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im Focus
Italien
Offizieller Name
Italienische Republik
Hauptstadt
Rom
Fläche
301.277 km²
Bevölkerung
60 Millionen
Bevölkerungsdichte
201 Einwohner/km²
Amtssprache
Italienisch
Regierungsform
Republik, parlamentarische Demokratie mit Zweikammersystem
Staatsoberhaupt
Präsident Sergio Mattarella
Regierungschef
Ministerpräsident Paolo Gentiloni
Nationalhymne
Il Canto degli Italiani

„Ohne eine europäische Antwort wird es keine Lösung für das Migrationsproblem geben.“

ITALIEN GEHÖRT, WIE AUCH DEUTSCHLAND, zu den Gründungsmitgliedern der Europäischen Union. Das südeuropäische Land hat seit der Finanzkrise mit diversen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Problemen zu kämpfen. Seit einiger Zeit wächst die italienische Wirtschaft nun wieder. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der Botschafter S.E. Pietro Benassi unter anderem über das neue Wahlgesetz, die italienische Außenpolitik und neue Projekte für den Ausbau erneuerbarer Energien.
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err Botschafter, in Italien wird weiterhin über ein neues Wahlgesetz diskutiert, das zum Ziel stabilerer politischer Mehrheiten unter anderem einen Mehrheitsbonus und eine Sperrklausel beinhalten wird. Wie könnte sich dieses Prinzip auch im Hinblick auf den Rücktritt von Ministerpräsident Matteo Renzi im Dezember 2016 bewähren?

Um ein Zeichen für Stabilität zu setzen, hat das italienische politische System eine schnelle Antwort auf das Ergebnis des Referendums vom 4. Dezember 2016 gegeben. In wenigen Tagen ist eine neue Regierung gebildet worden, welche die Strukturreformen weiterführt, die bereits von der vorherigen Regierung auf den Weg gebracht wurden.

Auf Parlamentsebene ist seit Januar dieses Jahres eine Diskussion zwischen politischen Kräften zu einer möglichen Reform des italienischen Wahlrechts im Gange. Sie stehen im Einklang mit einigen Vorgaben zur Überarbeitung, die im vergangenen Januar im Urteil des Verfassungsgerichts formuliert wurden. Der zeitliche Rahmen für eine Verabschiedung wird von der aktuellen, im Februar 2018 endenden Legislaturperiode bestimmt.

Ende Juni dieses Jahres sagte Ihre Regierung zu, die beiden von der Pleite bedrohten Banken Veneto Banca und Banca Popolare di Vicenza mit bis zu 17 Milliarden Euro und zu Lasten der italienischen Steuerzahler zu stützen. Warum gab es dazu keine Alternative?

Zunächst ist es mir wichtig zu unterstreichen, dass sich im Falle Italiens die Aufwendungen der öffentlichen Hand bisher auf etwa eine Milliarde Euro beschränkten, weil wir ein gesundes Kreditsystem haben. Die staatliche Intervention für die beiden angesprochenen Banken beläuft sich auf 4,8 Milliarden plus Garantien, bei denen geringe Nettoauszahlungen zu erwarten sind. Dies ist eine vorübergehende Hilfe, denn die in Liquidation befindlichen Banken verfügen über Vermögenswerte in Höhe von rund 11,5 Milliarden Euro. Ohne einen staatlichen Eingriff hätten die genannten Banken sofort ihren Betrieb eingestellt. Davon wäre insbesondere die Kreditvergabe an Kleinunternehmen und Handwerksbetriebe betroffen gewesen. Das hätte der Wirtschaft der entsprechenden Region – deren BIP so groß ist wie das von Estland, Litauen, Lettland und der Slowakei zusammen – schwere Schäden zugefügt.

Die italienische Außenpolitik ist neben den EU-Partnern auch regional auf die Mittelmeerregion, den westlichen Balkan, den Nahen Osten, Afghanistan, das Horn von Afrika und Lateinamerika fokussiert. Intensive Wirtschaftsbeziehungen gibt es beispielsweise auch mit Russland. Welche sind die wichtigsten Partnerländer?

