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„ WIR BRAUCHEN EINE NEUE, FAIRE PARTNERSCHAFT MIT DER EU, VON DER UNSERE BÜRGER UND UNTERNEHMEN IM EINKLANG MIT UNSEREN GEMEINSAMEN EUROPÄISCHEN WERTEN PROFITIEREN.“
Bereits seit Jahrhunderten gehört das Vereinigte Königreich zu den Weltmächten. Nach dem Brexit- Referendum vor knapp zwei Jahren stand der westeuropäische Inselstaat allerdings Kopf. Das zeigte auch die innenpolitische Spaltung des Landes auf, denn in der Abstimmung vom 23. Juni 2016 stammten die Leave-Befürworter mehrheitlich aus England und Wales, während Schottland und Nordirland größtenteils gegen den Austritt waren. Auch zwischen Stadt und Land sowie Jung und Alt gab es deutliche Unterschiede bei der Stimmenabgabe. Außenpolitisch bereitet sich die Regierung um Premierministerin Theresa May und dem neuen Außenminister Jeremy Hunt auf den vertragsgemäßen Austritt aus der EU am 29. März 2019 vor und versucht, andere Partnerschaften, wie etwa mit Indien und China, zu vertiefen. Das absinkende Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren deutet darauf hin, dass der Brexit wohl nicht spurlos an den Briten vorbeigehen wird.

Doch nicht alles hat sich geändert. Nach der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle im Mai ist das britische Königshaus beliebter denn je und gewinnt weiterhin große Sympathien in der Welt. Und nach wie vor ist Großbritannien mit seiner pulsierenden Hauptstadt London und den berühmten Küsten ein wahrer Touristenmagnet. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der Botschafter S.E. Sir Sebastian Wood unter anderem über die neuen Offshore-Windkraftprojekte, die Bedeutung der britischen Spitzenuniversitäten und die Kultur- und Kreativwirtschaft.
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err Botschafter, das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland ist untrennbar mit der Monarchie verbunden. Am 19. Mai schaute die ganze Welt auf die Heirat von Prinz Harry und der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle. Auch vor dem Hintergrund, dass Königin Elisabeth II. gar schon seit 1952 Ihr Staatsoberhaupt ist – warum glauben Sie, hat das britische Königshaus über die vielen Jahre nicht an Strahlkraft verloren?

„Wir investieren in noch nie dagewesenem Ausmaß in Wissenschaft und Forschung, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.“

Wir Briten sind sehr stolz auf unser Königshaus. Die Queen ist ein Symbol der Kontinuität und der Pflichterfüllung, sie ist seit fast 65 Jahren unser Staatsoberhaupt. Gleichzeitig ist auch das britische Königshaus mit der Zeit gegangen, es wird offener und „bunter“. So haben die beiden Prinzen William und Harry nicht nur offen über ihre Depression nach dem Tod ihrer Mutter gesprochen, sondern auch mit der Gründung ihrer Initiative „Heads Together“ Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfe und Unterstützung gegeben.

Die Heirat von Prinz Harry und Meghan, Herzogin von Sussex, war ein wunderbares Ereignis, das die Menschen weltweit begeistert hat – auch weil beide sich für Menschen einsetzen, die von der Gesellschaft benachteiligt werden. Das macht sie sympathisch.

United Kingdom
Offizieller Name: Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland Bevölkerung: 64.6 Millionen Staatsform: parlamentarische Monarchie
Hauptstadt: London Bevölkerungsdichte: 268 Einwohner pro km² Regierungschef: Premierministerin Theresa May
Fläche: 243.820 km² Amtssprache: Englisch, Gälisch u. Walisisch Nationalhymne: God Save the Queen

Nach dem Brexit-Referendum vor knapp zwei Jahren folgte Theresa May als Premierministerin auf David Cameron. Innenpolitisch gibt es seitdem vor allem Differenzen mit den Landesteilen Schottland und Nordirland, die jeweils mehrheitlich gegen den EU-Austritt stimmten. Wie bewerten Sie die aktuelle politische Lage zwischen London und Edinburgh beziehungsweise Belfast?

