Bildungsspezial März 2014 »

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Ein Recht auf gemeinsames Lernen
Deutschlands Weg zu einem inklusiven Schulsystem

Nach der Ratifizierung, der UN-Behindertenrechtskonvention vor 5 Jahren hat jedes Kind ein Recht auf eine Ausbildung in einer Regelschule, auch jene mit einer körperlichen Behinderung, Lernschwäche oder Verhaltensauffälligkeit. Trotz dieser völkerrechtlichen Verpflichtung schneidet die Bundesrepublik im europäischen Vergleich bei der Inklusionsquote schlecht ab. Es fehlen vor allem grundlegende Konzepte und Gelder für Schulumbauten und zusätzliches Personal.

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und eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Kinder und Jugendliche leben in Deutschland. Weit über die Hälfte von ihnen besuchen Sonderschulen oder spezielle Förderzentren. Mit der Inkraftsetzung des „Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (BRK) in 2009 hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, allen Kindern mit Handicap eine inklusive Beschulung zu ermöglichen. Eine bildungsstatistische Analyse der Bertelsmann Stiftung von 2013 belegt, dass der Anteil von behinderten Schülern in allgemeinbildenden Einrichtungen in den letzen Jahren um 6,6 Prozent auf insgesamt 25 Prozent gestiegen ist. „Seit Inkrafttreten der BRK hat sich in Deutschland viel entwickelt. Inklusion ist ein Megathema der Bildungspolitik geworden. Das Interesse bei allen Betroffenen und Beteiligten, angefangen bei Eltern und Lehrkräften bis hin zu Verbänden und Stiftungen ist groß“, erklärt Ute Erdsiek-Rave. Die ehemalige schleswig- holsteinische Bildungsministerin leitet seit 2010 den Expertenkreis „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission. Dieser soll die Umsetzung von Ideen und Praktiken bundesweit durch gemeinsame Initiativen vorantreiben. Dabei vernetzt der Kreis Kompetenz und Erfahrungen aus Wissenschaft, Praxis und Politik miteinander und gibt Expertenwissen weiter. Bereits 2009 hatte die Kommission Leitlinien zur Inklusion in der Bildungspolitik herausgegeben. Darin argumentiert sie, dass Schulen Wege finden müssen, beim Unterrichten auf individuelle Unterschiede einzugehen. Davon würden letztendlich alle Kinder profitieren, da sich die Einstellung zu Vielfalt ändere und damit eine Basis für eine gerechte und diskriminierungsfreie Gesellschaft geschaffen werde. Die Maßnahmen, die in der Übersicht vorgeschlagen werden, reichen von der Bildung von Klassenverbänden mit Schülern aus verschiedenen Alters- und Fähigkeitsstufen über die Einführung flexiblerer Lehrpläne bis hin zur Umwandlung von Förderschulen in Kompetenzzentren, die ihre Unterstützung einer Gruppe von Regelschulen anbietet.

Da in Deutschland Bildung Sache der Bundesländer ist, gehen die jeweiligen Regierungen bei der Entwicklung der Schullandschaft ihre eigenen Wege. Die Inklusionsquote ist daher im Vergleich der Länder auch unterschiedlich hoch. So belegt die Studie der Bertelsmann Stiftung, dass in Bremen rund 55 Prozent der Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen. In Niedersachsen sind es 11,1 Prozent. „Noch gibt es über die gemeinsamen ‚Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung‘ der Kultusministerkonferenz hinaus keine gemeinsame Linie in den Bundesländern. Es gibt 16 verschiedene Schulgesetze und damit auch eine höchst unterschiedliche Umsetzung der BRK. Weder bei den quantitativen und qualitativen Zielen noch in der Lehrerbildung kann man insgesamt von ausreichenden Bemühungen sprechen. In fast allen Schulgesetzen gibt es noch Vorbehalte gegenüber inklusiver Beschulung. Sie sollten aufgehoben werden. Inklusion ist ein individuelles Recht. Dem müssen die Gesetze endlich Rechnung tragen“, fordert Erdsiek- Rave.