Mehr noch als eine Auflistung der Partnerländer muss auf politischer Ebene unterstrichen werden, dass die wichtigsten Partner in der Tat die internationale Gemeinschaft, die UNO, die EU, die NATO und so weiter sind. Die italienische Außenpolitik ist daher von der kontinuierlichen Förderung des Friedens und der internationalen Sicherheit geprägt. Unser politisches Augenmerk liegt hierbei auf den militärischen Missionen im Ausland unter der Führung der internationalen Organisationen.

In Zeiten der Globalisierung verfolgt Italien im Rahmen dieses internationalen Systems aus Überzeugung – auch aufgrund der geopolitischen Verortung zwischen Europa und der Mittelmeerregion, zwischen Nord und Süd sowie zwischen Ost und West – die Stärkung Europas. Im Kontext auch asymmetrischer und neuer Bedrohungen (internationaler Terrorismus, Cyber-Angriffe) muss Europa in der Lage sein, Demokratie und Menschenrechte weiterhin zu fördern sowie die eigene politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität zu garantieren und fortzusetzen.

In besonderem Einvernehmen arbeiten Italien und Deutschland an der Stärkung Europas. Eine maßgebliche Bestätigung dafür findet sich in dem bereits gemeinsam vollzogenen Weg vom italienisch-französisch-deutschen Gipfel von Berlin und Ventotene im Sommer 2016 bis zur Erklärung von Rom, die am 25. März dieses Jahres von allen Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet wurde. So machte bereits der italienische Ministerpräsident Gentiloni in Triest am Rande des trilateralen Treffens mit Bundeskanzlerin Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Macron deutlich: „Die Europäische Union braucht eine Vision und einen gemeinsamen Standpunkt in einem internationalen Umfeld wie dem heutigen, wo bei einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung, global betrachtet, leider auch Spannungen und Schwierigkeiten in den Handelsbeziehungen am Horizont auftauchen, neben Missverständnissen geopolitischer Art. (…) Ein starkes Europa ist auch ein Europa, das in der Lage ist, sich zu verändern, das immer mehr in der Lage ist, sich den Verteidigungs- und Sicherheitsaufgaben zu stellen, die Wirtschafts- und Währungsunion zu ergänzen, um die Investitionsfähigkeit zu stärken und eine gemeinsame Migrationspolitik zu finden, die immer stärker gemeinsam getragen wird. Das ist vor allem in Italien nachdrücklich zu spüren.“

„Unsere Industriestrategie setzt schwerpunktmäßig auf drei „I’s“: Investitionen, Industrie 4.0 und Internationalisierung.“

In der EU setzte sich Ihr Land in den vergangenen Jahren vor allem für die nachhaltige Bewältigung der Flüchtlingskrise ein. Mit welchen Maßnahmen will Ihre Regierung das weiter umsetzen?

Ohne eine europäische Antwort wird es keine Lösung für das Migrationsproblem geben. Auch weil die Migration ein langfristiges Phänomen ist. Man muss Migration steuern und dafür bedarf es vieler Jahre. Europa muss in der Migrationsfrage geschlossen agieren, und zwar mit derselben Nachdrücklichkeit, wie sie auch bei der Reform der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion an den Tag gelegt wird. Verantwortung und Solidarität müssen daher prioritär und untrennbar voneinander in entsprechenden Aktionsplänen und Abkommen verankert werden. Dies liegt sowohl im Interesse der einzelnen Mitgliedsländer bei der inneren Sicherheit als auch im Interesse Europas bei der Sicherung der südlichen Außengrenze; einer Grenze Europas – möchte ich betonen – nicht nur einer Grenze Italiens. Es handelt sich um eine Meeres- und keine Landesgrenze, an der Italien – auch alleine – bisher unzählige Menschenleben gerettet hat. Unser kontinuierlicher Einsatz ist auch weiterhin garantiert, denn die Rettung von Menschen in Not ist Ausdruck ethischer Verantwortung und geht über jegliches Völkerrecht hinaus. Die italienische Regierung setzt sich dafür ein, dass die Migrationspolitik von der ganzen Europäischen Union mitgetragen wird. Dies gilt unter anderem auch für die Intervention in Afrika, die Eingriffe im Mittelmeerraum, Libyen und die gemeinsame Arbeit für die Nichtregierungsorganisationen.

