Deutschlands Köpfe: Interview mit Markus Poschner, dem Chefdirigenten des Bruckner Orchester Linz »

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„LINZ IST EIN GANZ BESONDERES PFLASTER“
Markus Poschner, geboren 1971 in München, studierte Dirigieren an der Hochschule für Musik und Theater München und wurde nach sechs Jahren als Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters im Jahre 2006 zum 1. Kapellmeister der Komischen Oper Berlin bestellt, wo er mit legendären Regisseuren wie Hans Neuenfels und Nicolas Stemann zusammenarbeitete. Nach weiteren zehn erfolgreichen Jahren als Generalmusikdirektor der Bremer Philharmoniker und des Theaters Bremen leitet er nun seit September 2017 das Bruckner Orchester Linz, wo er von 120 Bewerbern den Zuschlag erhielt, als Nachfolger von Dennis Russell Davies. Er ist außerdem seit 2010 Honorarprofessor an der Universität Bremen und seit 2015 Chefdirigent des Orchestra della Svizzera Italiana in Lugano des Schweizer Kantons Tessin.

Im September ging gerade das Internationale Brucknerfest zu Ende, das dieses Jahr unter dem Leitsatz „Bruckner elementar“ stand. Konnten Sie in dieser kurzen Zeit schon Akzente setzen?

Meine intensive Auseinandersetzung mit der Materie „Bruckner“ und dem Bruckner Orchester begann ja schon vor Jahren. Insofern waren unsere Auftritte beim diesjährigen Brucknerfest das Ergebnis einer umfassenden Vorbereitung. Uns ging es ja um nicht weniger als um eine komplette Neuausrichtung und Überprüfung der eigenen Brucknerrezeption. Wir behaupten gewissermaßen aufs Neue die Deutungshoheit in diesem von Klischees und falschen Traditionen verseuchten Terrain. Das wollten wir mit unseren ungewöhnlichen Aufführungen der Achten von Bruckner und durch die musikalischen Experimente deutlich machen. Es ist eine Reise, die jetzt wiederum begonnen hat.

Wie sind Ihre Vorstellungen in Linz für die nächsten Jahre, sowohl mit Blick auf das Programm als auch auf die Interpretation?

Nun ja, Linz ist ein ganz besonderes Pflaster mit einer reichen und bewegten Geschichte voller Tradition und Avantgarde. Der „Hausgott“ Bruckner ist allerorts präsent und wir sehen uns dabei in einer privilegierten Position: Wir verfügen über sämtliche Quellen und – viel wichtiger noch – über den richtigen „Dialekt“, um mit unserer Interpretation einen völlig eigenen Weg zu behaupten. Es geht auch darum, unser eigenes Profil als Orchester weiter zu schärfen und möglichst große Sichtbarkeit und Strahlkraft auch über die Ländergrenzen zu erreichen.

Sie machten Bremen zur „Mahler-Stadt“, außerdem hatten Ihre Dirigate dort einen gewissen Schwerpunkt bei Brahms und Wagner. War das schon die mentale Vorbereitung auf Bruckner, der enge Verbindungen zu diesen Komponisten hatte?

Ja und nein. Natürlich ist musikgeschichtlich der eine mit dem anderen eng verbunden, zum Teil unabhängig voneinander gar nicht denkbar. Ohne Frage muss man besonders gut über die klassische Periode Bescheid wissen, um Wagner und Brahms zu verstehen. Und dennoch ist Bruckner in seiner Ideenwelt mit nichts vergleichbar. Genau diese Art von Gleichschaltung und Missverständnissen besonders mit der Klang- und Ideenwelt Wagners hat ihm schon zu Lebzeiten große Schwierigkeiten bereitet, von der sich seine Musik streng genommen bis zum heutigen Tag nie ganz befreien konnte. Der Prototyp von Klischee sozusagen.

Bruckner war ein Komponist des 19. Jahrhunderts. Passt er heute noch in das Repertoire eines Konzertprogramms der Gegenwart, der Moderne?

