Interview » Interview mit dem Botschafter von Irland S.E. Michael Collins

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im Focus
Irland
Offizieller Name
Éire – Ireland
Hauptstadt
Dublin
Fläche
70.282 km²
Bevölkerung
4,75 Millionen
Bevölkerungsdichte
68 Einwohner/km²
Amtssprache
Irisch (erste Amtssprache, aber Tagessprache nur für etwa drei Prozent der Bevölkerung), Englisch
Regierungsform
Parlamentarisch-demokratische Republik
Staatsoberhaupt
Präsident Michael D. Higgins
Regierungschef
Premierminister (Taoiseach) Leo Varadkar
Nationalhymne
Amhrán na bhFiann

„Der Brexit ist eine der wichtigsten Herausforderungen, denen wir als Land je begegnet sind.“

IRLAND wurde in den vergangenen zehn Jahren von der Wirtschafts-, Banken- und Schuldenkrise geprägt. Das pro-europäisch ausgerichtete Land hat die wirtschaftliche Wende nun aber offenbar geschafft. Durch das Brexit-Votum Großbritanniens steht der Inselstaat aktuell vor neuen Herausforderungen. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der Botschafter S.E. Michael Collins über die Beziehungen zu Nordirland, die Kritik an steuerlichen Vorteilen für ausländische Unternehmen und die einzigartige Kultur des Landes.
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err Botschafter, durch einen erfolgreichen Konsolidierungskurs mit den derzeit höchsten Wachstumsraten innerhalb der EU scheint die Wende nach den schweren Jahren infolge der Finanzkrise vollzogen. Mit welchen Maßnahmen hat Ihre Regierung den Umschwung geschafft?

Im vierten Jahr in Folge ist Irland die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in der Eurozone – dieses Jahr wird erwartet, dass wir ein Wachstum von circa fünf Prozent erreichen. Nach den sehr dunklen Jahren der Banken- und Schuldenkrise stellt dies eine riesige Wende in der irischen Wirtschaft dar. Ein sehr klarer Fokus auf den Aufschwung, die Einhaltung unserer Verpflichtungen und eine strenge Budgetdisziplin haben uns geholfen, nun wieder besser dazustehen. Mittlerweile ist unser Haushaltsdefizit im Wesentlichen beseitigt worden: Unsere Arbeitslosenquote ist auf rund 6,2 Prozent gesunken (von mehr als 15 Prozent während der Krise) und das Vertrauen der Investoren wurde wiederhergestellt, was Sie an den starken Investitionen im Inland sehen können. Darüber hinaus wird das Verhältnis zwischen unseren Schulden und unserem BIP, das während der Wirtschaftskrise aufgeblasen wurde, in diesem Jahr im oder sogar unter dem EU-Durchschnitt liegen. Und die Konjunkturprognose ist trotz der Unsicherheiten durch den Brexit gut. Natürlich war der Neustart der Wirtschaft nach einer so schwierigen Wirtschaftskrise eine große Herausforderung – aber eine, der wir uns gestellt haben. Infolgedessen haben wir eine feste Grundlage geschaffen, auf der unsere wirtschaftliche Stabilität und unser zukünftiger Wohlstand aufrechterhalten werden können. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Mitgliedschaft Irlands in der EU ein großer Vorteil für unsere Wirtschaft war. Vor allem der EU-Binnenmarkt hat zu unserem Wirtschaftswachstum und unserem Wohlstand beigetragen.

Bei den Wahlen im Februar 2016 blieb die bedeutendste Volkspartei Fine Gael stärkste Kraft in Irland. Seit Mai 2016 bildet Fine Gael zusammen mit sieben unabhängigen Abgeordneten eine Minderheitsregierung, da eine Mehrheitsregierung nicht gelungen war. Wie hat sich diese Konstellation seitdem bewährt?

Irland hat seit vielen Jahren keine Alleinregierung gehabt, sodass Koalitionsvereinbarungen, wie auch anderswo in Europa, gar nicht ungewöhnlich sind. Eine Sache, die unsere wichtigsten politischen Parteien gemeinsam haben, ob in der Regierung oder in der Opposition, ist eine Verpflichtung zu unserer EU-Mitgliedschaft und eine breite Unterstützung für die wichtigsten Grundlagen, die unseren wirtschaftlichen Erfolg untermauern.

