Bildungsspecial März 2017 » Mit digitaler Bildung gegen Fake News

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Mit digitaler Bildung gegen Fake News
„FAKEBOOK“ statt Facebook? Immer mehr Falschmeldungen verbreiten sich im Internet und werden nicht selten auch für politische Zwecke missbraucht. Während die deutsche Regierung schärfere Gesetze fordert, halten Experten eine bessere Aufklärung der Nutzer für sinnvoll, damit diese selbst die Kompetenz entwickeln, um Falschnachrichten entlarven zu können.
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bama unterzeichnet Dekret, um das Verlesen des amerikanischen Treueschwurs in Schulen zu verbieten“, „Papst Franziskus schockt die Welt und unterstützt Donald Trump als Präsident“ oder „ISIS-Anführer ruft amerikanische Muslime dazu auf, Hillary Clinton zu wählen“. Diese griffigen Schlagzeilen haben eines gemeinsam – allesamt sind es Fake News. Es handelt sich um keine echten Nachrichten, sondern Falschmeldungen, die meist über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter verbreitet werden. Zum Problem wird dies, da Social Media einen immer größeren Stellenwert bei der Nachrichtenvermittlung einnimmt. So nutzen nach einer Studie des Pew Research Centers 44 Prozent der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung Facebook als Nachrichtenquelle. Ein weiteres Problem ist dabei die Art und Weise, wie Facebook funktioniert. Das Netzwerk überwacht zwar den Nachrichtenfluss zwischen seinen Nutzern, aber unterzieht die Inhalte keiner redaktionellen Kontrolle. Zudem ziehen spektakuläre Falschmeldungen mehr Leser an, was von Facebook automatisch registriert wird und den Stellenwert der Falschmeldung bei den Nachrichtenvorschlägen für andere Nutzer künstlich erhöht.

So konnte es während des US-Wahlkampfs passieren, dass sich eine erfundene Meldung, nach der zehntausende zugunsten der Kandidatin Hillary Clinton vorausgefüllte Wahlzettel, nebst Wahlurnen, in einem Lagerhaus in Ohio gefunden wurden, rasend schnell verbreitete. Der Urheber, ein arbeitsloser College-Absolvent, platzierte die Meldung auf einer Internetseite, die er zu dem Zweck angemietet und im Stil einer Nachrichtenseite gestaltet hatte und versah die Meldung mit einem Archivfoto, das er im Internet gefunden hatte. Er erreichte so, dass seine Meldung von rund sechs Millionen Nutzerkonten in den sozialen Netzwerken geteilt wurde! In Deutschland sorgte neben dem Fall Lisa (siehe DM 02/2017) ein erfundenes Zitat der Grünen- Politikerin Renate Künast für Aufsehen. Im Zusammenhang mit dem Mord an einer Freiburger Studentin und der Festnahme eines Verdächtigen wurde ein angeblich von Künast stammendes Zitat auf diversen Facebook- Seiten verbreitet. „Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen“, soll die Politikerin der Süddeutschen Zeitung gesagt haben. „Dieses Zitat ist frei erfunden“, stellte Künast klar, als die Worte bereits durch die Netzwerke geisterten. Neben dem Inhalt beklagte sich die Grünen- Politikerin zudem darüber, dass es volle drei Tage dauerte, bis Facebook den Eintrag schließlich löschte.

Damit die sozialen Netzwerke in Zukunft entschiedener gegen Falschnachrichten und Hassbotschaften vorgehen, plant die Regierung nun ein Gesetz gegen Fake News. Laut SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sollen marktbeherrschende Plattformen wie Facebook gesetzlich verpflichtet werden, auf deutschem Boden eine Rechtsschutzstelle zu errichten. Diese solle an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden erreichbar sein. Betroffene sollen sich dorthin wenden können und belegen, dass sie Opfer von Falschnachrichten geworden sind. „Wenn Facebook nach entsprechender Prüfung die betroffene Meldung nicht unverzüglich binnen 24 Stunden löscht, muss Facebook mit empfindlichen Bußgeldern bis zu 500.000 Euro rechnen“, erläuterte der SPD-Fraktionschef. Und Bundesjustizminister Heiko Maas polterte via Bild-Zeitung: „Facebook verdient auch mit Fake News sehr viel Geld. Wer im Netz Milliardengewinne erzielt, der hat auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Strafbare Verleumdungen müssen umgehend nach Meldung gelöscht werden.“

Immerhin Letzteres soll nun besser werden, nachdem Facebook ankündigte, dass zweifelhafte Posts für alle Nutzer sichtbar als „umstritten“ gekennzeichnet werden können. Das Unternehmen von Mark Zuckerberg macht es sich jedoch sehr einfach, indem es möglichst selten redaktionell in die Newsfeeds seiner Nutzer eingreifen will und stattdessen auf deren Eigenverantwortung baut. „Wir glauben daran, Menschen eine Stimme zu geben und können nicht selbst Schiedsrichter der Wahrheit werden“, sagte Facebook-Manager Adam Mosseri.