Seit der weltweiten Finanzkrise 2008 hat die italienische Wirtschaft vor zwei Jahren das erste Mal wieder ein Wachstum von 0,9 Prozent erreicht. Daran hat auch Deutschland als wichtigster Handelspartner Italiens im In- und Export seinen Anteil. Auf welche Wirtschaftszweige will Italien zukünftig besonders setzen?

Die italienische Konjunktur hat mehr Schwung als erwartet. Laut der letzten Berechnungen (Juni 2017) lag die Wachstumsrate 2017 bei + 1,5 Prozent. Dies bedeutet eine konstante Steigerung des italienischen Bruttoinlandsproduktes über die letzten zweieinhalb Jahre und dementsprechend die höchste Wachstumsrate seit Beginn der Wirtschaftskrise. Die gleiche positive Tendenz zeigt sich im Bereich der industriellen Produktion, die im Juni 2017 um 1,1 Prozent - hinsichtlich der letzten Zahlen vom Mai dieses Jahres - gewachsen ist. Trotz des ungünstigen globalen Konjunkturumfelds schlugen sich auch die Exporteure überraschend gut und lieferten wichtige Wachstumsimpulse: Mit einem Zuwachs seiner Nicht-EU-Exporte um 9,1 Prozent (Januar bis Juni 2017) hat Italien den sechsthöchsten Überschuss weltweit erreicht. Dazu haben die deutsch-italienischen Wirtschaftsbeziehungen viel beigetragen. Die deutschen Exporte binden weltweit oft Vorleistungen aus Italien ein.

Deswegen müssen wir auch gemeinsam in die Wirtschaftszweige der Zukunft investieren. Unsere nationale Strategie Industrie 4.0, die im September 2016 von der italienischen Regierung beschlossen wurde, hat bereits optimale Ergebnisse erzielt: Im 1. Halbjahr 2017 stieg der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe um 13,7 Prozent. Unsere Industriestrategie setzt schwerpunktmäßig auf drei „I’s“: Investitionen, Industrie 4.0 und Internationalisierung. Und ich würde gern auch ein „K“ hinzufügen: Kultur.

Wir sind kein rohstoffarmes Land: Unser erster Rohstoff ist unser tausendjähriges Kulturerbe. Die Kultur- und Kreativen-Industrien tragen – mit 250 Milliarden Euro jährlich – zu 16,7 Prozent der italienischen Wertschöpfung bei. Die dynamischsten Branchen sind Design (+2,5 Prozent in der Wertschöpfung 2015- 2016), audiovisuelle Medien (+2,2 Prozent), Kulturerbe (+2,1 Prozent) und darstellende Künste (+2 Prozent). Diese Wirtschaftsbranchen entsprechen 1,5 Millionen Arbeitsplätzen und sechs Prozent der Beschäftigung. Schutz und Förderung unseres Kulturerbes sind zwei der prominentesten Wirtschaftszweige der Zukunft. Es braucht jedoch noch eine dynamischere Förderpolitik, wie Gustav Mahler sagte: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

Ein großes Problem ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Italien, wovon der Süden noch einmal stärker betroffen ist als der Norden. Wie will Ihre Regierung dem entgegenwirken?

Der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit und der Abbau der dualen Struktur der italienischen Wirtschaft sind die Prioritäten der Regierung. Durch den Jobs Act wurde ein Mindestlohn gesichert, der Arbeitsmarkt reformiert und die Unternehmen wirtschaftlich unterstützt, die Arbeitssuchende unbefristet einstellen. Die ersten – aber noch nicht zufriedenstellenden – Ergebnisse sind da. Die Jugendarbeitslosigkeit hat im März 2017 mit 34,1 Prozent die niedrigste Rate der letzten fünf Jahre erreicht. 42.000 Jugendliche wurden zusätzlich beschäftigt. Die Beschäftigungswachstumsrate unter den Jugendlichen erreichte im Frühjahr 2017 mit 17,2 Prozent den höchsten Wert seit November 2012. Wir befinden uns demnach auf dem richtigen Weg.