Oh ja, ich würde sogar sagen wollen, dass kaum ein anderer Komponist des 19. Jahrhunderts so viel Moderne vorweggenommen hat wie Anton Bruckner. Man muss nur zu lesen verstehen. Das Ausloten des Raumes zwischen Mystik und Ekstase ist etwas absolut Aktuelles, was Olivier Messiaen wie auch John Cage versucht haben, in Musik zu übersetzen. Heutige Kompositionstechniken wie Sampling oder Collage gehen streng genommen auf Bruckner und Mahler zurück. Sie waren diejenigen, die das Tor in die Moderne weit aufstießen, nicht nur als Komponisten, sondern auch aufgrund ihres revolutionären Kunstverständnisses.

Bruckners Schwerpunkte seiner Komposition waren die Sinfonien und die Choralwerke, hier insbesondere die Messen. Wissen Sie schon, welche Akzente Sie hier setzen wollen?

Wir werden uns natürlich mit allen Gattungen beschäftigen wollen. Allerdings steht für uns der Symphoniker Bruckner schon aufgrund unserer Tourneetätigkeit als Orchester im Zentrum.

Das Bruckner Orchester Linz bespielt auch das Landestheater Linz, also „brucknerfreie“ Bühne. Welche Stücke würden Sie dort gerne in nächster Zeit aufführen?

Wir sind eminent stolz auf unser neues wundervolles Opernhaus. Die dortigen herrlichen Dimensionen erlauben uns, auch die größtbesetzten Opernwerke aufzuführen. Daher werden Wagner und Strauss eine zentrale Rolle spielen. Wir werden uns nach „Frau ohne Schatten“ also in Kürze mit Tristan, Elektra usw. beschäftigen.

Sie haben den Ruf eines begnadeten Jazzpianisten. Planen Sie in Linz ähnliche Performances wie in Bremen, wo Sie damit Musikgeschichte geschrieben haben?

Oho, das ist eine gefährliche Übertreibung: Ich würde niemals für mich reklamieren wollen, Musikgeschichte geschrieben zu haben. Eigentlich habe ich für mich niemals eine klare Grenze feststellen können zwischen dem sogenannten Jazz und der sogenannten Klassik. Beides sind sprachlich verschiedene Hemisphären, erzählen aber von ein und derselben Sache, den großen und immer gleich bleibenden emotionalen Themen der Menschheit. Daher bin ich selbstverständlich immer auf der Suche nach sinnfälligen Berührungspunkten, und das wird auch in Linz so sein.

Chef des Bruckner Orchesters Linz, des Orchestra della Svizzera Italiana, Gastdirigate am Opernhaus Zürich, gefragter Jazzpianist: Wie schaffen Sie die Work-Life-Balance? Wann sehen Sie Ihre Frau und Ihre drei Kinder?

Ja, das funktioniert nur über einen professionell geführten Kalender und über regelmäßige „Neins“ an den Musikbetrieb. Denn das Allerwichtigste für mich ist Zeit mit meiner Familie. Dort ist mein einziges Zuhause.

Im Interview vom 19. Oktober 2017 im „derStandard“ betonten Sie, zum Geschichtenerzählen verdammt zu sein. Welche Geschichten werden Sie den Linzer Musikfreunden in Ihren künftigen Bruckner-Jahren erzählen?

Hoffentlich sehr spannende und überraschende. Die Reichhaltigkeit der oberösterreichischen Kultur ist eine unendliche Fundgrube, in der es sehr viel Spaß macht zu wühlen. Und letztlich beschenke ich mich ja immer nur selbst.

AUTOR: Dr. Helmut Schmidt

Dr. Helmut Schmidt ist Honorarkonsul von Mali in München.
 

Bilder: 1 = Volker Weihbold | 2, 3 = Dr. Helmut Schmidt | 4 = Ludwig Blm (flickr.com)