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„ARGENTINIEN HAT BEGONNEN, INTERNATIONAL EINE WEIT GRÖSSERE ROLLE ZU SPIELEN.“
Argentiniens Geschichte der vergangenen 40 Jahre war turbulent. Nach den Schrekkens jahren der Militärdiktatur in den 1970er- und 1980er-Jahren und dem wirtschaftlichem Kollaps in den Neunzigern folgte Anfang des Jahrtausends die allmähliche Öffnung zur Welt. Trotz der ökonomischen Höhen und Tiefen (Stichwort Hyperinflation) entwickelt sich in dem südamerikanischen Land eine neue Dynamik. Es gilt heute als eines der bedeutendsten Industrie- und Schwellenländer der Welt, wie die Teilnahme am G20-Gipfel im Juni zeigte. In den vergangenen Jahren war Argentinien gezeichnet von Korruption und wirtschaftlicher, politischer, institutioneller und sozialer Spaltung. Die Kontraste in dem Land sind in vielerlei Hinsicht gewaltig. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin greift der Botschafter S.E. Luis María Kreckler diese Widersprüche auf und spricht außerdem über Einwanderung, die neue außenpolitische Ausrichtung, den Drogenhandel und die Bedeutung des Fußballs in seinem Land.
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err Botschafter, der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges hat einmal über sein Land gesagt: „Argentinier sind Europäer, die im Exil geboren sind.“ Viele Argentinier kehren heute in die Länder zurück, in denen ihre Großeltern geboren wurden, sie verlassen Argentinien und leben und arbeiten in Europa. Als Botschafter eines Einwanderungslandes – wie bewerten Sie die Immigration zu Hause und die Emigration weltweit?

Argentinien war immer ein weltoffenes Land, eine Nation, die Menschen aus allen Ecken der Welt mit offenen Armen aufgenommen hat. Meine Familie väterlicherseits stammt aus Deutschland. Meine deutschen Vorfahren wanderten 1867 nach Argentinien aus. Zusammen mit Auswanderern aus Europa und anderen Regionen trugen sie zur Schaffung der heutigen argentinischen Identität bei. Diese Öffnung hat mein Land im 19. und 20. Jahrhundert geprägt – und tut dies auch heute. Die Migration ist heute ein weltweites Phänomen, das überall zu beobachten ist, selbst in Europa gibt es Aus- und Einwanderer. Wie jedes menschliche Phänomen ist es sehr komplex und dynamisch und verlangt den Staaten und internationalen Organisationen ständige Aufmerksamkeit ab.

Argentinien wird im kommenden Jahr den Vorsitz der G20 übernehmen. Außerdem versuchte Ihr Land in den vergangenen Jahren, seine außenpolitischen Beziehungen zu den USA, zur EU und zu Russland und China zu verbessern. Welche Erfolge kann Ihre Regierung bislang vorweisen?

Seit der Amtsübernahme durch Präsident Mauricio Macri im Dezember 2015 zeigt die argentinische Außenpolitik eine neue Dynamik. Das ist daran abzulesen, dass in den 18 Regierungsmonaten mehr als 30 Staats- und Regierungsoberhäupter Argentinien besuchten. Dazu zählt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am 8. Juni dieses Jahres zum ersten Mal seit ihrem Amtsantritt in unserem Land weilte. Ebenso hat Präsident Macri im gleichen Zeitraum 16 Präsidentschaftsbesuche absolviert, zwei von ihnen nach Deutschland, als bilateraler Besuch und zur Teilnahme am G20-Gipfel in Hamburg. Dieser erneuerte Dialog mit den internationalen Hauptakteuren ist darauf gerichtet, unsere Vision zu globalen Angelegenheiten beizusteuern und unsere Eingliederung in die weltweite Wirtschaft zu stärken.

Ein Beispiel für diese neue Dynamik ist der Anstoß, den Argentinien den Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen der regionalen Kooperation südamerikanischer Länder, dem Mercosur (Mercado Común del Sur; „Gemeinsamer Markt des Südens“) und der Europäischen Union während unserer „Mercosur-Präsidentschaft pro tempore“ von Dezember 2016 bis Juli dieses Jahres gegeben hat. Diese Verhandlungen, denen die Regierung von Präsident Macri höchste Priorität einräumt, haben in den letzten Monaten beachtliche Fortschritte gemacht. Das eröffnet uns die Möglichkeit einer baldigen Unterzeichnung dieser Vereinbarung.

