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„ISRAEL MÖCHTE MIT SEINEN NACHBARN IN FRIEDEN LEBEN.“

Seit August 2017 ist Sandra Simovich als israelische Generalkonsulin für die Amtsbezirke Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland zuständig. Geboren 1974 in Rumänien, wanderte sie noch als Kind mit ihren Eltern nach Israel aus. Dort studierte sie Rechtswissenschaften und widmete sich nach dem Examen dem diplomatischen Dienst. Sie wurde zunächst stellvertretende Botschafterin in Bukarest und anschließend Vertreterin Israels für Menschenrechtsfragen bei den Vereinten Nationen. 2014 ging sie als politische Beraterin an die israelische Botschaft in Berlin, wo sie den Grundstein zur späteren Berufung als Generalkonsulin in München legte. Mit dem Diplomatischen Magazin sprach sie über das Verhältnis zu den Nachbarstaaten, die Innovationsstärke Israels und den Konsularplatz München.

Frau Simovich, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung als Generalkonsulin für Israel in München. Mit welchen Problemen kommen Ihre Landsleute überwiegend zu Ihnen? Welche Schwerpunkte Ihrer Arbeit wollen Sie in Ihrer Münchner Zeit setzen?

Zunächst einmal vielen Dank für die Glückwünsche! Positionen in Deutschland sind für israelische Diplomaten sehr interessant und wichtig, was an den besonderen Beziehungen unserer beiden Länder liegt. Ich bin wirklich sehr froh und fühle mich geehrt, dass letzten Endes ich nach München berufen wurde. Als Generalkonsulat des Staates Israel sind wir als diplomatische Vertretung für die erwähnten fünf süddeutschen Bundesländer zuständig. Das ist ein großer Teil Deutschlands und ein wirtschaftlich und kulturell besonders wichtiger. Die Verbindungen zwischen Israel und dem süddeutschen Raum sind ebenfalls besonders stark. Dies verdeutlicht auch die Tatsache, dass unser Generalkonsulat das einzige in der Europäischen Union ist – sonst gibt es allein israelische Botschaften in den jeweiligen Hauptstädten. Der Freistaat Bayern hat gerade, in Anwesenheit von Staatsministerin Beate Merk, als erstes Bundesland eine Auslandsvertretung in Israel eröffnet. Ein Schritt, der die guten Beziehungen unterstreichen und ausbauen soll. Für die israelischen Staatsbürger, die in unserem Zuständigkeitsbereich leben, sind wir mit unserer konsularischen Abteilung zum einen natürlich Anlaufstelle bei einer Vielzahl von konsularischen Themen, wie bei Fragen zu oder Erneuerungen von Reisedokumenten, Beglaubigungen von Unterlagen, Ausstellungen von Geburtsurkunden und vielem mehr.

Zum anderen ist mein Hauptfokus als neue Generalkonsulin in München die Pflege und der Ausbau der bereits sehr engen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und die Arbeit mit jungen Menschen. Diese sind schließlich die Zukunft und die möchten wir mitgestalten. Neben der gemeinsamen Vergangenheit, die immer von besonderer Bedeutung für mich und für unsere beiden Länder bleiben wird, müssen wir auch eine stabile und gute Beziehung für die neue Generation von Deutschen und Israelis schaffen. Was genau wir hierfür tun? Zunächst versuchen wir, die kommenden Meinungsbildner in den Bereichen Politik, Kultur, Wirtschaft, Medien und Bildung zu identifizieren, und diese dann gezielt anzusprechen. Wir möchten die Vielseitigkeit Israels zeigen, die in Deutschland leider zu wenig bekannt ist. Israel ist nicht nur Religion oder Militär, Israel ist auch jung, innovativ, kreativ, liberal, weltoffen und multikulturell. Deutschland und Israel haben sehr viele gemeinsame Werte und Interessen. Wir müssen uns gegenseitig ergänzen und voneinander lernen. Hier möchte ich zum Beispiel das Thema Cybersicherheit nennen, bei dem Israel Weltmarktführer ist und eng mit Deutschland kooperiert. Gemeinsam mit unseren deutschen Partnern an einer besseren Zukunft arbeiten, das ist, was ich mir während meiner Tätigkeit hier in München wünsche.

