikanischen Business Environment Risk Intelligence S.A. (BERI) weltweit den 3. Rang für Investitionen. Gleichzeitig leben immer mehr Familien unterhalb der Armutsgrenze. Wie soll dieser Prozess gestoppt werden?

Die taiwanische Regierung ergreift seit längerem Maßnahmen gegen die bestehende Arbeitslosigkeit. Sozial Benachteiligte und sozial schwache Familien erhalten in Taiwan finanzielle Unterstützung. Um den Menschen neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen, fördert die Regierung zum Beispiel vielfältige berufliche Qualifizierungsmaßnahmen. Sie führte eine Luxussteuer ein und plant die Einführung einer Vermögenssteuer mit dem Ziel, die Schere zwischen Arm und Reich weiter zu schließen.

Seit Mitte der 1990er Jahre fördert Taiwan eine moderne Umweltpolitik mit erneuerbaren Energien. Obwohl jährlich tausende Erdbeben sowie Taifune registriert werden, betreibt das Land drei Atomkraftwerke. Ein viertes befindet sich im Bau. Ist langfristig ein Atomausstieg vorgesehen?

Als Insel ist Taiwan nicht mit seinen Nachbarländern vernetzt und kann von dort keinen Strom beziehen. Das Land benötigt aber eine zuverlässige, stabile und autarke Stromversorgung. Deshalb hat Taiwan bisher primär auf die Atomkraft gesetzt. Beim Betrieb der Anlagen wird nach strengen Sicherheitsstandards verfahren. Die vereinbarten Laufzeiten der Atomkraftwerke werden genau eingehalten, und es wird keine erneuten Verlängerungen der Laufzeiten geben. Damit wird eine allmähliche Abkehr von der Atomenergie eingeleitet. Um die Abhängigkeit von der Atomkraft zu lockern, werden die erneuerbaren Energien zur Stromversorgung verstärkt ausgebaut.

Worauf legt Taiwan bei der Bildung besonderen Wert? Welche Programme gibt es hier?

Taiwan hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Bildungsreformen durchgeführt und hält die Lehreinrichtungen auf dem neuesten technologischen Stand. Die vier Hauptziele im neuen Bildungsplan des taiwanischen Fotos Mohamed El-Sauaf Bildungsministeriums sind im kürzlich veröffentlichten Centennial Education Report benannt: Internationale Kompetenz, Innovation, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.

Daher ist die Internationalisierung des Bildungswesens ein besonderer Schwerpunkt. Programme wie das „Projekt zur Förderung der Hochschulinternationalisierung“ und der „Entwicklungsplan für weltweit führende Universitäten und Kompetenzzentren in der Forschung“ ermöglichen taiwanischen Universitäten, Akademiker aus dem Ausland anzuwerben. Sie fördern den Austausch von Studenten und Wissenschaftlern wie auch internationale Kooperationen mit Hochschulen und Organisationen. Es gibt Regierungsstipendien und staatlich geförderte Sonderstudiengänge. Viele Hochschulen bieten in Zusammenarbeit mit ausländischen Partneruniversitäten in Studiengängen mit integriertem Auslandsstudium die Möglichkeit zum Erwerb eines Doppelabschlusses.

Traditionell legt die Regierung auch viel Wert auf die Sprachausbildung. Viele Studenten nehmen das hervorragende Angebot an und kommen zu einem Sprachstudium nach Taiwan.

Was macht Taiwan für Touristen attraktiv?

Taiwan ist ein Schmelztiegel vieler kultureller Strömungen. Es hat sich zum Ziel gesetzt, das Alte zu bewahren und gleichzeitig zukunftsfähig zu sein. Das Land bietet mit seinen drei Klimazonen eine abwechslungsreiche Natur, erhabene Bergregionen und wunderbare Strände. Taiwan ist ein Paradies für Bergsteiger, Wassersportler und Fahrradfahrer zugleich. Doch auch das Stadtleben kommt nicht zu kurz. In den vibrierenden Metropolen kann man zahllose kulturelle Höhepunkte genießen. Es gibt fantastisches Essen und man trifft aufgeschlossene und gastfreundliche Menschen. Wenn man nach Taiwan reist, erlebt man die ganze Bandbreite dessen, was einen Urlaub zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.

Taiwan engagiert sich stark in der Entwicklungshilfe und hofft, dadurch internationale Anerkennung zu erringen. Wie sieht der Beitrag Taiwans konkret aus?

Nachdem Taiwan nach dem Zweiten Weltkrieg auf großzügige, ausländische Unterstützung angewiesen war, wechselte es im Zuge des Wirtschaftswunders die Rolle und wurde zu einem Geberstaat. Als Industriestaat besitzt es mittlerweile die viertgrößten Devisenreserven weltweit und hat seine Auslandshilfe erheblich ausgeweitet. Sie umfasst heute ein breites Spektrum gut finanzierter und sachkundig geführter Programme, die von staatlichen und privaten Organisationen umgesetzt werden und einen Umfang von 100 Millionen US-Dollar im Jahr haben.

Im Jahre 1996 wurde der Internationale Kooperations- und Entwicklungsfonds Taiwan (TaiwanCDF) als oberste Körperschaft für die staatlich finanzierten Auslandshilfsprogramme Taiwans begründet. Er unterhält derzeit 33 technische Missionen im Ausland, die meisten in Lateinamerika, der Karibik, Afrika und Ozeanien, die langfristig vor Ort in den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei, Bewässerung, Verkehr und Informationstechnologie engagiert sind. Bei Katastropheneinsätzen, wie in Haiti oder Fukushima, sind Taiwans Helfer aktiv und in der taiwanischen Bevölkerung gibt es eine große Bereitschaft, für wohltätige Zwecke zu spenden.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben viele taiwanische NGO’s ihren Wirkungsbereich global ausgeweitet. Die buddhistische Stiftung Tzu Chi ist ein bekanntes Beispiel für diese Entwicklung. Weltweit kann sie auf zwei Millionen freiwillige Helfer in 61 Ländern zurückgreifen. 2003 wurde sie für ihre hervorragenden Leistungen gewürdigt, indem Tzu Chi offiziell als mit der UNO verbundene NGO ausgewählt wurde.

Mit seiner gut ausgebauten Entwicklungshilfe leistet Taiwan einen wichtigen Beitrag für die Weltgemeinschaft. Es wäre nur fair, wenn Taiwans großer Anteil an internationalen humanitären Hilfsleistungen auch von der internationalen Gemeinschaft entsprechend anerkannt und positiv bewertet würde.

fotos Mohamed El-Sauaf / Hao Chen-tai | text Beate Baldow

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6 = unbekannt