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„ PERU BIETET IMMENSES INVESTITIONSPOTENZIAL FÜR STARKE VOLKSWIRTSCHAFTEN.“
Wer sich mit der politischen Geschichte Perus der letzten Jahre auseinandersetzt, wird ordentlich Stoff für einen spannenden Roman, womöglich einen Polit-Thriller, sammeln. Der Odebrecht- Skandal rund um einen brasilianischen Baukonzern beispielsweise enthüllte, wie tief sich die Korruption in die staatlichen Strukturen gefressen hat. Gleich mehrere ehemalige Präsidenten des lateinamerikanischen Landes mussten sich ob der Affäre verantworten. Pedro Pablo Kuczynski, der zu dieser Riege zählt, hielt dem öffentlichen Druck nicht stand und gab sein Amt Ende März auf. Zuvor zählte die Begnadigung des umstrittenen Ex-Präsidenten Alberto Fujimori zu seinen letzten Amtshandlungen. Das hat das Land gespalten. Fujimori war wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt worden.

Die zahlreichen peruanischen Politdramen trüben allerdings die an sich so erfreulichen Nachrichten, die es so selten in den deutschen Medienmainstream schaffen. In den vergangenen zehn Jahren verzeichnete das Land ein bemerkenswertes Wirtschaftswachstum, wodurch es gelungen ist, in dieser Zeit die Armutsquote der Bevölkerung zu halbieren. Mehrere milliardenschwere Großbauprojekte sind in Planung. Der Tourismussektor boomt. Klar, Peru bietet überwältigende Naturlandschaften, von der Inka-Kultur und Kolonialzeit geprägte Städte und das Weltwunder Machu Picchu. Der Botschafter von Peru S.E. Elmer Schialer spricht im Interview mit dem Diplomatischen Magazin über die Sonnen- und Schattenseiten seines Landes.
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err Botschafter, am 21. März gab Präsident Pedro Pablo Kuczynski seinen Rücktritt bekannt. Hintergrund waren ein eingeleitetes Amtsenthebungsverfahren sowie Korruptionsvorwürfe im Kontext des Odebrecht-Skandals. In einer Videobotschaft an die peruanische Bevölkerung sprach er auch von notwendigen konstitutionellen und politischen Reformen. Was meint er damit?

Was er damit genau gemeint hat, wissen wir natürlich nicht und es ist schwierig, darüber zu spekulieren. Tatsache ist jedoch, dass Peru Anfang dieses Jahres eine komplizierte politische Auseinandersetzung zwischen der Regierung und dem Parlament erlebte: Präsident Pedro Pablo Kuczynski ist zurückgetreten, und der damalige erste Vizepräsident – und heutige Präsident – Martín Vizcarra hat dieses Amt übernommen. Es war eine politische Situation, die nicht einfach war, und bei der auch viel spekuliert wurde, aber eine, die letztendlich verfassungsgemäß gelöst wurde. Peru durchlief zwar eine politische Krise, aber Rechtsstaatlichkeit und Demokratie wurden bei deren Lösung auf strikteste Weise respektiert. Betont und anerkannt wurde das auch während des 8. Amerika-Gipfels, dem Treffen der Staats- und Regierungschefs des amerikanischen Kontinents, das im vergangenen April in Lima stattfand.

Peru
Offizieller Name: Republik Peru Bevölkerung: 32.5 Millionen Staatsform: Unitäre Präsidialrepublik
Hauptstadt: Lima Bevölkerungsdichte: 23 Einwohner pro km² Regierungschef: Premierminister César Villanueva
Fläche: 1.285.216 km² Amtssprache: Quechua, Aimara und Spanisch Nationalhymne: Somos libres, seámoslo siempre

„Peru erlebte Anfang dieses Jahres eine komplizierte politische Auseinandersetzung zwischen der Regierung und dem Parlament.“

Bleiben wir noch kurz bei diesem Thema. Das erwähnte Amtsenthebungsverfahren war von Keiko Fujimori, der Oppositionsführerin und Tochter des Ex-Präsidenten Alberto Fujimori, angestoßen worden. Letzterer muss sich nun, nachdem er Anfang des Jahres begnadigt worden war, wegen eines vermeintlichen Massakers an sechs Bauern im Jahr 1992 erneut vor Gericht verantworten. Können Sie die Geschichte für unsere Leser aufschlüsseln?

Dieser zweite Amtsenthebungsversuch – der erste scheiterte im Dezember letzten Jahres – wurde nicht von der Oppositionsfraktion „Fuerza Popular“, der von Keiko Fujimori angeführten Partei, initiiert, obwohl sie sich später daran angeschlossen hat. Angestoßen wurde er von mehreren kleineren Parteien, die die Regierung des Präsidenten scharf kritisierten, inmitten der Korruptionsvorwürfe im Kontext des Odebrecht-Skandals, den Sie schon erwähnt haben, aber auch aufgrund der Begnadigung von Ex-Präsident Fujimori. Die Beziehungen zwischen Parlament und Regierung waren seit Beginn der Amtszeit Kuczynskis angespannt. Die Opposition genießt eine deutliche Mehrheit in der Legislative, während die regierende Partei bei den letzten Wahlen nur 17 von insgesamt 130 Parlamentssitzen errungen hat. Kuczynski gewann die Stichwahl gegen Fujimori mit knapp 45.000 Stimmen. Das hat aber keine einfache politische Konstellation ergeben.