Wie würden Sie die derzeitigen Beziehungen Israels zu den Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon definieren? Handelt es sich eher um eine fragile Koexistenz, ein geographisches Nebeneinander oder um ein gelebtes Miteinander?

Mit den genannten Ländern hat Israel unterschiedliche Beziehungen. Mit Syrien und dem Libanon bestehen keine diplomatischen Beziehungen, es wurde nach dem auf die Staatsgründung 1948 folgenden Unabhängigkeitskrieg kein Friedensvertrag unterzeichnet. Im Libanon stellt die große Präsenz der Terrororganisation Hisbollah, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennt und zu dessen Zerstörung aufruft, die größte Gefahr dar. In Syrien besorgt Israel besonders die wachsende Präsenz des Iran. Aus diesen Gründen verlangen die nördlichen Grenzen von Israel aktuell mehr Aufmerksamkeit.

Obwohl Syrien ein feindlicher Staat ist, wurden in den letzten Jahren Tausende verletzte Syrer in israelischen Krankenhäusern behandelt. Da sie oftmals mit besonders schweren Verletzungen eingeliefert werden, bleiben sie oft für längere Zeit dort, und die langwierigen und kostspieligen Behandlungen übernehmen die Krankenhäuser selbst. Zurück in Syrien müssen die Patienten dann ihren Aufenthalt in Israel verheimlichen, da dies sonst ihr Leben gefährden würde. Israel sieht es als moralische Verpflichtung, der leidenden Zivilbevölkerung in Syrien zu helfen. In Israel bezeichnen wir das als „Operation Good Neighbor“ und wir sehen nicht die Zivilbevölkerung als unseren Feind an.

Mit Ägypten und Jordanien herrscht Frieden. Erst am 19. November 2017 feierten wir zum Beispiel das 40-jährige Jubiläum des Besuchs des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat in Israel. Ein historischer Besuch, der erste eines arabischen Anführers. Präsident Sadats Rede im israelischen Parlament – der Knesset – war damals ein wichtiger Meilenstein auf dem langen Weg zum Frieden zwischen Israel und Ägypten. Zu beiden Ländern bestehen diplomatische Beziehungen und es gibt zahlreiche Kooperationen in verschiedenen Bereichen. In der Bevölkerung gibt es leider nicht selten noch Ressentiments, hier müssen wir noch gemeinsam an einer Verbesserung der Beziehungen arbeiten.

Wie geht Israel mit seinen arabischen Mitbürgern um? Sind sie gleichberechtigt? Haben sie bürgerliche Chancen auf Teilhabe am Wirtschaftsleben und Wohlstand? Stehen ihnen die Schulen und Universitäten offen?

Wie Sie schon sagen, es sind Mitbürger, also Bürger des Staates Israel mit den gleichen Rechten wie alle anderen Bürger Israels auch. Dies wird vielleicht oft übersehen, doch rund 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind arabische Israelis und natürlich stehen ihnen alle öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Universitäten offen. Es gibt zudem spezielle staatlich finanzierte Förderprogramme, um zum Beispiel arabische Start-up-Gründer gezielt zu unterstützen oder mehr israelische Araber für die Polizeiarbeit zu begeistern. Viele Projekte haben zur Aufgabe, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Israel einander näherzu bringen. In Israel gibt es arabische Richter, Knesset-Abgeordnete, TV-Moderatoren und auch Diplomaten. So war Ali Yahya zwischen 1995 und 1999 israelischer Botschafter in Finnland und die junge Rasha Atamny fungiert als Erste Sekretärin (first secretary) in der Botschaft in Ankara.

Wie sehen Sie das Verhältnis Israels zu den Palästinensern? Werden sie als ständige Bedrohung empfunden? Glauben Sie, dass hier je ein Friedensprozess möglich ist? Könnte ein Autonomiestatus für die Palästinenser die Situation dauerhaft beruhigen?