Wir können außerdem darauf verweisen, dass Argentinien begonnen hat, international eine größere Rolle zu spielen. Das zeigt sich daran, dass im Dezember dieses Jahres die 11. Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Buenos Aires stattfinden wird und dass wir Argentinier im Jahr 2018 für die Organisation des G20-Gipfels zum ersten Mal in Südamerika verantwortlich sind.

„Unsere Industriestrategie setzt schwerpunktmäßig auf drei „I’s“: Investitionen, Industrie 4.0 und Internationalisierung.“

Mit der Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik Ihres Präsidenten Mauricio Macri versucht Argentinien die protektionistische Ära des „Kirchnerismo“ zu tilgen. Wirtschaftsliberalisierung und Weltmarktintegration sollen die argentinische Wirtschaft wieder in die Spur führen. Wie bewerten Sie die Entwicklungen der vergangenen Jahre?

Wir sind davon überzeugt, dass uns eine intelligente Außenpolitik die Türen zu den wichtigen internationalen Märkten öffnen wird, damit dann unsere Produkte und Dienstleistungen dort Eingang finden und damit wir gleichzeitig auch Investitionen anziehen, die für unser wirtschaftliches Wachstum und unsere Entwicklung notwendig sind. In diesem Sinne ist das Interesse großer internationaler Unternehmen, in Argentinien zu investieren, vielversprechend. Darunter befinden sich auch einige der wichtigsten deutschen Unternehmen. Seit Dezember 2015 haben verschiedene deutsche Firmen bedeutende direkte Investitionen in Argentinien getätigt: Volkswagen, das in meinem Land die Nutzfahrzeugmodelle Amarok und Suran fertigt, kündigte Investitionen von mehr als 100 Millionen US-Dollar in seinen Werken in Pacheco und Córdoba an. Mercedes-Benz stellte ein Investitionsprogramm von über 150 Millionen Dollar und eine Aufstockung der Beschäftigtenzahl um 22 Prozent in seinem Werk in La Matanza zur Fertigung der neuen Schwernutzfahrzeuggeneration des Sprinters in Aussicht. Siemens verkündete ein allgemeines Investitionsprogramm, das vorsieht, über 5,6 Mrd. Dollar zu investieren und bis zum Jahr 2020 10.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und Bayer präsentierte ein Investitionsprogramm über 100 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre, das die Erweiterung eines seiner Werke, der Produktionsanlagen und der Lagerkapazitäten in Pilar beinhaltet. Das sind nur einige Beispiele für das ernsthafte Interesse, das durch das neue Geschäftsklima in Argentinien geweckt wurde und an dem die deutschen Unternehmen teilhaben wollen. Es gibt außerdem noch einen Bereich, an dem deutsche Unternehmen besonderes Interesse zeigen: und zwar die erneuerbaren Energien. Argentinien hat vor kurzem das Programm „RenovAr“ zur Entwicklung sauberer Energiequellen initiiert, das bis 2025 ausgedehnt wird. Deutsche Unternehmen aus der Energiebranche haben bereits ihr Interesse an der ersten Ausschreibungsrunde von „RenovAr“ bekundet.

Argentiniens Konjunktur scheint sich 2017 nach mehreren turbulenten Jahren endlich zu erholen. Importe und Investitionen werden voraussichtlich überdurchschnittlich wachsen, auch das BIP und die Reallöhne werden wieder steigen. Hingegen bleiben die Inflations- und Armutsrate sowie die Staatsverschuldung in Ihrem Land besorgniserregend hoch. Welche Reformen plant Ihre Regierung, um den Aufschwung einzuleiten?

Die argentinische Regierung hat eine Reihe von wichtigen Reformen in der Wirtschaft in Angriff genommen, von denen einige schon Früchte tragen. In diesem Sinne erscheint es mir angebracht, an die Worte von Kanzlerin Merkel bei ihrem Besuch in Buenos Aires zu erinnern, wo sie sagte: „Ich sehe, dass sich Argentinien in verschiedener Hinsicht geöffnet hat. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass das auch in einen Wachstumspfad führen wird, der mehr Arbeitsplätze und mehr Chancen für die Menschen mit sich bringen wird. Wir sind deshalb sehr froh, dass wir Partner sind“. Auf dem Gebiet der Außenpolitik haben die wichtigsten Veränderungen mit der Beseitigung der Hürden im Außenhandel zu tun, damit unser Exportvolumen und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft erhöht werden.

