Interview »

Bildvorschau
  • Bild 0
  • Bild 1
  • Bild 2
  • Bild 3
im Focus
Österreich
Hauptstadt
Wien
Fläche
83.879 km²
Bevölkerung
8,7 Millionen
Bevölkerungsdichte
104 Einwohner/km²
Amtssprache
Deutsch, Slowenisch (regional), Kroatisch (regional), Ungarisch (regional)
Staatsform
Parlamentarischdemokratische Republik
Staatsoberhaupt
Bundespräsident Alexander Van der Bellen
Regierungschef
Bundeskanzler Christian Kern
Nationalhymne
Land der Berge, Land am Strome

„Österreich ist Brückenbauer und Ort des internationalen Dialogs.“

ÖSTERREICH ist nach dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf eines der wohlhabendsten Länder der EU und Vorreiter beim Ausbau erneuerbarer Energien. Zudem genießt die Alpenrepublik einen ausgezeichneten Ruf als Kulturland und erfreut sich ganzjährig einer großen Zahl an Touristen. Dabei hat Österreich turbulente Zeiten hinter sich. Auf die Flüchtlingskrise folgte der harte Kampf um die Wahl des Bundespräsidenten, die erst angefochten und dann mit Verzögerung wiederholt werden musste. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der Botschafter S.E. Dr. Nikolaus Marschik über die ersten Tage des neuen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, die verschiedenen Geschwindigkeiten der europäischen Integration und ob Europa im Kampf gegen Rechtspopulismus etwas von Österreich lernen kann.
H

err Botschafter, Österreich hat turbulente Zeiten hinter sich. Auf die Flüchtlingskrise folgte der harte und polarisierende Kampf um die Wahl des Bundespräsidenten, die erst angefochten und dann mit Verzögerung wiederholt werden musste. Sind Sie froh, dass der lange Wahlkampf ein Ende gefunden hat?

Zunächst möchte ich mich herzlich dafür bedanken, ein Gespräch über aktuelle Themen und Debatten in Österreich sowie über die Vielfalt der Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich zu führen. Sie haben Recht, das Interesse in Deutschland an österreichischer Innenpolitik war schon lange nicht mehr so hoch wie in den letzten Monaten. Dafür waren 2016 sicher die Bundespräsidentenwahl und der lange Wahlkampf wesentliche Gründe, auch weil wir in Österreich ja im Gegensatz zu Deutschland den Bundespräsidenten in einer direkten Volkswahl wählen.

Ich bin im letzten Jahr von vielen Menschen in Deutschland auf die Wahl und den Wahlkampf angesprochen worden, von Kollegen in deutschen Ministerien und Bundesländern, bei Diskussionsveranstaltungen, aber auch in Restaurants oder im Taxi. Man kann ja leicht hören, dass ich aus Österreich komme. Natürlich sind wir in Österreich froh, dass das lange Verfahren nun abgeschlossen ist. Das ist auch das Feedback von den Österreicherinnen und Österreichern, die in Deutschland leben. In Deutschland leben 220.000 österreichische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, viele konnten per Briefwahl mitentscheiden. Und das Verfahren war ja wirklich lange mit den mehreren Wahlgängen, der Aufhebung der ersten Stichwahl und der Verschiebung der Wahlwiederholung.

Nach dem ersten Wahlgang in Österreich lagen die Kandidaten der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP bei jeweils elf Prozent. Und die Top 3 waren: Der Kandidat der Oppositionspartei FPÖ mit 35 Prozent, der ehemalige Chef der Oppositionspartei Die Grünen bei 21 Prozent und eine ehemalige Höchstrichterin, die vorher politisch nicht aktiv war, mit 19 Prozent. Im zweiten Wahlgang, einer Stichwahl, hat Professor Alexander Van der Bellen – der ehemalige Chef der Grünen Partei – gewonnen und ist seit Januar 2017 österreichischer Bundespräsident. Somit ist in Österreich erstmals ein nicht von SPÖ und ÖVP nominierter Kandidat Staatsoberhaupt, das ist eine neue Situation.