Wir leben so nah beieinander, eigentlich leben wir miteinander und daher muss es eines Tages wahren Frieden geben. Der Konflikt ist enorm aufgeladen durch die extremistische Hamas, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennt und sich zum Ziel gesetzt hat, „die Juden ins Meer zu treiben“. Diese Rhetorik wird leider bereits in Schulbüchern gelehrt, in denen zum Beispiel Landkarten ohne den Staat Israel abgebildet sind. Für mich als Mutter ist es besonders schlimm, dass Kinder bereits mit Hass erzogen werden. Es muss Kindern ermöglicht werden ohne Hass aufzuwachsen und aufeinander zuzugehen. Die Zwei-Staaten-Lösung ist das Ziel und muss das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde sein.

Israel und Deutschland werden immer besondere Beziehungen haben, die historischen Gründe sind bekannt. Betrachten Sie die derzeitige Beziehung als den besonderen Ansprüchen genügend oder eher verbesserungsbedürftig? Wenn ja, in welchen Punkten? Betrachten Sie auch das Verhältnis zwischen Herrn Netanyahu und Frau Merkel als gut, zufriedenstellend oder verbesserungsbedürftig?

Deutschland ist für Israel einer der wichtigsten Partner. Das Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern wird nie „normal“ sein, doch warum sollte das bedeuten, dass unsere Beziehungen nicht besonders gut und stark sein können? Als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Sicherheit Israels zur Staatsräson erklärte und Bundespräsident Steinmeier dies bekräftigte, waren das wichtige Worte für Israel. Auf politischer und wirtschaftlicher Ebene sind unsere beiden Länder sehr eng verflochten. Als Generalkonsulat ist es in erster Linie unsere Aufgabe, den gegenseitigen Austausch zwischen den Menschen in Israel und Deutschland zu fördern.

Welchen Anteil des Bruttosozialprodukts wendet Israel für seine Verteidigung auf? Ist das auf Dauer zu schaffen? Akzeptieren die Bürger die entsprechenden Steuerbelastungen?

Israel möchte mit seinen Nachbarn in Frieden leben und darauf hoffen wir. Trotzdem muss Israel immer vorbereitet sein, um auf mögliche Gefahren sofort reagieren zu können. Die Verteidigungsausgaben sind leider notwendig, um in der Region bestehen zu können und möglichst immer einen Schritt voraus zu sein. Von den innovativen Entwicklungen des israelischen Militärs profitieren im Übrigen auch andere Länder, inklusive Deutschland. Wir arbeiten eng mit zahlreichen Regierungen und Militärs zusammen, um unser Wissen zu teilen. Das Wissen, das Israel teilt, rettet Menschenleben weltweit.

Die Wahrnehmung des Militärs in Israel ist auch eine andere, da jeder Bürger Militärdienst leistet – Männer drei Jahre und Frauen zwei Jahre. Nahezu jeder war dementsprechend selbst im Militär und weiß, dass auch die eigenen Kinder in den Dienst einrücken werden. Die Soldaten werden angesehen als die Kinder Israels. Und man möchte seine Kinder ja möglichst sicher wissen, dies kann, zumindest ein Stück weit, durch eine gute Ausrüstung und Ausbildung gewährleistet werden. Aus diesen Gründen denke ich, dass die meisten Israelis die hohen Kosten für Sicherheit verstehen oder zumindest akzeptieren.

Israel war von Anfang an ein klassisches Einwanderungsland. Welche Ratschläge würden Sie Frau Merkel und der Bundesregierung zu den aktuellen Migrationsproblemen Deutschlands geben?