Der Brexit hat für Irland eine außerordentlich hohe Priorität. In der Tat ist es eine der wichtigsten Herausforderungen, denen wir als Land je begegnet sind. Seit dem britischen Brexit-Referendum gab es eine große Anstrengung unserer Regierung, die Auswirkungen zu beurteilen und unsere EU-Partner durch unsere Bedenken zu sensibilisieren. Wir sind sehr erfreut darüber, dass die vom Europäischen Rat vor Kurzem vereinbarten Brexit-Verhandlungsleitlinien die Bedeutung der Bewältigung dieser spezifischen irischen Themen in den Verhandlungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich anerkennen. Wir danken all unseren EU-Partnern, darunter auch Deutschland, für ihre Unterstützung und das Verständnis der entscheidenden Fragen für Irland, die sich aus dem Brexit ergeben. Und wir werden auch weiterhin eng mit ihnen zusammenarbeiten, denn wir haben begonnen, Lösungen für diese Themen im Laufe der EU-Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich zu finden. Ich bin froh, sagen zu können, dass die Beziehungen zwischen Irland und Deutschland besonders gut sind – das Anfang April hier in Berlin stattgefundene Treffen zwischen unserem ehemaligen Taoiseach (Premierminister) Enda Kenny und Bundeskanzlerin Angela Merkel bot eine weitere wertvolle Gelegenheit, diese Beziehungen noch weiter zu festigen und Themen wie den Brexit und unser gemeinsames Engagement für die EU zu diskutieren. Unser neuer Taoiseach (Premierminister) Leo Varadkar hatte ebenfalls eine Möglichkeit, nach seinem Amtsantritt direkt mit der Kanzlerin über den Brexit und andere Themen auf unserer europäischen Agenda zu spechen.

Es ist wichtig, dass wir so starke bilaterale Beziehungen zu Deutschland und allen unseren EU-Partnern wie irgend möglich haben. Im Falle Deutschlands und aus dem Brexit folgend werden wir unsere Botschaft in Berlin und jene in anderen wichtigen EU-Hauptstädten stärken. Wir glauben, dass wir unser Engagement hier weiter intensivieren müssen. Der Brexit ändert viele Dinge für Irland und wir müssen dafür sorgen, dass wir für eine Zukunft in Europa und mit unseren EU-Partnern ohne Großbritannien vorbereitet sind.

„Im vierten Jahr in Folge ist Irland die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in der Eurozone.“

Irlands Außenpolitik ist geprägt durch eine pro-europäische Grundeinstellung, die ihre Wurzeln in der Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft seit 1973 und den Vereinten Nationen seit 1955 hat. Außerdem gibt es traditionell starke Beziehungen zu den USA. Welche Partnerländer sind aus Ihrer Sicht am bedeutendsten?

Irland ist in der Tat sehr pro-europäisch eingestellt. Laut einer kürzlich durchgeführten Meinungsumfrage liegt die Unterstützung bei über 80 Prozent – dies ist sogar mehr als die sehr hohe Unterstützung, die im Referendum im Jahr 1972 unseren EU-Beitritt gesichert hatte. Wir bedauern sehr, dass das Vereinigte Königreich sich entschlossen hat, die EU zu verlassen, aber es sollte klar sein, dass Irland bleibt. Unsere Zukunft ist mit Europa in der EU. Wir werden auch Teil des EU-Teams für die Brexit-Verhandlungen sein. Das Vereinigte Königreich ist unser größter Handelspartner und nächster Nachbar. Wir haben tiefe Bindungen, die Jahrhunderte überspannen. Wir sind natürlich auch Co-Garanten des Karfreitagsabkommens von 1998, das für den Frieden und die Stabilität in Nordirland unerlässlich ist. Selbstverständlich wollen wir die engstmögliche Verbindung zum Vereinigten Königreich aufrechterhalten, wenn es die EU verlässt, sowohl bilateral als auch zwischen der EU und dem UK.

Irland genießt auch eine einzigartige Beziehung zu den Vereinigten Staaten, der Heimat von so vielen Menschen irischer Abstammung und dem Land, das unser größter Exportmarkt und Auslandsinvestor ist. Das Engagement für die EU und die engstmöglichen Beziehungen zu Großbritannien und den USA sind daher für Irland von zentraler Bedeutung. Irland ist eine kleine Inselnation und ein Mitglied der europäischen Familie, aber wir sind auch durch unsere Mitgliedschaft in der UNO und anderen Organisationen der weiteren Förderung und dem Schutz der internationalen Stabilität, des Friedens und der Sicherheit verschrieben.