Konnte der neue Bundespräsident Alexander Van der Bellen in seinen ersten Monaten das Land wieder etwas versöhnen?

Wie gesagt, es war eine Stichwahl zwischen zwei Kandidaten, und bei einer Wahlmöglichkeit A oder B kann sich nur einer oder eine durchsetzen. In seiner Antrittsrede im österreichischen Parlament hat Bundespräsident Van der Bellen betont, dass er natürlich auch jene vertritt, die ihn nicht unterstützt haben. Er hat gesagt, Österreich sind wir alle, ganz gleich woher wir kommen, wir gehören zueinander und sind so stark wie unser Zusammenhalt. Besonders in den schwierigen Zeiten, denen wir entgegengehen.

Rechtspopulisten sind zurzeit hoch im Kurs. Die Niederlage von Norbert Hofer bei der Bundespräsidentenwahl wurde jedoch als ein erster großer Dämpfer für den Nationalismus betrachtet. Was kann Europa von Österreich in dieser Hinsicht lernen?

Also Ratschläge und Empfehlungen für andere, das würde ich als recht überheblich empfinden. Ich denke auch nicht, dass jedes Land mit derselben Schablone zu verstehen ist. Aber in vielen Diskussionsveranstaltungen in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass sich die Fragen immer stärker um Krisen wie der Finanz- und Wirtschaftskrise gedreht haben. Es ging häufig um die Sorgen der Menschen, etwa über einen Kontrollverlust in der Flüchtlingskrise, die Sicherheit in Europa oder über das hohe Tempo der Veränderung in unserer Gesellschaft durch die Digitalisierung und Automatisierung sowie einen möglichen sozialen Abstieg.

Die Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen, war dann sicher für viele ein bitterer Höhepunkt, und es gab die Befürchtung, dies könnte eine weitere negative Spirale auslösen. Nach dem Wahlergebnis in Frankreich sagte der österreichische Außenminister Sebastian Kurz, dass Protest und Wunsch nach Veränderung nicht immer zur Wahl von Rechtspopulisten führen müsse. Interessant ist auch, was der deutsche Journalist Robin Alexander in seinem Buch „Die Getriebenen“ über die Flüchtlingskrise schreibt. Darin wird beschrieben, dass führende Politiker in Deutschland etwa aus Erfahrungen der 1990er-Jahre die Lehre gezogen hätten, dass man Wähler von populistischen Parteien nicht beschimpfen, sondern die Probleme lösen soll, die zu deren Entstehung führen.

Nicht nur der Rechtspopulismus macht Europa zu schaffen, auch Herausforderungen wie die Brexit-Verhandlungen oder die schwelende Eurokrise stellen den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt auf die Probe. Wie kann Europa gerettet werden?

Rettung klingt mir zu dramatisch. Ich denke, unsere Realität ist komplexer, vielschichtiger, anstrengender. Gerade in den letzten Jahren ist unser gemeinsames Projekt Europa zunehmend komplizierter geworden, viele sprechen von multiplen Krisen. Einige Rückschläge kamen von außen, wie beispielsweise die Flüchtlings- oder Bankenkrise, andere von innen, wie etwa der Brexit oder die Euro-Krise. Wir schauen derzeit eher aus wie eine Dauer-Baustelle. Diese negative Spirale nach unten müssen wir stoppen und gemeinsam umdrehen. In Zeiten mit viel Gegenwind gilt es, Ziele klar zu definieren und Schritt für Schritt, hartnäckig und konsequent, auf diese hinzuarbeiten.