Der Drogenhandel bleibt ein brisantes Thema in Argentinien. Papst Franziskus sagte vor wenigen Monaten, dass sich das Land in den letzten 30 Jahren von einem Drogentransitland zu einem Land des „Konsums und sogar der Produktion“ verwandelt hat. Was unternimmt Ihre Regierung in Bezug auf die Drogenprävention?

Präsident Macri bezeichnet den Kampf gegen den Drogenhandel als eine der drei Hauptsäulen seiner Amtszeit, zusammen mit der Verringerung der Armut und der Einheit der argentinischen Bevölkerung. Daher wurde im vergangenen Jahr das Programm „Argentinien ohne Drogenhandel“ gestartet. Es enthält eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung dieser weltweiten Geißel, die insbesondere unsere Region betrifft. Es ist vor allem darauf ausgerichtet, die Möglichkeiten des Staates bei der Bekämpfung dieses Problems zu stärken. Wichtige Ziele sind beispielweise die Aufrechterhaltung einer aktiven und dynamischen Präsenz der Sicherheitskräfte auf Bundes- und Provinzebene im ganzen Land, insbesondere an den Grenzen, der Aufbau von gemischten Sonderkommandos der Sicherheitskräfte auf Bundes- und Provinzebene, die gemeinsam mit hoher Operativkraft in den Einsatz gehen, die Entwicklung von Technologie zur Bekämpfung des Drogenhandels, wie der Ausbau des Radarsystems zur 24-stündigen Vernetzung der 24 Einheiten des Landes auf Bundesebene, die Erhöhung der Anzahl und der Leistungsfähigkeit von Scannern im Land, der Aufbau eines intelligenten Grenzsystems unter Einbeziehung von Technologie und menschlichen Ressourcen, die Ausstattung der Sicherheitskräfte auf nationaler und Provinzebene mit Radar, Drohnen, Fingerabdruck Erkennungssystemen und weiteren geeigneten innovativen Technologien, die Erarbeitung einer bundesweiten dynamischen Drogenkontrollkarte mit Darstellung von Straßen und Wegen, Wasserwegen, dem Luftraum, Flughäfen, aufgedeckten Geheimwegen, Bahnhöfen und Verkehrsterminals. Da die gegenwärtige Regierung diesen Kampf als Staatspolitik ansieht, zeichnen sich wichtige Fortschritte auf diesem Gebiet ab, bei dem auch die internationale Zusammenarbeit eine vorrangige Rolle spielt.

Bei der gleichgeschlechtlichen Ehe und dem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare hat Argentinien in den Amerikas eine Vorreiterrolle. Das erstaunt insofern, als Argentinien ein katholisch geprägtes Land ist. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Argentinien ist weltweit Vorreiter bei den Regelungen zur Adoption, zur gleichgeschlechtlichen Ehe und zur Gethat

schlechtsidentität. Das steht in Übereinstimmung mit der Anerkennung des verfassungsmäßigen Vorrangs der Menschenrechtsverträge seit 1994. Daher freuen wir uns, dass Deutschland in diesem Jahr ein Gesetz gebilligt hat, durch das das Recht auf die gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt wird. In einer Demokratie kann und muss die Anerkennung dieser Rechte mit Meinungs- und Religionsfreiheit einhergehen.

„Argentinien hat die schönsten und abwechslungsreichsten Landschaften der Welt, von der Puna- Wüste bis zur Antarktis.“

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Argentinien reichen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Heute gibt es zwischen beiden Ländern etliche Kooperationen etwa in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Bildung. Wie schätzen Sie das derzeitige argentinisch-deutsche Verhältnis ein?

In diesem Jahr begehen wir den 160. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen Argentinien und Deutschland. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, über die Tiefe der historischen Bindung zwischen beiden Ländern nachzudenken. Diese Beziehung ist gegenwärtig in bedeutendem Maße politisch geprägt, was sich in der großen Zahl von hochrangigen Besuchen in den letzten anderthalb Jahren äußert. Es kommt auch in der Tatsache zum Ausdruck, dass Deutschland bei der Übertragung der Präsidentschaft der G20 an uns eng mit unserem Land zusammenarbeitet. Dazu kommen die engen wirtschaftlichen Bindungen und die Zusammenarbeit auf kulturellem, wissenschaftlichem und akademischem Gebiet, die seit Jahrzehnten die bilateralen Beziehungen bereichern.