Heutzutage herrscht Frieden in Nordirland. Sehen Sie eine Gefahr, dass die Unruhen wiederkehren könnten?

Die Aufrechterhaltung des Friedens in Nordirland und der Schutz der Errungenschaften des Karfreitagsabkommens von 1998 sind für Irland von entscheidender Bedeutung. Zwischen 1969 und den 1990er Jahren erlitt Nordirland über mehrere Jahrzente hinweg schwere menschliche Verluste und Zerstörung. Wer sich an diese schrecklichen Jahre erinnert, schätzt unsere absolute Entschlossenheit, den Frieden und die politische Einigung zu schützen, die seither erreicht wurde. Ich sollte auch betonen, dass die EU ihren Teil dazu beigetragen hat, diesen Frieden durch die verschiedenen Friedensprogramme zu unterstützen, die zur Förderung der Versöhnung und der wirtschaftlichen Entwicklung in Nordirland beigetragen haben. Und natürlich gab es dadurch auch eine willkommene Transformation in den Beziehungen zwischen Irland und Großbritannien. Die EU hat dazu beigetragen, diese Normalisierung zwischen unseren beiden Ländern zu erreichen. Unsere gemeinsame Mitgliedschaft ermöglichte es uns, die Nordirland-Frage gemeinsam anzugehen und die Verhandlung des Karfreitagsabkommens in einer Weise zu führen, die in früheren Zeiten nicht möglich gewesen wäre.

Durch den Austritt von Großbritannien aus der EU nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 wurde auch Ihre Regierung sowohl wirtschaftlich als auch politisch verunsichert. Ähnlich wie Schottland hatte sich auch Nordirland mehrheitlich gegen den Brexit ausgesprochen. Inwieweit könnte das dem angestrebten Vereinigungsprozess mit Nordirland vielleicht sogar zuträglich sein?

Selbstverständlich war die Brexit-Entscheidung eine große Enttäuschung für Irland. Irland und das Vereinigte Königreich schlossen sich 1973 der EU an und wir hätten uns niemals vorstellen können, dass sie eines Tages so abstimmen würden. Als Mitglied der 27 EU-Staaten werden wir gemeinsam mit unseren Partnern die Folgen des Brexits bewältigen. Aber der Brexit hat ernsthafte Auswirkungen auf unseren Handel mit dem Vereinigten Königreich und auf die 500 Kilometer lange Grenze auf der irischen Insel, die die Außengrenze der EU und für den Nordirland- Friedensprozess werden wird. Wir wollen auch die Erhaltung der sogenannten „Common Travel Area“ sicherstellen, einer Vereinbarung zwischen Großbritannien und Irland, die unserer Mitgliedschaft in der EU vorausging und die es den Menschen ermöglicht, frei zu leben und frei zwischen den Inseln zu reisen. Es ist keine unbedeutende Tatsache, dass etwa 56 Prozent der Menschen in Nordirland gegen den Brexit gestimmt haben. Wir wollen nicht eine Rückkehr „zur harten Grenze aus der Vergangenheit“ und wir wollen die Fortschritte schützen, die wir durch das Karfreitagsabkommen von 1998 erreicht haben, das den Frieden nach Nordirland brachte. Dieses richtungweisende Abkommen ist das beste Mittel, um sicherzustellen, dass Nordirland durch die politische Partnerschaft und mit wichtigen und besonderen Verbindungen mit dem Rest von Irland in Frieden leben kann. Das Karfreitagsabkommen sieht auch die Möglichkeit eines Referendums über die irische Einheit zu einem späteren Zeitpunkt vor, wenn es dafür in Nordirland eine Mehrheit zu geben scheint. Es ist wichtig, dass der derzeitige Europäische Rat akzeptiert hat, dass in diesem Fall ein solches vereinigtes Irland automatisch Mitglied der EU sein würde.

Die irische Wirtschaft war in den vergangenen 20 Jahren durch Höhen und Tiefen gekennzeichnet. Auf den Boom in den 1990er-Jahren folgte 2008 die Finanzkrise, die in den Folgejahren vor allem den überdimensionierten Banken- und Bausektor traf. Das führte zum „Rettungsschirm“ des EU-IWF-Programms, das aber bereits Ende 2013 wieder verlassen werden konnte. Wie steht es um die irische Wirtschaft heute?