Die britische Regierung macht Politik für alle Landesteile unseres Königreichs, also für England, Wales, Schottland und Nordirland. Wir konsultieren regelmäßig alle Regionalregierungen und beziehen deren Interessen in die Brexit-Verhandlungen ein. Premierministerin May hat mehrmals klargestellt, dass sie sich für alle Landesteile einsetzen wird.

Nachdem Ihre Regierung am 29. März 2017 das offizielle Austrittsgesuch bei der EU eingereicht hatte, erfolgt der Austritt vertragsgemäß am 29. März 2019, sofern keine einstimmige Fristverlängerung durch die Verhandlungspartner beschlossen wird. Welche Veränderungen erwarten Sie danach für Ihr Land?

Zunächst einmal haben wir im März mit der EU eine Übergangsphase nach unserem Austritt beschlossen, und zwar von März 2019 bis Ende 2020. Während dieser Zeit gelten die EU-Regeln weiter, ebenso der Marktzugang und die Freizügigkeit. Das gibt unseren Unternehmen und Bürgern die Planungssicherheit, die sie brauchen. All das werden wir bis Oktober in einen Vertragstext, das Austrittsabkommen, bringen. Darüber hinaus stehen wir natürlich vor der historisch wichtigen Aufgabe, unsere zukünftigen Beziehungen zu gestalten. Wir wollen eine intensive und umfassende Partnerschaft in allen Bereichen – von Handel, Wissenschaft, Kultur und Bildung bis zur Sicherheitspolitik und justiziellen Zusammenarbeit. Wir brauchen eine neue, faire Partnerschaft, ein Gleichgewicht von Rechten und Pflichten. Es soll eine Partnerschaft sein, die die Integrität der EU, aber auch unseren Wunsch auszutreten respektiert. Wir wollen eine Partnerschaft, die unseren Bürgern und Unternehmen nutzt und vor allem eine Partnerschaft, die unseren engen Verbindungen und gemeinsamen europäischen Werten gerecht wird.

„Nach dem Austritt aus der EU werden wir auch neue Handelsabkommen mit Ländern wie Indien und China schließen.“

Zu Ihren wichtigsten Partnern gehören nach wie vor die USA, aber vor allem auch EU-Mitgliedsstaaten wie Deutschland und Frankreich. Ihre Regierung strebt nun eine verstärkte Partnerschaft mit Indien und China und eine stärkere Bedeutung des Commonwealth an. Mit welchen Maßnahmen will Ihre Regierung die Partnerschaften außerhalb der EU vertiefen?

Großbritannien hat bereits eine tiefe Partnerschaft mit Indien, die auf unsere gemeinsame Geschichte zurückgeht, und eine dynamisch wachsende Partnerschaft mit China, in der Handel und Investitionen rapide zunehmen. Nach dem Austritt aus der EU werden wir neue Handelsabkommen mit diesen wie auch mit anderen Ländern schließen und die Verbindungen weiter ausbauen. Aber natürlich ist klar, dass unsere europäischen Partner unsere größten Handelspartner bleiben werden. Deshalb wollen wir ein ambitioniertes und umfassendes Wirtschaftsabkommen mit der EU abschließen. Es sollte möglichst weit reichen sowie Waren und Dienstleistungen umfassen.

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist das Vereinigte Königreich aktuell die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und die fünftgrößte der Welt. Seit der Brexit-Entscheidung ist das Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent 2016 auf 1,5 Prozent 2017 gesunken. Für dieses Jahr werden gar nur noch 1,4 Prozent erwartet. Wie will Ihre Regierung diesem Trend entgegenwirken