Was nun Ex-Präsident Fujimori betrifft: Er erhielt eine Begnadigung aus humanitären Gründen wegen bereits abgeschlossener Prozesse mit festen Gerichtsurteilen. Das heißt jedoch, dass Fujimori, wie jeder andere Bürger auch, sich anderen möglichen Gerichtsverfahren unterziehen muss.

Einige Wirtschaftsbranchen litten unter den politischen Skandalen von 2017, suchen jetzt aber nach neuen Wegen, um das enorme Potenzial der wachsenden Mittelschicht zu erschließen. Unterdessen bringen ausländische Direktinvestitionen und der technologische Fortschritt neue Impulse. Wohin geht es mit der peruanischen Wirtschaft?

Ja, der politische Lärm in meinem Land im Jahr 2017 hat auch zur Verlangsamung unserer Wir tschaf t in diesem Jahr beigetragen. Andere wichtige Faktoren waren Korruptionsvorwür fe, die manch wichtige Unternehmen trafen, das Ende des Rohstof f-Superzyklus – obwohl sich die Preise von Rohstof fen jetzt ein wenig erholt haben – und das große Unwetter im Norden Perus Anfang 2017, das weite Teile der Infrastruktur in dieser Gegend zerstör te. Aber die jüngsten Daten zeigen, dass die peruanische Wir tschaft wieder in Schwung ist. Der IWF und die peruanische Zentralbank rechnen damit, dass die peruanische Wir tschaf t dieses Jahr zwischen 3,7 Prozent und vier Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) wachsen wird und damit eine der am schnellsten wachsenden Volkswir tschaf ten Lateinamerikas sein wird. Da zeigt sich wieder das immense Investitionspotenzial, das Peru für starke Volkswir tschaf ten wie die deutsche Wir tschaft bietet. Dieses Potenzial, das auf über 40 Milliarden geschätzt wird, liegt im Bergbausektor, im Energiesektor (erneuerbare Energien eingeschlossen), in der Infrastruktur, der Industrie und so weiter.

Deutschland – der „Exportweltmeister“ – ist schon Perus größter Handelspartner in Europa. Die Zeit ist also jetzt reif, um deutsche Investitionen in Peru erheblich zu steigern. Deutschland ist ja auch der viertgrößte Auslandsinvestor der Welt, investiert aber ziemlich bescheiden in Lateinamerika.

„Der politische Lärm in meinem Land im Jahr 2017 hat auch zur Verlangsamung unserer Wirtschaft in diesem Jahr beigetragen.“

Machu Picchu, die Anden und der Amazonas – die Bedeutung des Tourismus für die wirtschaftliche Entwicklung Ihres Landes ist gemeinhin bekannt. Sie haben doch sicherlich mit dem Phänomen des Overtourism zu kämpfen?!

Die Tourismusbranche ist gewiss eine sehr wichtige Einnahmequelle für die peruanische Wirtschaft und auch ein bedeutender Arbeitgeber. Im Jahr 2017 bewegte der Tourismus in Peru über acht Milliarden US-Dollar – 3,8 Prozent des BIP des Landes – und sicherte über 400.000 unmittelbare Arbeitsplätze. Um die Nachhaltigkeit eines solchen „Goldesels“, wie man so schön sagt, muss man sich umfassend und ohne Wenn und Aber kümmern. Das reiche und vielfältige Kultur- und Naturangebot unserer Tourismusbranche muss zugunsten unserer Kinder und Enkelkinder erhalten bleiben.

Papst Franziskus hat kürzlich während seiner Reise ins Amazonasgebiet die rücksichtlose Umweltzerstörung vor Ort kritisiert. Ist der Abbau von Rohstoffen eine ökonomische Notwendigkeit für Peru?

Und wir geben Papst Franziskus vollkommen recht. Was dem Amazonasgebiet extrem schadet, sind illegale Bergbauaktivitäten, um Gold aus unseren Flüssen zu gewinnen. Diese Aktivitäten zerstören gnadenlos den tropischen Wald und verseuchen unsere Wasserwege mit Quecksilber und anderen Chemikalien. Schlimm ist auch der illegale Raubbau geschützter hochwertiger Holzarten. Natürlich muss jeder Rohstoffabbau, sei es im Amazonasgebiet, in den Anden oder an der Küste Perus, auf sozial und ökologisch nachhaltige Weise durchgeführt werden.

„Peru hat das Ziel, bis zum Jahr 2030 die Treibhausgasemissionen um mindestens 20 Prozent zu reduzieren.“

Im Colca-Canyon kann man nicht nur stundenlang wandern, sondern auch die hinterlassenen Spuren des Klimawandels erkennen. Angesichts dessen, inwiefern hilft Ihre Regierung den Bäuerinnen und Bauern in den ländlichen Teilen?