Wie ich bereits erwähnt habe, hat sich Irland seit der Wirtschaftskrise stark erholt. Wir mussten von einem EU-IWF-Programm unterstützt werden, das wir Ende 2010 eingegangen sind und Ende 2013 verlassen haben. Das war eine sehr schwierige Zeit für Irland. Seitdem haben wir das Vertrauen der internationalen Investoren wiedererlangt und unsere Wirtschaft gehört zu den besten Leistungsträgern in der EU. Es gibt einen erneuerten Optimismus, dass unsere Wirtschaft nun für die Zukunft auf festem und nachhaltigem Grund steht. Ich bin sehr optimistisch für die Zukunft Irlands. Mein Optimismus wird durch unsere Mitgliedschaft in der EU gestärkt, denn wir glauben, dass unser Fortschritt und unser Wohlstand dort am besten gewährleistet werden können. Während der Wirtschaftskrise sahen wir auch eine Rückkehr der Auswanderer vor allem vieler junger Menschen, die Irland verließen. Heute ermutigen wir diejenigen, die darüber nachdenken, nach Irland zurückzukommen. Mit unserem erneuten Wirtschaftswachstum gibt es jetzt gute Chancen in unserem Land und wir brauchen die Kompetenzen, vor allem im High-Tech-Bereich, aber auch in anderen Sektoren, die diese gut ausgebildeten Menschen besitzen.

„Die Aufrechterhaltung des Friedens in Nordirland ist für Irland von entscheidender Bedeutung.“

Bei den ausländischen Direktinvestitionen ist Irland aufgrund der Steuervorteile ein besonders attraktiver Standort. Allein die US-amerikanischen Unternehmen in Irland haben mehr als 217.000 Arbeitsplätze geschaffen. Jedoch gibt es auch zunehmend Kritik an diesen steuerlichen Vorteilen, was in der Rekordstrafe der EU für den US-Konzern Apple gipfelte, der bis zu 13 Milliarden Euro Steuern nachzahlen soll. Wird sich die irische Steuerpolitik nun ändern?

Irland ist ein sehr attraktiver Standort für Investitionen und wird es auch weiterhin sein. Die irische Körperschaftssteuer ist beschlossen und wird sich nicht ändern. Unser Körperschaftsteuersatz ist seit mehr als fünfzig Jahren Teil der irischen Industriestrategie, aber das ist nur einer von vielen Faktoren, die Irland zu einem attraktiven Investitionsstandort machen. Wir bieten viele Vorteile für Anleger, einschließlich unserer Mitgliedschaft in der EU und im Euro. Darüber hinaus ist unsere Wirtschaft die am schnellsten wachsendende und wettbewerbsfähigste in der Eurozone mit hochqualifizierten und gut ausgebildeten Arbeitskräften. Wir sind sehr darauf fokussiert, Investitionen ins Land zu holen. Das ist ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft. Wir kämpfen in einer sehr entschlossenen Weise, Investitionen anzuziehen, aber wir tun es immer fair. Wir unterstützen auch aktiv die OECD-Bemühungen, um das Problem der internationalen Steuerflucht zu lösen. Irland ist und war in der Vorreiterrolle der internationalen Gemeinschaft, die dagegen kämpft. Das ist ein komplexes Gebiet, das eine aktive internationale Zusammenarbeit erfordert. Die Entscheidung der EU-Kommission in Bezug auf Apple ist eine, die wir nicht akzeptieren, und daher haben wir zusammen mit Apple beim Europäischen Gerichtshof Einspruch erhoben.

Irland ist eine besonders starke Exportnation. Diese Exporte werden jedoch vor allem durch ausländische Unternehmen in den Bereichen Chemie/Pharmazie, Software, Elektronik und Dienstleistungen generiert sowie von in- und ausländischen Unternehmen im Nahrungsmittelbereich. Wie will Ihre Regierung den Export der inländischen Unternehmen stärken?