Hierzu möchte ich sagen, dass einer der wichtigsten Faktoren für die Innovationsstärke Israels der Umstand ist, dass sich die Bevölkerung aus Einwanderern aus über 130 Ländern zusammensetzt. Innovation entsteht sehr oft aus der Notwendigkeit heraus. Ich möchte gar sagen, dass eine Einwanderernation auch eine Unternehmernation ist. Einwanderer haben oft weniger Angst vor dem Neuanfang und sind zwangsläufig oft risikofreudig. Einwanderer sind in Israel – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – nicht in der Minderheit. Der größte Teil der israelischen Bevölkerung besteht aus Einwanderern und es kommen täglich neue an. Israelis sind es gewohnt, in einer Umgebung zu leben, die von vielfältigen sozialen Hintergründen und Erfahrungen geprägt ist. Zudem werden neue Einwanderer mit speziellen Integrationsprogrammen und intensiven Sprachkursen sofort willkommen geheißen. Die „Start-up-Nation“ Israel ist also auch ein Ergebnis der Auswirkungen der israelischen Immigrations- und Integrationspolitik. Ich weiß, dass die Bundesregierung bereits sehr viele Ressourcen in die Integration von Migranten steckt, und ich glaube, dass sie auch die neuen Entwicklungen meistern wird.

Sie arbeiteten bereits zwei Jahre in der Botschaft in Berlin und haben die Verhältnisse in Deutschland sicher genau beobachtet. Was schätzen Sie persönlich an Deutschland, was würden Sie auf jeden Fall verbessern?

Die deutsche Kultur, insbesondere die Literatur und den Film, genieße ich sehr. In Israel gibt es heute ein großes Interesse an der deutschen Kultur und Sprache. Ich möchte von einem wahren Revival sprechen, die Deutschkurse des Goethe-Instituts und an den Universitäten boomen. Und natürlich die Natur hier, die Berge, die Seen und Flüsse und dieses viele Grün. Und die schönen Städte mit den historischen Stadtzentren. Ich genieße es sehr in meiner Position, diese Vielfalt in Deutschland zu erleben. Was mich in Deutschland jedoch manchmal stört, ist das stereotype Israelbild in den Medien. Wenn für einen Artikel zu Israel ein Bild benötigt wird, dann wählt man sehr gerne Soldaten oder orthodoxe Männer, auch wenn diese nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. Die meisten Israelis sind jedoch säkular, und das Land hat so viele interessante und schöne Gesichter. Dies finde ich natürlich schade. Ich kann durchaus verstehen, dass es für die Berichterstattung einfacher ist Stereotype zu verwenden, und trotzdem finde ich dies bedenklich und gefährlich.

München gilt als die sicherste Millionenstadt Europas. Fühlen Sie und Ihre Mitarbeiter sich in München sicher?

Meine Mitarbeiter und ich fühlen uns in München sehr sicher. Wenn man das Generalkonsulat mit den Zäunen und Kameras das erste Mal sieht, dann fragt man sich vielleicht etwas verwundert, ob dies in München wirklich notwendig ist. Allerdings sind das die Sicherheitsstandards für alle diplomatischen Vertretungen Israels weltweit. Hier passt, denke ich, die Formulierung „Better safe than sorry“ ganz gut. In diesem Zusammenhang sind wir der lokalen Polizei sehr dankbar für die gute Zusammenarbeit und ihren Einsatz.

Zuletzt eine persönliche Frage: Wie schaffen Sie bei diesem Arbeitspensum den Ausgleich zwischen Beruf, Freizeit, Freundschaften und Familie, die Work-Life-Balance?

Ich bin natürlich terminlich sehr eingebunden, reise sehr viel und treffe jeden Tag interessante Menschen. Dies genieße ich sehr, doch ist es dadurch nicht immer einfach, Zeit mit der Familie zu verbringen. München und das Umland sind wunderschön. Die Stadt hat kulturell so viel zu bieten und ich versuche, so oft wie möglich Museen oder Konzerte zu besuchen und mit meinem Mann und unseren Kindern Ausflüge zu den nahen Seen und Bergen zu unternehmen.

Interview Dr. Helmut Schmidt

Bilder: 1, 2, 3 = Generalkonsulat des Staates Israel | 4 = Dr. Helmut Schmidt