Porträt » Kreta – die Wiege Europas

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KRETA – DIE WIEGE EUROPAS
Mit über acht Millionen Quadratkilometern Fläche und über 1000 Kilometer Küstenlänge ist Kreta die größte griechische und die fünftgrößte Insel im Mittelmeer überhaupt. Auf dem 260 Kilometer langen und etwa 60 Kilometer breiten Eiland tummeln sich eine Reihe von Sehenswürdigkeiten. Von Tropfsteinhöhlen, über langen Sandstränden bis hin zu altertümlichen Relikten gibt es hier eine Menge zu sehen und zu erleben. Und was kaum jemand weiß: Der Ursprung Europas ist hier zu finden.

Woher kommt eigentlich der Name „Europa“? Um dies herauszufinden, lohnt sich eine Reise nach Agios Nikolaos, einen 27.000-Einwohner-Ort an der Ostküste der griechischen Insel Kreta. Hier wurde vom Künstler Nikos Koundourou vor fünf Jahren eine Statue errichtet, die die Legende zur Entstehung des Namens erzählt. Zu sehen ist ein großer Stier, der Zeus, den mächtigsten aller griechischen Götter, darstellt. Auf ihm reitet „Europa“, die schöne Tochter des phönizischen Königs Agenor, welche von Zeus nach Kreta entführt beziehungsweise dort verführt wurde und schließlich von ihm drei Söhne bekam. Der griechische Schriftsteller und Geograph Herodot benannte im 5. Jahrhundert vor Christus die Landmassen nördlich des Mittelmeers sowie des Schwarzen Meers nach „Europa“ und unterschied diese somit von Asien („Asia“) und Afrika („Libya“).

Überhaupt gibt es im Osten Kretas viel Historisches aus dem Altertum zu bestaunen. Nicht weit von Agios Nikolaos entfernt befindet sich, nach einer Wanderung durch die unzähligen Olivenhaine in den Bergen, die antike Stadt Lato, die aus der Zeit um 1500 vor Christus stammen soll und deren Ruinen noch die frühere Struktur der Stadt deutlich erkennen lassen. Etwa 40 Kilometer weiter westlich befindet sich auf der Lasithi-Hochebene die Höhle von Psychro, die heute als beeindruckende Tropfsteinhöhle begehbar ist, nachdem sie vor über 100 Jahren vom britischen Archäologen Arthur Evans für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Genau in dieser Höhle soll Zeus der Legende nach mit Ziegen aufgewachsen sein, nachdem er hier versteckt wurde, weil sein Vater Kronos ihn töten wollte.

Osmanischer Geschichtshintergrund

Im Norden Kretas befindet sich die Hauptstadt Iraklio, von den Einheimischen auch Heraklion genannt. Mit über 170.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt auf der Insel und das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Kretas. Gleich am Hafen deutet die Festung Koules (Rocca al Mare) auf den osmanischen Hintergrund der Insel hin, denn Kreta stand zwischen 1669 und 1913 unter türkischer Herrschaft. Erst danach wurde die Insel Griechenland unterstellt. Dieser muslimische Einfluss ist heute zu Teilen auch noch auf der Insel Spinalonga zu sehen, die etwas östlich von Iraklio mit einer Bootstour zu erreichen ist. Hier erinnern verschiedene Wandmalereien am Eingangstor der Festung an die drei Epochen: Antike, osmanische Herrschaft und der moderne griechische Einfluss. Tatsächlich hat Spinalonga auch darüber hinaus eine interessante Historie. Im späten 16. Jahrhundert nutzten sie die Venezianer als mächtige Festung.

Nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1715 wurde Spinalonga gut 200 Jahre später 1903 zu einer Leprakolonie, die erst 1957 aufgelöst wurde und eine der letzten ihrer Art in Europa war. Durch die fortschreitende Heilbarkeit der Krankheit durch entsprechende Medikation machte es gegen Ende der fünfziger Jahre keinen Sinn mehr, die Erkrankten weiter zu isolieren. Die Leprakranken sollen Spinalonga übrigens nicht als Gefängnis empfunden haben, gerade weil sie untereinander ohne die sonst gewohnte Ausgrenzung ein humanes Leben führen konnten. Davon zeugen auch die über 150 Kinder im gesamten Zeitraum, die gesund zur Welt kamen, da Lepra zwar eine ansteckende, aber keine Erbkrankheit war. Die meisten Kinder wuchsen jedoch außerhalb der Insel in Pflegefamilien auf.