Wir sind eine offene Wirtschaft, die auf der globalen Bühne im Wettbewerb steht, und wir sind sehr stolz auf unseren Erfolg als dynamische Exportnation. Heute sind unsere wichtigsten Exporte Pharma- und Medizinprodukte, Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) und Finanzdienstleistungen, aber wir haben auch einen zunehmend wichtigen heimischen Sektor, in dem einige Unternehmen an der Seite unserer multinationalen Investoren gewachsen sind. Wir legen besonderen Wert auf die Stärkung dieses Sektors, der natürlich für die überwiegende Mehrheit der mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze in der irischen Wirtschaft verantwortlich ist. Unsere staatliche Agentur „Enterprise Ireland“ ist da, um unsere Firmen zu Hause und hier auf dem deutschen Markt zu unterstützen. Das Niveau unserer Exporte von Waren und Dienstleistungen nach Deutschland nimmt weiter zu (17 Milliarden Euro im Jahr 2015) – Deutschland ist damit unser drittgrößter Handelspartner. Hier ist vielen unsere Marke „Kerrygold“ bekannt, die einen wichtigen Teil der 600 Millionen Euro im Exportbereich Essen und Trinken auf dem deutschen Markt ausmacht. Die Deutschen wollen gern wissen, dass sie sichere und nachhaltige Nahrungsmittelprodukte kaufen, und Irland bietet den Verbrauchern das Beste aus unserem grünen und umweltfreundlichen Land.

Vor 13 Jahren führte Irland als erstes EU-Land ein totales Rauchverbot in allen öffentlichen Einrichtungen ein. Davon ausgenommen wurden Hotelzimmer, Gefängnisse und psychiatrische Anstalten, wodurch Irland nochmals eine Vorreiterrolle in Europa einnahm. Wie hat sich die damalige Entscheidung bis heute auf den Gesundheitsstand Ihrer Bevölkerung ausgewirkt?

Die Entscheidung von Irland im Jahr 2004, das Rauchen in den meisten geschlossenen Arbeitsplätzen zu verbieten, war damals ein sehr dramatischer Schritt und machte uns zum ersten EU-Land, das einen solchen Schritt unternahm. Seit dieser Zeit ist ein Rauchverbot an öffentlichen Orten fast überall normal geworden. Heute ist es schwer, sich vorzustellen, wie es einmal war. Es gab eine starke öffentliche Unterstützung für das Verbot und es gab keine negativen wirtschaftlichen Auswirkungen, die aus der Maßnahme folgten. Durch eine Reihe von Studien wurden signifikant positive Vorteile für die Gesundheit aus dem Rauchverbot festgestellt. Darüber hinaus stellte eine im Jahr 2013 veröffentlichte Analyse zu langfristigen Auswirkungen des Verbots fest, welche im Jahr 2013 veröffentlicht wurde, dass infolge der Einführung dieser Maßnahme fast 4.000 Leben gerettet werden konnten.

Bildung hat in Irland einen großen Stellenwert. Das zeigt sich durch den Bildungsetat von 9,5 Milliarden Euro und die geplante Einstellung von zusätzlich 2.400 Lehrern in diesem Jahr. Auch das Universitätswesen genießt unter anderem durch den hohen Anteil an ausländischen Professoren, Dozenten und akademischem Personal einen ausgezeichneten Ruf. Warum ist der Fokus auf Bildung in Ihrem Land so stark?

In Irland haben wir erkannt, dass Bildung für viele unserer Ambitionen von zentraler Bedeutung ist. Dazu gehört die Schaffung von nachhaltigen Arbeitsplätzen mit guten Perspektiven, aber es ist auch ein Mittel, um es den Menschen zu ermöglichen, Benachteiligungen zu überwinden und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Während andere europäische Länder ab dem 19. Jahrhundert eine rasche Industrialisierung erlebten, blieb Irland bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine weitgehend landwirtschaftliche Ökonomie. Wir hatten erkannt, dass hochqualifizierte und ausgebildete Arbeitskräfte unerlässlich für die Gewinnung von Investitionen sind. Der wirtschaftliche Fortschritt Irlands ist in hohem Maße ein Ergebnis dieser Ausrichtung auf Bildung. Laut der OECD haben 52 Prozent der irischen 25- bis 34-Jährigen einen akademischen Abschluss. Das sind zehn Prozent mehr als der OECD-Durchschnitt. Irlands Bildungssystem ist international hoch angesehen und zählt weltweit zu den Top Ten der Hochschulbildung.