Und die Debatte „entweder mehr oder weniger Europa“ scheint heute nicht mehr ausreichend. Wir müssen präziser fokussieren und vernünftig nachschärfen. Unwesentliches überzuregulieren und große Probleme nicht zu lösen, führt zu Frust und zur Vertrauenskrise. Daher müssen wir präzise fokussieren, in welchen Bereichen den Bürgerinnen und Bürgern Europas „mehr Europa“ nützt und in welchen Bereichen Subsidiarität im Vordergrund stehen soll.

Wo braucht es denn „mehr Europa“?

Europa soll seinen Bürgerinnen und Bürgern nützen und sie schützen. Gerade kleine und mittlere Staaten wie Österreich werden daher „mehr Europa“ bei jenen großen Themen wichtig finden, die wir nicht alleine oder nicht besser lösen können. Zum Beispiel im Bereich Sicherheit, etwa beim Kampf gegen Terrorismus oder beim gemeinsamen Außengrenzschutz. Hier braucht es schnelle und konkrete gemeinsame Lösungen.

Gleichzeitig wissen gerade vom Föderalismus geprägte Staaten wie Deutschland und Österreich, wie effizient und selbstbewusst regionale beziehungsweise kommunale Ebenen Lösungen erarbeiten. Diese Aufgabenteilung ist definitiv ein Mehrwert. Es gilt ja auch „Einheit in Vielfalt“ als Motto der Europäischen Union. Nur weil eine Regelung hervorragend in Österreich funktioniert, heißt es nicht, dass diese ebenso gut in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union ankommt.

Nach der Präsentation des „Weißbuchs zur Zukunft Europas“ von Präsident Jean-Claude Juncker im März 2017 werden derzeit unterschiedliche Konzepte für die Zukunft der Europäischen Union diskutiert, in Deutschland hört und liest man immer mehr vom „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“. Was halten Sie davon?

Verschiedene Geschwindigkeiten sind bereits heute Realität. Viele EU-Staaten haben den Euro als Währung, andere noch nicht, oder nicht alle EU-Mitgliedstaaten nehmen am Schengen-Raum teil. Sofern alle einen gemeinsam festgelegten Weg verfolgen und Flexibilität dadurch erzielt werden kann, dass einige Staaten gemeinsam beschlossene Konzepte umzusetzen beginnen, ohne auf alle warten zu müssen, scheinen diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten zielführend.

Gleichzeitig hat uns die Flüchtlingskrise gezeigt, dass wir uns verstärkt um Einheit und Solidarität innerhalb der europäischen Familie bemühen sollten. Dazu gehört es auch, dass wir einander wieder mehr zuhören, Rücksicht nehmen und bei mehreren Lösungen zu einem Problem auch Vorschläge unterschiedlicher Partner einfordern und fördern. Verschiedene Geschwindigkeiten sollten also nicht zur Einteilung der Mitgliedstaaten in starre unterschiedliche Klassen, zu Gruppenbildungen oder verstärktem Blockdenken führen. Gerade in diesen stürmischen Zeiten sollten wir uns verstärkt bemühen, alle Mitglieder der europäischen Familie auf die weitere Reise mitzunehmen.

„Österreich ist eine Exportnation – sechs von zehn Euro verdienen wir durch Exporte und davon gehen 70 Prozent in den EU-Raum.“

Auch wenn der große Ansturm mittlerweile abgeflaut ist – Europa ist weiter auf der Suche nach der richtigen Strategie in der Flüchtlingsund Asylpolitik. Wie steht Österreich zu Themen wie einer Obergrenze, der Umverteilung oder Migrationszentren außerhalb der EU?

An Strategien und Konzepten fehlt es nicht, es geht um die konsequente und konkrete Umsetzung. Erinnern wir uns an den Herbst 2015: Österreich war auf der Flüchtlingsroute nicht nur Transit-, sondern auch Zielland. Am Ende des Jahres waren dann Schweden, Deutschland und Österreich jene drei Länder, die die meiste Verantwortung bei der Aufnahme der Flüchtlinge übernommen hatten.