Einer der Schwerpunkte wird es sein, unsere Jugend auf die Arbeit der Zukunft vorzubereiten: Sechs von zehn Neugeborenen werden in Berufen arbeiten, die so noch nicht existieren. Das Programm Crescere in Digitale (Digitales Wachsen) zum Beispiel entstand aus der Zusammenarbeit zwischen der Regierung, Google und Unioncamere mit dem Ziel, die jugendliche Vollbeschäftigung sowie die Digitalisierung der KMU zu erreichen. Seit Einführung des Programms vor knapp zwei Jahren haben sich fast 100.000 Jugendliche eingeschrieben und 6.222 Unternehmen bereit erklärt, 8.880 Praktikanten direkt einzustellen. Falls die Unternehmen ihre Praktikanten nach dem vergüteten Praktikum einstellen, bekommen die Firmen bis zu 8.060 Euro Zuschüsse vom Staat. Dieses Programm ermöglicht eine zielgerichtete Ausbildung der Jugendlichen und bei erfolgreichem Abschluss eine direkte Einstellung.

Nach einem Referendum hat sich die italienische Bevölkerung vor sechs Jahren gegen die Wiedereinführung der Nuklearenergie ausgesprochen. Dadurch ist Italien aber auch zu fast 80 Prozent von Energieimporten abhängig, die nach und nach durch eigene Solar- und Windenergie ersetzt werden sollen. Welche Projekte würden Sie dabei hervorheben wollen?

Ich denke hierbei vor allem an die nationale Energiestrategie 2017, für die am 12. Juni der Prozess der öffentlichen Konsultation begonnen hat. Bereits heute haben wir einen Energiemix, der auf die Zukunft ausgerichtet ist: Aktuell trägt Italien in Europa mit nur fünf Prozent zur Stromgewinnung aus Kohle bei, viel weniger als Deutschland (das bei 34 Prozent liegt), aber auch Spanien und Großbritannien. Des Weiteren haben wir in den vergangenen fünf Jahren den Anteil an Heizkraftwerken von 77 auf 62 reduziert. Erneuerbare Energien und Wasserkraft bilden bereits einen Anteil von 40 Prozent am aktuellen Gesamtmix. Die anderen 40 Prozent des italienischen Energiemixes, die aus Erdgas stammen, machen jedoch unsere große Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland deutlich. Aber auch hier zielt die neue nationale Strategie auf eine noch größere Diversifizierung der Versorgungsquellen und der Transitstrecken ab.

Wir wollen jedoch vor dem Hintergrund des Clean-Energy-Pakets und des Europäischen Klima- und Energierahmens 2030 der Europäischen Kommission ehrgeiziger sein. Die unserer Strategie zugrunde liegenden Szenarioanalysen verdeutlichen, dass Italien die europäischen Verpflichtungen bis 2030, die bei einer Quote von 24 Prozent bei den Erneuerbaren liegen, einhalten wird. Wir haben darüber hinaus in unserer Strategie ein Mindestziel von 27 Prozent festgesetzt, das die Hälfte des nationalen Energiekonsums ausmachen wird. Außerdem sind Maßnahmen vorbereitet worden, welche die Kohlenutzung im Energiesektor bis maximal 2030 auf 0 reduzieren.

„Erneuerbare Energien und Wasserkraft bilden bereits einen Anteil von 40 Prozent am aktuellen Gesamtmix.“

Durch die angespannte Arbeitsmarktsituation erlebt Italien seit Jahren eine Abwanderung von Wissenschaftlern und Forschern. Mit welchen Anreizen will Ihre Regierung insbesondere die jungen Universitätsabsolventen zum Bleiben bewegen?

Die akademische Wanderung wird zu einem Problem, wenn sie nur in eine Richtung geht, nicht zirkuliert und sich als ein sogenannter Braindrain herausstellt. Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, hat die italienische Regierung entsprechende Vorkehrungen für die Entwicklung des Humankapitals in der Wissenschaft und im Allgemeinen für die Rückkehr qualifizierter Wissenschaftler getroffen sowie auch höhere Investitionen in F&E vorgesehen.