Mindestens ebenso wichtig wie der gesetzliche Rahmen und Verbesserungen der Netzwerke ist daher Bildung. Jeder sollte in der Lage sein zu erkennen, was richtig ist und was nicht. „Ein großes Problem ist, dass die Fake News auf einen sehr fruchtbaren Boden in der Gesellschaft fallen“, sagte Linus Neumann vom Chaos Computer Club der ARD. Es sei problematisch, dass Bürger nicht die Kompetenz haben, eine Quelle einschätzen zu können. Man müsse Aufklärungsarbeit leisten, damit Menschen Fake-News selbst erkennen können. Mehr digitale Bildung fordert auch der Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Stanford Sam Wineburg. „Wir leben in einer komplett neuen Realität. Bevor es das Internet gab, haben Experten über ihr Fachgebiet gesprochen, Journalisten Informationen geprüft und aufbereitet. Die Verantwortung, die sie für uns übernommen haben, fällt im Internet nun jedem Einzelnen zu. Das hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben“, sagte er in einem Zeit-Interview. Er berichtete zudem davon, dass bei Untersuchungen an US-Schulen ein Großteil der Schüler nicht zwischen Nachrichten und Werbung bzw. PR-Beiträgen unterscheiden konnte. Da liegt es nahe, dass Schulen Medienkunde als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler einführen und darin unterrichten könnten, wie man bei der Betrachtung und Bewertung von Nachrichten vorgeht und was man bei den zugrunde liegenden Quellen beachten sollte.

So lange es in den Schulen noch kein Fach dazu gibt, können sich Schüler und Interessierte an die Non-Profit-Organisation Mimikama halten (der Vereinsname bedeutet auf Suaheli „Gefällt mir“). Bekannt geworden ist Mimikama speziell über die auf Facebook betriebene Initiative ZDDK (Zuerst denken – dann klicken), die sich vor allem mit Fake News beschäftigt. Auf deren Internetseite unter mimikama. at/allgemein/fake-news-erkennen gibt es ein paar Regeln, wie man selbst Fake News entlarven kann:

1. Überspitzte Darstellung: Eine solche Verkürzung eines Inhaltes unter Auslassung von umsichtigen Erklärungen sollte ein erstes Alarmsignal sein. Viel Meinung, wenig Inhalt, eine kaum belastbare Quelle, wenn überhaupt vorhanden, sowie stark verkürzte und nahezu auf Schlagzeilen komprimierte Darstellungen sollten mit Vorsicht genossen werden.

2. Wer schreibt hier überhaupt? Man sollte in das Impressum einer Webseite oder eines Blogs schauen. Hat man es mit transparenten und seriösen Angaben zu tun oder eher mit einer wahllosen und nicht nachvollziehbaren Adressangabe eines Postfaches in Mittelamerika? Oder ist vielleicht sogar gar kein Impressum vorhanden? Nicht vorhandene Ansprechstellen sind eher kritisch einzuordnen. Ebenso gilt es zu differenzieren: handelt es sich um einen Meinungsblog oder eine seriöse Presseseite?

3. Inhaltlicher Gegencheck: Finden sich diese Inhalte auf anderen Medienportalen ebenso? Hier hilft eine Googlesuche unter dem News-Reiter. Wurde dieses Thema von verschiedenen Journalisten jeweils aufgearbeitet oder findet sich lediglich ein reines Copy& Paste durch anonym betriebene Blogs wieder? Man trage Teile der Schlagzeile in die Google-Suchzeile ein, und ein oftmals gleicher Wortlaut der Meldungen weist dann auf unreflektierte Kopien hin.

4. Bildercheck: Verrückte Situationen mit harten Bildern – gehört das Bild zu einer Geschichte oder gar die Geschichte zu einem Bild? Sehr verbreitet ist der „Hybrid-Fake“, bei dem entweder das Bild eine reale Situation zeigt, der dazu gehörige Text jedoch falsch ist, oder aber ein Textinhalt korrekt ist, jedoch bildlich falsch in Szene gesetzt wird. Hier hilft eine Rückwärtssuche für Bilder über Google, TinEye Reverse Image Search oder Yandex.

5. Filter in Suchmaschinen nutzen: Wenn man bemerkt, dass ein Ergebnis offensichtlich doch nicht so brandneu ist, wie es eine Webseite verkaufen möchte, dann sollte man im Schachtelprinzip den Zeitfilter anwenden.

6. Die Mimikama-Suchmaschine: Unter der Voraussetzung, dass ein bestimmtes Thema bereits behandelt wurde, kann man über die Suchmaschine http://hoaxsearch.com/ auf klassische Weise nach Falschmeldungen suchen.

Text Raimon Klein

Bilder: 1 = Department for Communities and Local Government (flickr.com) | 2 = Fibonacci Blue (flickr.com) | 3 = Heinrich-Böll-Stiftung (flickr.com) | 4 = mimikama | 5 = Metropolico.org (flickr.com)