Die Kultur Irlands wurde vor allem durch die Diaspora in den USA in der ganzen Welt bekannt. Davon zeugen Feste wie der St. Patrick’s Day oder Halloween, die mittlerweile in vielen Ländern gefeiert werden. Was ist für Sie das Besondere an Ihrer Kultur?

Die irische Kultur, unsere Musik, Tanz, Theater, Literatur, bildende Kunst und unsere Traditionen werden weltweit genossen. Unser Erfolg im künstlerischen und kulturellen Bereich hat seine Wurzeln in einer Tradition des Geschichtenerzählens, die aus den alten keltischen Legenden und den Manuskripten der irischen Mönche und Gelehrten stammt. In der Tat hat Irland die älteste Volkssprache in Westeuropa. Sie werden sicherlich die irische Kultur in den renommiertesten Konzerthallen, Theatern und Galerien finden, aber diese hat ihre Wurzeln in einer lebendigen Tradition, die Teil des Alltags in Irland ist. Diese Tradition wurde von der irischen Diaspora weit getragen und ihre Lebendigkeit ist das, was Menschen auf der ganzen Welt anspricht. Hier in Deutschland gibt es eine große Wertschätzung der irischen Kultur. Viele Deutsche reisen auch nach Irland, um unsere Kultur aus erster Hand zu erleben und es ist tatsächlich so, dass sich viele durch die Kultur mit Irland verbunden fühlen.

Jedes Jahr gibt der St. Patrick’s Day am 17. März Irland eine globale Plattform, um unsere Kultur und unsere Traditionen zu feiern und auch Irland als Ziel für Tourismus und Investitionen nach außen zu tragen. Dies ist ein Tag, der von irischen und nicht-irischen Menschen gleichermaßen auf der ganzen Welt gefeiert wird. Wir lieben die Idee, dass so viele Menschen glücklich sind, an diesem irischen Fest und seinen Leuten teilzuhaben. Mit rund 80 Millionen Menschen in unserer globalen Diaspora haben die Iren in fast allen Ecken der Welt einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, um die Gesellschaften zu bereichern, in denen sie ein neues Zuhause gefunden und wunderbare Verbindungen zwischen diesen Ländern und Irland geschaffen haben. Auch wir sind sehr aktiv in Berlin und in ganz Deutschland bei der Förderung unserer Kultur wie etwa beim „Bloomsday“ am 16. Juni, wenn wir James Joyce feiern, der einer von vier irischen Nobelpreisträgern für Literatur ist.

Schon seit Jahren ist Irland eines der beliebtesten Reiseziele in Europa. Attraktionen wie die Cliffs of Moher und der Ring of Kerry an der Westküste oder die pulsierende Hauptstadt Dublin sind für jeden Besucher ein Muss. Welche Highlights würden Sie persönlich empfehlen?

Irland ist ein spannendes Touristenziel für jedermanns Geschmack und Interesse. Für viele ist es die schroffe Westküste und der Wild Atlantic Way, besonders geschätzt von den Lesern von Heinrich Bölls „Irisches Tagesbuch“, das so vielen Deutschen bekannt ist. Auf der diesjährigen Hundertjahrfeier von Bölls Geburt haben viele Deutsche einen besonders guten Grund, Irland zu besuchen und den Charakter und die Schönheit zu schätzen, über die er über all jene Jahre geschrieben hat. Für andere, die Irland besuchen, bietet der östliche Teil des Landes große Anziehungskraft. Wir nennen ihn „Irlands antiker Osten“ – ein Ort der alten Hochkönige, Heiligen und Gelehrten sowie der modernen Dichter.

Und für viele andere ist die Spannung und Lebendigkeit unserer Hauptstadt Dublin ein Muss. Aber egal ob es sich um Besucher aus Ost oder West oder Norden oder Süden handelt, jeder Besucher in Irland wird mit einem „Cead Mile Failte“ (deutsch: „Tausendfach willkommen!“; Anmerkung der Redaktion) begrüßt. Unsere Landschaft, unsere Kultur, unsere Leute sowie unser Essen und Trinken machen Irland zu einem Ort, an dem sich die Deutschen zu Hause fühlen können. Mit mehr als 600.000 deutschen Besuchern in Irland jedes Jahr und mit günstigen und häufigen Verbindungen zwischen den beiden Ländern gibt es eine wachsende Wertschätzung dessen, was Irland zu bieten hat, und der Wärme des Willkommens, das Sie erhalten werden.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5 = Mohamed El-Sauaf