Die Entdeckung von zahlreichen Devotionalien des Nationalsozialismus in Buenos Aires im Sommer sorgte weltweit für viel Aufsehen in den Medien. Dass sowohl viele Juden als auch viele Nationalsozialisten während und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien flüchteten, ist kein Geheimnis. Wie geht Ihr Land mit diesem Teil der Geschichte um?

Argentinien hat die größte jüdische Gemeinde in Lateinamerika und eine der größten der ganzen Welt außerhalb von Israel. In unserem Land schätzen wir die friedliche Koexistenz zwischen den unterschiedlichen Religionen als einen unserer wichtigsten Werte. In diesem Zusammenhang möchte ich an die Worte von Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem Kurzbesuch in der Synagoge von Buenos Aires erinnern: „Diese Synagoge ist ein beeindruckendes Symbol des jüdischen Lebens in dieser Stadt und in dieser großen, weltbekannten jüdischen Gemeinde. Auch viele Menschen jüdischen Glaubens, die vor den Verbrechen der Nationalsozialisten fliehen mussten, haben hier ein neues Zuhause, eine neue Heimat gefunden. Deshalb ist diese Synagoge auch eine Brücke zwischen Argentinien und Deutschland. Wir sind sehr dankbar dafür, dass damals jüdische Menschen in Argentinien Aufnahme gefunden haben.“

In Argentinien ist Fußball nicht nur ein Nationalsport, sondern quasi eine Staatsreligion. Da Sie ja studierter Soziologe sind: Welche Rolle spielt der Fußball in Ihrem Land?

Fußball ist Teil der Kultur und der Identität Argentiniens, ein Massenphänomen, das alle Schichten unserer Gesellschaft durchdringt. Das zeigt sich unter anderem dadurch, dass die Stadien der zwei wichtigsten Fußballmannschaften des Landes zu Touristenattraktionen in der Stadt Buenos Aires geworden sind. Viele Touristen verbinden den Besuch der traditionellen Straße des argentinischen Tangos „Caminito“ im altehrwürdigen Viertel La Boca mit dem Besuch der „La Bombonera“ (Pralinenschachtel), des hundertjährigen Stadions des Fußballclubs Boca Juniors.

Argentinien teilt mit Deutschland die Begeisterung für den Fußball. Deshalb ist es kein Zufall, dass unsere Nationalmannschaften dreimal im Finale bei Weltmeisterschaften in dieser Sportart – 1986, 1990 und 2014 – aufeinandergetroffen sind. Das letzte Finale habe ich hautnah als Botschafter in Brasilien erlebt, wo wir 300.000 argentinische Fans für die verschiedenen Partien empfangen haben. Eine Volksweisheit besagt: „Im Fußball gibt es immer eine Revanche“, sodass ich hoffe, dass 2018 das fußballerische Duell zwischen unseren Ländern zugunsten von Argentinien ausgeht.

Als Reiseziel besticht Argentinien mit atemberaubenden Naturlandschaften wie den Valles Calchaquíes oder den Iguazú-Wasserfällen und einzigartigen Nationalparks. Welche Attraktionen und Aktivitäten würden Sie persönlich jedem Touristen empfehlen?

Argentinien hat die schönsten und abwechslungsreichsten Landschaften der Welt, von der Puna-Wüste bis zur Antarktis. Ein Beispiel dafür ist der Nationalpark Los Alerces in der Provinz Chubut, der erst kürzlich zum Welterbe der UNESCO erklärt wurde. Dieser Wald mit jahrtausende alten Alerce-Bäumen (Patagonische Zypresse, Anm. der Redaktion) gehört zu den zehn Orten, die diese internationale Bezeichnung erhielten, wie auch die Iguazú-Wasserfälle oder die geologischen Formationen des Ischigualasto- Parks. Doch das Beste, was das Land dem Besucher anzubieten hat, ist die Wärme seiner Menschen. Niemand, der unser Land besucht, bringt nur schöne Bilder, sondern auch großartige Lebenserfahrungen mit nach Hause. Ich lade Sie ein, Argentinien zu erleben und zu entdecken!

Interview Enrico Blasnik

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6 = Mohamed El-Sauaf