Der Klimawandel trifft Peru besonders stark. Nicht nur müssen wir mit stärkeren und häufigeren Phänomenen wie „El Niño“ rechnen, die Überschwemmungen im Norden des Landes und gleichzeitig Dürre und Kältewellen im Süden mit sich bringen, sondern auch mit dem Abschmelzen unserer tropischen Gletscher, einer sehr wichtigen Süßwasserquelle. Die peruanischen Behörden versuchen ihr Bestes, um diese gravierenden Folgen des Klimawandels zu bekämpfen und den Einwohnern zu helfen, besonders den ärmeren und schwächeren unter uns. Aber es ist klar, dass es sich um ein dringendes Thema handelt, das nur global aufgenommen werden kann. Ohne internationale Zusammenarbeit werden wir niemals den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen und den Schutz unseres Planeten erreichen können.

Und wie sehen die nationalen nachhaltigen Entwicklungsziele aus?

Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens haben wir uns sehr ehrgeizige „national festgesetzte Beiträge“ bezüglich Eindämmung, Anpassung und Desertifikation in fünf Hauptbereichen zum Ziel gesetzt: Wasser, Landwirtschaft, Fischerei, Wälder und Gesundheit. Mehrere Aktionspläne und Strategien wurden verabschiedet und sind heute in vollem Gange. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Peru hat das Ziel, bis zum Jahr 2030 die Treibhausgasemissionen um mindestens 20 Prozent zu reduzieren. Wenn internationale finanzielle Hilfsmittel zur Verfügung stehen, könnte man sogar eine dreißigprozentige Reduzierung bis 2030 erreichen.

Bereits die Präinkakulturen praktizierten den Fischfang. Heute gehört Peru zu den weltweit führenden Ländern der Fischereiund Aquakulturindustrie. Welche Meeresfrüchte gehen wohin?

Peru, der zweitgrößte Fischproduzent der Welt, exportiert Fisch und Meeresfrüchte in mehr als 90 Länder. Im Jahr 2017 waren die wichtigsten Märkte China, die USA, Spanien und Japan, aber auch Vietnam, Kanada, Chile, Dänemark, Deutschland oder die Niederlande. In diesem Jahr konnte Peru Fischereiprodukte im Wert von fast drei Milliarden US-Dollar in die Welt exportieren.

DE Adolescentes ist der Name eines gemeinsam mit der kanadischen Regierung geführten Bildungsprojekts. Was steckt dahinter, und welche anderen Anstrengungen unternimmt das Bildungsministerium (Minedu), um in die Zukunft der Jugend zu investieren?

Dieses sehr interessante Projekt wurde vor ein paar Monaten im Rahmen der Tätigkeiten von UNICEF in Peru und unter der maßgeblichen Beteiligung Kanadas ins Leben gerufen, sodass peruanische Jugendliche größere Möglichkeiten erhalten, ihre Rechte uneingeschränkt wahrzunehmen und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. DE Adolescentes wird sich darauf konzentrieren, die Entwicklung umfassender Strategien zu unterstützen und die spezialisierten Dienste für Jugendliche zu verbessern und zu erweitern. Darüber hinaus wird es den peruanischen Staat bei der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Sekundarbildung unterstützen.

Bildung und Studium werden in Peru großgeschrieben, sei es in der Schule, an den Universitäten oder besonders auch im technischen Bereich. Da kann Deutschland sehr viel beitragen und tut es auch. Wir beschäftigen uns intensiv mit unseren deutschen Freunden, um das deutsche Ausbildungsmodell in Peru erfolgreich in weiteren Bereichen anzuwenden. Die Wertschöpfung in einer modernen Welt braucht exzellent ausgebildete Techniker mit viel Sachverstand und Geschicklichkeit.

Eine abschließende Frage: Mit Australien, Dänemark und Frankreich hat Peru eine herausfordernde WM-Gruppe erwischt. Wie weit kommt Ihre Nationalmannschaft? Und welche Bedeutung hat der Fußball in Ihrem Land?

Wir sind sehr, sehr froh, dass Peru nach 36 Jahren wieder an einer Fußball- WM teilnehmen darf, und dass unser Kapitän, Paolo Guerrero, dabei sein kann. Alle vier Mannschaften unserer Gruppe sind stark und haben sich extrem gut vorbereitet. Jedes Spiel wird für alle eine absolute Herausforderung sein. Damit ist ein ausgezeichnetes und emotionsreiches Spektakel vollkommen garantiert. Fußball ist in Peru eine der wichtigsten Sportarten, wenn nicht die wichtigste. Wenn ich mir hier in Deutschland die Fußballspiele ansehe, wie die Fans jubeln, feiern und auch leiden, erinnert mich das viel an meine Heimat. So wichtig ist Fußball in Peru!

Herr Botschafter, vielen Dank für Ihre Zeit.

Interview Enrico Blasnik

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5 = Mohamed El-Sauaf