Die Bedenken der Landesregierungen sind oft finanzieller und materieller Art. In vielen Regionen werden dringend Gelder für den behindertengerechten Ausbau von Bildungseinrichtungen und die Einstellung von zusätzlichem Personal benötigt. Es fehlt jedoch meist die entsprechende finanzielle Ausstattung. In Thüringen beispielsweise wurde im Sommer vergangenen Jahres ein „Entwicklungsplan zur Inklusion“ beschlossen. In den kommenden zehn Jahren will das Bundesland 28 Millionen Euro investieren. Bis 2018 sollen 100 der insgesamt knapp 800 Schulen im Freistaat barrierefrei sein. In Berlin hingegen wurde der weitere Ausbau der Inklusion vorerst ausgebremst, da im Doppelhaushalt 2014/15 weniger Geld für Vorhaben bereitgestellt wird. Die Bertelsmann Stiftung hat errechnet, dass die Bundeshauptstadt in den kommenden Jahren 864 zusätzliche Lehrer benötigt, um das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern in der Regelschule zu ermöglichen. Das würde jährlich 61,3 Millionen an Mehrkosten bedeuten. In ganz Deutschland wären fast 10.000 weitere Lehrer nötig. Dies entspricht einem zusätzlichen Finanzbedarf von 660 Millionen Euro pro Jahr. Stärker investiert werden müsse in diesem Zusammenhang auch in die Aus- und Fortbildung der Lehrer. Viele Pädagogen würden sich laut Bertelsmann Stiftung auf den inklusiven Unterricht nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Bislang gäbe es keine konkreten Regelungen hinsichtlich der erforderlichen Lehrerqualifikation für inklusiv beschulende Lehrkräfte.

Dass Inklusion eine Herausforderung für das gesamte deutsche Schulsystem darstellt, zeigt auch der internationale Vergleich. In Europa lernen durchschnittlich 85 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit nicht behinderten Altersgenossen. Deutschland ist mit einer Quote von 25 Prozent eines der Schlusslichter im Staatenvergleich. Vor allem in den südeuropäischen und skandinavischen Ländern ist inklusive Bildung weit umgesetzt. Dort besuchen weniger als ein Prozent aller Schüler gesonderte Bildungseinrichtungen. In Italien wurden Förderschulen und Sonderklassen schon vor über 30 Jahren abgeschafft. Alle Schüler werden bis zur 8. Klasse in den gleichen Bildungseinrichtungen unterrichtet und können anschließend zwischen verschiedenen Oberschulen wählen. Für jedes Kind wird ein individueller Handlungsplan sowie ein Entwicklungsprofil erstellt, das bei einem Wechsel in eine andere Jahrgangsstufe an neue Lehrkräfte weitergegeben wird. Während Sonderpädagogen in Deutschland ein mehrjähriges Studium absolvieren und sich dabei auf eine bestimmte Behinderung spezialisieren, werden italienische Lehrkräfte mit einem kurzen Aufbaustudium für sämtliche Behinderungen zu Fachlehrern und damit vielseitig einsetzbar. „Auch wenn unsere europäischen Nachbarn die Inklusion im Schulwesen vorbildlich gestalten, müssen wir, wie jedes andere Land auch, einen eigenen Weg finden“, betont Erdsiek-Rave. „Konzepte lassen sich nicht eins zu eins übertragen, denn die Rahmenbedingungen unterscheiden sich zum Teil erheblich. Aber lernen können und sollten wir selbstverständlich von guter inklusiver Praxis in anderen Ländern, ob es sich dabei um die skandinavischen Ländern oder auch um Kanada handelt.“ Am 19. und 20. März 2014 richtet die Deutsche UNESCO-Kommission zusammen mit einer Reihe von Partnern den Gipfel „Inklusion – Die Zukunft der Bildung“ in Bonn aus. Auch die Expertengruppe unter der Leitung von Ute Erdsiek-Rave wird an diesem Treffen teilnehmen und mit den anderen Teilnehmern die bisherige Entwicklung in Deutschland auf den Prüfstand stellen. Zusammen wollen sie neue Leitlinien und Lösungsansätze für die gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder formulieren.

text Manuela Fuchs

Bilder: 1, 5 = Honza Soukup (flickr.com) | 2, 4 = Eugene Kim (flickr.com) | 3 = Berechnungen durch Klaus Klemm auf der Grundlage von: KMK 2012a