Der Piano Nazionale di Ricerca (PNR) 2015-2020, das Nationale Forschungsrahmenprogramm, beinhaltet die wichtigsten Leitlinien für die Forschung. Bisher sind dabei zwei Maßnahmen von erheblicher Bedeutung, auf die ich hier nur kurz näher eingehen möchte: Erstens die Vereinbarung mit der Europäischen Investitionsbank, die im Januar 2017 unterzeichnet wurde, um ein neues Finanzinstrument zu konstituieren, das – ausgestattet mit einem Startkapital von 200 Millionen Euro – Forschungsprojekte mit hochtechnologischem Inhalt in den südlichen Regionen des Landes fördern soll.

Zweitens eine gerade erst veröffentlichte Ausschreibung über 497 Millionen Euro, um Vorhaben aus zwölf nationalen Fachgebieten im Bereich der industriellen Forschung sowie der experimentellen Entwicklung zu finanzieren und um die öffentlich-private Kooperation zu unterstützen.

Gemäß dem PNR hat das Haushaltsgesetz 2017 die steuerliche Abschreibung für Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung – die bis zu 50 Prozent betragen kann – bis zum Jahr 2020 verlängert. Dasselbe Haushaltsgesetz hat außerdem ein Normenpaket eingeführt, um Italien für Humankapital attraktiv zu machen. Dabei werden vor allem die bestehenden Vergünstigungen für die Rückkehr von Wissenschaftlern stabilisiert und gefestigt und beispielsweise spezielle Bemessungsgrundlagen für Dozenten und Wissenschaftler, die im Ausland leben und wieder nach Italien zurückkehren, strukturell gestärkt.

Außerdem sind entsprechende Maßnahmen für Universitäten und Forschung auch im Piano Industria 4.0 enthalten, dessen Ziel es sein soll, 200.000 Studenten ein angemessenes Weiterbildungsprogramm und circa 1.400 Doktorandenplätze für die Industrie 4.0 anbieten zu können. Im Plan ist weiterhin die Gründung von nationalen Kompetenzzentren vorgesehen.

Deutschland und Italien pflegen seit vielen Jahren besonders starke Beziehungen miteinander, die sich beispielsweise im politischen Bereich in der NATO oder im kulturellen Bereich in den 38 deutsch-italienischen Kulturgesellschaften widerspiegeln. Welche gemeinsamen Errungenschaften sind Ihnen besonders wichtig?

Im politischen Bereich muss an das kontinuierliche Engagement von Italien und Deutschland als Gründungsmitglieder der Europäischen Union erinnert werden. Denn Errungenschaften wie Schengen oder unsere gemeinsame Euro-Währung kommen heute insbesondere vor dem Hintergrund populistischer Tendenzen und einer gewissen Europamüdigkeit eine Schlüsselrolle zu. Diese wird gerade auch durch die unmittelbaren Auswirkungen der Globalisierung für alle europäischen Bürger besonders deutlich.

Von gleicher Bedeutung ist auch der Beitrag für den Frieden und die internationale Sicherheit. Im Bereich internationaler Missionen unter dem Dach von UNO oder NATO, vom Kosovo bis Afghanistan, tragen unsere Soldaten seit Jahrzehnten dazu bei, Stabilität in die entsprechenden Krisenregionen zu bringen.

Was unsere kulturellen Beziehungen anbelangt, verbindet Deutschland und Italien eine lange Freundschaft und Faszination füreinander. Daher hat sich auch ein starkes Geflecht von Beziehungen in den unterschiedlichsten Bereichen entwickelt. Unsere Zusammenarbeit im kulturellen Bereich ist sehr vielfältig, und ich weiß durch meine Arbeit in Berlin um die vielen aktiven Kooperationen mit Deutschland. Gemeinsam mit dem Netz der Konsulate und italienischen Kulturinstitute versuchen wir durch ein reichhaltiges Programm, dem deutschen und auch internationalen Publikum (gerade hier in Berlin) die vielen Seiten der italienischen Kultur näherzubringen. Die einzelnen Kulturgesellschaften können vor Ort ihren Beitrag aus der Zivilgesellschaft heraus leisten.