Griechische Mythologie

Etwa fünf Kilometer südlich von Iraklio befindet sich mit dem Palast von Knossos eines der größten Highlights Kretas, das mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet wurde. Etwa zwischen 2100 und 1800 vor Christus errichtet, gehörte der Palast von Knossos zu den größten, reichsten und prächtigsten Siedlungen seiner Zeit. Der Sage nach herrschte hier im 16. Jahrhundert vor Christus König Minos, der erstgeborene Sohn von Zeus und Europa. Heute erkennt man beim Palast von Knossos viele restaurierte Säulen und Gemälde wieder, die ebenso wie die Höhle von Psychro vom britischen Archäologen Arthur Evans vor über 100 Jahren für Besucher wieder aufbereitet wurden.

Filmklassiker spielen auf Kreta

Etwa 60 Kilometer weiter westlich von Iraklio entlang der Panoramastraße an der Nordküste Kretas taucht Rethymno, die drittgrößte Stadt Kretas, auf. Die Hafenstadt bietet einen venezianischen Hafen, diverse Museen und Sakralbauten und schöne Parks. Zusammen mit der 45 Kilometer weiter östlich gelegenen Stadt Chania gibt es seit Jahren einen Streit darüber, welche Stadt die schönste Kretas sei. Für Rethymno spricht, dass sie bereits in vielen Filmen und Büchern verewigt wurde. Das beste Beispiel ist „Alexis Sorbas“, das 1964 mit Anthony Quinn in der Hauptrolle von Hollywood verfilmt wurde. Hier wurde auch erstmals der berühmte Tanz Sirtaki aufgeführt, der eigens für den amerikanischen Film entwickelt wurde und nie wirklich aus Griechenland stammte. Die Anekdote sagt, dass Anthony Quinn die originalen kretischen Tänze zu kompliziert gewesen seien und deswegen eine einfache Variante extra für ihn entwickelt wurde. Wie dem auch sei, der Sirtaki ist heute der berühmteste griechische Tanz weltweit, auch wenn er eher amerikanischen Ursprungs ist. Nicht unerwähnt sollte auch das dunkle Kapitel bleiben, als die deutsche Wehrmacht 1941 sowohl Chania als auch Rethymno in der „Luftlandeschlacht um Kreta“ bombardierte.

Weiße Berge, tiefe Schluchten und traumhafte Strände

Die schon erwähnte Stadt Chania liegt ganz im Westen Kretas und ist mit etwa 53.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Insel. Von hier aus kann man das flächenmäßig größte Gebirgsmassiv sehen, die Lefka Ori (deutsch: die Weißen Berge). Hier befindet sich mit dem Pachnes (2554 Meter) auch der höchste Gipfel der Mittelmeerinsel. Im Süden Kretas ist ein Besuch der Samaria-Schlucht empfehlenswert, die mit knapp 17 Kilometern Länge eine der längsten Schluchten Europas ist. Mit bis zu 600 Meter hohen senkrechten Felswänden und an der engsten Stelle mit drei bis vier Metern, der sogenannten „eisernen Pforte“, ist sie ein Traum für jeden Wanderer. In dieser Gegend befinden sich mit dem Bartgeier nicht nur einige der seltensten, sondern auch größten Vögel Europas. Ihre Flügelspannweite kann nämlich mehr als 2,80 Meter betragen. Zu ihrer Erhaltung wurde auf Kreta zwischen 1998 und 2006 im Rahmen des EU-Programms LIFE ein Schutzund Aufklärungsprojekt ins Leben gerufen. Offenbar mit Erfolg: Seitdem wurden die Bestände von durchschnittlich 6-10 Paaren stabil gehalten. Und nicht zu vergessen, Kreta ist auch ein Paradies für Badeurlauber, wie etwa der Strand von Falassarna im Westen, der Strand von Agiofarago im Süden oder der Palmenstrand von Vai im Osten.

Alles in allem ist Kreta auf jeden Fall eine Reise wert. Allerdings bietet sich aufgrund der Größe der Insel an, ein Auto zu mieten. Lokal gibt es auch viele Touristen, die sich mit Quads, Strandbuggys oder Motorrollern fortbewegen. Zudem lässt Kreta auch kulinarisch meist keine Wünsche offen. Traditionell werden Gyros oder Souflaki als Fleischgerichte gereicht, ebenso diverse Fischgerichte wie etwa Dorade insbesondere im den Küstenstädten. Auch für Gourmets ist Kreta aufgrund der hohen Qualität und des Reichtums an Oliven besonders empfehlenswert – von hier kommt nachweislich das beste Olivenöl der Welt! Wahrscheinlich hatte davon damals auch schon Europa gekostet.

TEXT Markus Feller


Bilder: 1, 2, 3, 4, 5 = Markus Feller