Die Welt befindet sich im Umbruch, und zwar in rasantem Tempo. Neue Technologien, die unsere Gesellschaft grundlegend verändern können, werden in den nächsten Jahren zu voller Reife entwickelt werden. Großbritannien ist dabei, eine ehrgeizige Industriestrategie umzusetzen, mit Investitionen in Bildung und Infrastruktur, dem Einsatz neuer Technologien, und neuen Möglichkeiten für Unternehmen, bessere und höher bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Der sogenannte „National Productivity Investment Fund“ ist auf 31 Milliarden Pfund angehoben worden, und der Etat für Forschung und Entwicklung wird ebenfalls enorm steigen. Wie Premierministerin May in ihrer Rede am 21. Mai in der Jodrell Bank erklärte, investieren wir in noch nie dagewesenem Ausmaß in Wissenschaft und Forschung, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern: Künstliche Intelligenz und Daten, gesundes Altwerden, die Mobilität der Zukunft und nachhaltiges, sauberes Wachstum. Mit der klaren Ansage, unsere internationale Zusammenarbeit nach dem Brexit weiter auszubauen, wollen wir eine positive Vision für die Zukunft unseres Landes als offene, innovative Wirtschaft entwerfen, die ideale Bedingungen für High-Tech- und andere Unternehmen bietet – von der Gründungsphase bis zum Ausbau des Geschäftsbetriebs.

„Wir haben die größte installierte Offshore- Windkraftkapazität der Welt.“

Als zehntgrößte Exportnation weltweit spielt der Außenhandel eine bedeutende Rolle für die britische Wirtschaft, und 44 Prozent der Güterexporte gehen in die EU. Etwa 46 Prozent aller britischen Exporte sind Dienstleistungen, die zu großen Teilen in London, einem der weltweit wichtigsten Finanzzentren, erbracht werden. Wie bereiten Sie sich auf einen möglichen Abgang von Finanzunternehmen nach dem EU-Austritt vor?

London wird auch nach dem Brexit das wichtigste globale Finanzzentrum in dieser Zeitzone bleiben, auch wenn einige Geschäftsbereiche in die EU abwandern mögen. Deshalb wird es eher darum gehen, Wege zu finden, wie die europäischen Unternehmen bei den Finanzdienstleistungen, die sie weltweit benötigen, auch künftig von der Nähe zu London profitieren können.

Vor drei Jahren hat Ihre Regierung die Absicht erklärt, bis 2025 komplett aus der Kohleverstromung auszusteigen. Auf der anderen Seite fördert Ihre Regierung aber auch den Ausbau der Atomenergie, und Großbritannien ist zweitgrößter Öl- und Gasproduzent in Europa. Welche aktuellen Projekte mit erneuerbaren Energien würden Sie hervorheben wollen?

Die britische Regierung steht dazu, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten und den globalen Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Das heißt, dass unsere Wirtschaft – und auch unser Energiemix – auf einen niedrigeren Kohlendioxidausstoß umgestellt werden muss. Und deshalb planen wir neue Atomkraftwerke und den Ausstieg aus der Kohle. Im vergangenen September hat Premierministerin May noch einmal bekräftigt, dass wir die Verstromung von Kohle (ohne CO2-Abscheidung) spätestens 2025 einstellen werden. Wir kommen gut voran. Noch vor fünf Jahren hatte klimaschädliche Kohle einen Anteil von 40 Prozent an unserer Elektrizität – jetzt sind es nur noch sieben Prozent, und 30 Prozent kommen von erneuerbaren Energien.

Viele machen sich keine Vorstellung davon, wie groß unsere Ökostromindustrie ist. Wir haben die größte installierte Offshore-Windkraftkapazität der Welt. Im letzten Monat installierte Vattenfall vor der schottischen Küste die leistungsfähigste Windturbine. Eine einzige Umdrehung eines Rotorblatts – sie beschreibt einen Kreis, der größer ist als das London Eye – kann genug Strom produzieren, um einen Haushalt einen Tag lang zu versorgen. Und im vergangenen September eröffnete Staatsministerin Claire Perry, die in unserem Wirtschaftsministerium für Energie und klimafreundliches Wachstum zuständig ist, den ersten Solarpark mit Energiespeicher, der ohne staatliche Subventionen gebaut wurde und betrieben wird. Die 10-MW-Anlage bei Flitwick in Bedfordshire wird genug Strom für rund 2500 Haushalte erzeugen.