Heute sind das gegenseitige Kennenlernen und das Verständnis füreinander wichtiger denn je. Wir leben in bewegten Zeiten, da dürfen Klischees nicht die Oberhand gewinnen. Alle Gesellschaften müssen gemeinsam auf die Herausforderungen der Globalisierung reagieren und handeln. Deutschland und Italien sind nicht nur Partner in der Wirtschaft, sondern eben auch in der Fragestellung: Wie soll es weitergehen für Europa? Die Villa Vigoni, das deutsch-italienische Zentrum für Europäische Exzellenz, ist hier ein gutes Beispiel. Sie bietet eine Plattform für den Austausch über Europa. Das Rome Manifesto verdeutlicht, wie wichtig es dabei ist, der jungen Generation hier genügend Raum zu geben. Denn sie ist die Zukunft Europas, und für sie müssen wir die bisherigen Errungenschaften verteidigen.

Italiens Kultur ist weltweit bekannt, beispielsweise in den Bereichen Kunst, Musik oder Essen. Trotzdem liegen die öffentlichen Ausgaben Italiens für Kultur und Kulturerhalt deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Wie erklären Sie sich das?

Ich weiß, dass der Staatshaushalt Italiens besonders bei den Ausgaben für den Kulturerhalt seit einigen Jahren immer wieder Gegenstand der öffentlichen Diskussionen in Deutschland ist. Wir sind dabei, die Kulturund Museumslandschaft neu zu organisieren und Angebote gerade für junge Menschen noch attraktiver zu machen. Ich denke dabei an den Bonus Cultura mit 500 Euro für alle mit der Kultur in Verbindung stehenden Ausgaben, um sie an unser kulturelles Erbe, das Bestandteil des kulturellen Welterbes ist, heranzuführen und so auch Verantwortung wachsen zu lassen.

Des Weiteren fördern wir private Investitionen in die Kultur mit zwei neuen Programmen: Das Programm Cultura Crea fördert den Prozess der Entwicklung eines unternehmerischen Vorhabens im Bereich der Kulturtourismusindustrie, um gemeinnützige Unternehmen zu unterstützen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die kulturellen Ressourcen in den südlichen Regionen Italiens besser zu nutzen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Art bonus hält dagegen Steuervergünstigungen in Form von Steuergutschriften (65 Prozent) für alle bereit – ob nun Privatpersonen, Non-Profit-Organisationen oder Unternehmen, die sich durch Spenden direkt am Erhalt des kulturellen Erbes beteiligen. Dies sind nur drei Beispiele, die aufzeigen, dass über die öffentlichen Ausgaben hinaus zahlreiche Anreize geschaffen wurden, die sich nicht in herkömmlichen Bilanzen erfassen lassen.

Traditionell gehört Italien seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Reiseländern in Europa. Ob die Alpen, das Adriatische Meer, die pulsierende Hauptstadt Rom oder die insgesamt schätzungsweise 100.000 Denkmäler – hier gibt es unendlich viele Möglichkeiten für Touristen. Welche Highlights würden Sie persönlich empfehlen?

Da das Jahr 2017 von unserem Ministerium für Kultur und Tourismus zum „Jahr der Borghi“ ernannt wurde, empfehle ich bei der nächsten Italienreise weniger die von Touristen überlaufenen Großstädte, sondern eher die versteckten „Borghi“ zu besuchen. Hierbei handelt es sich um Städtchen, die in der Nähe eines Schlosses oder Gutshauses im Mittelalter oder in der Renaissance gegründet wurden und sich bis heute ihren authentischen Charakter bewahrt haben. Diese versteckten Schönheiten sind wahre Perlen inmitten der italienischen Landschaft, die zeitlos und als Ensemble unangetastet geblieben sind.

Aber Italien hat wirklich so viel zu bieten, dass ich eigentlich niemanden festlegen und eher dazu einladen möchte, das Land auf die eigene, ganz persönliche Art zu entdecken. Lassen Sie mich abschließend an die Worte der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Spencer erinnern: „Everyone who has a dream should go to Italy. It doesn’t matter if you think that the dream is dead and buried, in Italy it will rise and walk again“.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5 = Mohamed El-Sauaf