Die Top 24 von circa 180 britischen Hochschuleinrichtungen, darunter die weltweit führenden forschungsintensiven Spitzenuniversitäten Oxford, Cambridge, London School of Economics (LSE), Imperial College und University College London, haben sich vor über 20 Jahren in der renommierten Russell-Group organisiert. Welche Erfolge haben sich seitdem im Verbund eingestellt?

Als Zusammenschluss von Spitzenuniversitäten in Großbritannien nimmt die Russell-Group eine ganz besondere Rolle in der Forschungslandschaft Großbritanniens ein, die sich unter anderem in ihrem enormen sozialen, ökonomischen und kulturellen Einfluss ausdrückt – übrigens nicht nur lokal und national, sondern auch global betrachtet. Hier ein paar Zahlen, die dies verdeutlichen: Für jedes öffentlich investierte Pfund generieren die Universitäten der Russell-Group einen durchschnittlichen Ertrag in der britischen Wirtschaft in Höhe von neun Pfund – das sind 87 Milliarden Pfund jedes Jahr! Zahlreiche Neuentdeckungen und Innovationen stammen aus den Laboren der Russell-Group. So untersuchen die Pioniere der Forschung rund um künstliche Intelligenz (KI) neue Ansätze für die großen Herausforderungen unserer Zeit, wie beispielsweise den intelligenten Umgang mit den stetig wachsenden Datenmengen, unter anderem auch in der Gesundheitsforschung.

Seit jeher ist Großbritannien bekannt für weltberühmte Künstler wie William Shakespeare in der Literatur, unzählige Rock- und Popbands in der Musik und natürlich Fußball, wo heute Milliarden Pfund allein an Fernsehgeldern fließen. Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Verhältnis von Kultur und Kommerz in Großbritannien in den vergangenen Jahren verändert?

Die britische Kultur- und Kreativwirtschaft ist mit zwei Millionen Beschäftigten ein wichtiger Wirtschaftszweig und – wie in Deutschland – ein Wachstumsmarkt. Wir haben die größte Designbranche Europas und eine sehr erfolgreiche Filmindustrie mit Weltklassestudios in allen Landesteilen. Grundsätzlich schließen sich Qualität und kommerzieller Erfolg ja nicht aus. Ich erinnere nur an den wunderbaren Film „The King’s Speech“ („Die Rede des Königs“), der 2011 vier Oscars gewonnen hat und in Großbritannien einer der umsatzstärksten britischen Filme aller Zeiten ist. Ich finde, Kultur muss für alle zugänglich sein, deshalb sind wir in Großbritannien stolz darauf, dass der Eintritt in vielen Museen kostenlos ist. Was mich persönlich auch sehr freut, sind die engen deutsch-britischen Kulturbeziehungen, die der British Council übrigens gerade mit seinem „Deutschlandjahr“ feiert. Ein wirklich spannendes Programm! Mehr dazu unter www.britishcouncil.de/en/uk-germany-2018.

Großbritannien ist seit vielen Jahren ein Touristenmagnet – egal, ob Städtetrip nach London, Besuch der englischen Gärten oder Wanderungen durch die schottischen Highlands sowie entlang des Giant’s Causeway in Nordirland. Welche Highlights würden Sie persönlich empfehlen?

Es ist schön, dass jedes Jahr so viele deutsche Touristen nach Großbritannien kommen, 2016 waren es über 3,3 Millionen. Meine persönlichen Tipps? Wir haben viele Gegenden von großer landschaftlicher Schönheit, wie zum Beispiel, Sie erwähnten es bereits, die westlichen schottischen Highlands, die Küste von Northumberland oder die Nordküste von Cornwall. Das Edinburgh Festival bietet jeden Sommer eine beeindruckende Vielfalt an Theater und Comedy, und die Theaterproduktionen im Londoner West End gehören zum Besten der Welt. Aber auch die Kulturmetropole Liverpool mit ihrem tollen Hafenviertel Albert Docks hat viel zu bieten.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5 = Mohamed El-Sauaf