Nachdem Deutschland gegenüber Österreich schon im Herbst 2015 Grenzkontrollen und Kontingente eingeführt hatte, haben die österreichische Regierung, Bundesländer und Gemeinden bei einem Asylgipfel Ende Januar 2016 vereinbart, dass der Flüchtlingsstrom nach Österreich deutlich reduziert werden soll, und als Signal für die nächsten Jahre wurden Richtwerte und Obergrenzen festgelegt: 37.500 für das Jahr 2016, eine Zahl, die letztes Jahr knapp unterschritten wurde, und 35.000 für 2017. Es geht bei diesen Zahlen ja nicht nur um eine erste Notversorgung, sondern um Rahmenbedingungen für eine verantwortungsvolle und erfolgreiche Integration der Schutzsuchenden sicherzustellen, insbesondere im Bereich Bildung, Sprache und Arbeitsmarkt.

Beim Konzept der Zentren außerhalb Europas geht es vor allem darum, dass wir gesehen haben, dass das Weiterwinken zu einem weiteren starken Pull-Effekt geworden ist. Der österreichische Außenminister Kurz tritt daher für eine Unterbrechung dieses Automatismus ein, also für Rettung, Versorgung und dann Rückstellung in Asylzentren in sichere Drittstaaten oder in die Herkunftsstaaten. Wesentlicher Punkt all dieser Konzepte und Überlegungen ist aber vor allem ein gemeinsamer Schutz und eine effektive Kontrolle unserer EU-Außengrenzen.

Die Neutralität ist ein grundlegendes Element der österreichischen Außenpolitik. Wie versteht sich dies mit der Zusammenarbeit in der internationalen und europäischen Außen- und Sicherheitspolitik?

Unsere Neutralität bezieht sich auf ein Verfassungsgesetz aus dem Jahr 1955, das am 26. Oktober vom österreichischen Parlament beschlossen wurde. Dieser Tag ist bis heute unser Nationalfeiertag. Die Neutralität ist daher Teil der österreichischen Rechtsordnung, aber nach vielen Jahrzehnten sicher auch Teil unserer Identität. Neutralität heißt rechtlich, dass Österreich insbesondere kein Mitglied eines Militärbündnisses ist und keine militärischen Stützpunkte fremder Staaten auf dem Staatsgebiet zulässt. Neutralität bedeutet aber nicht internationale Teilnahmslosigkeit.

Daher ist Österreich auch 1955 der UNO beigetreten. Seit dem ersten militärischen Einsatz 1960 in Afrika beteiligt sich Österreich an den verschiedensten internationalen Operationen und Missionen. 140.000 Soldaten waren seitdem im Ausland im Einsatz, aktuell befinden sich über 1.000 österreichische Soldatinnen und Soldaten im internationalen Einsatz. Für Österreich war die Rolle als internationaler Brückenbauer immer wichtig, daher haben wir uns auch oft als Plattform für Dialog und Vermittlung angeboten. Gerade in den letzten Jahren fanden in Wien internationale Verhandlungen zum Iran oder Syrien statt. Wien ist sowohl eines der Hauptquartiere der UNO als auch Amtssitz vieler internationaler Organisationen, etwa der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO), der Internationalen Atomenergie- Organisation (IAEO), der Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO) oder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Seit Anfang 2017 hat Österreich den Vorsitz in der OSZE. Außenminister Kurz hat dabei drei konkrete Schwerpunkte definiert: Der Kampf gegen Terror und Radikalisierung, die Entschärfung von Konflikten wie in der Ukraine und der Wiederaufbau von Vertrauen zwischen den Staaten. Vielleicht ist man in einer Zeit, in der das Blockdenken wieder zuzunehmen scheint, gerade als neutraler Staat ein glaubwürdiger Brückenbauer und kann einen nützlichen und hilfreichen Beitrag für die internationale Sicherheit und Zusammenarbeit leisten.

„Die Flüchtlingskrise hat gezeigt, dass wir uns verstärkt um Einheit und Solidarität innerhalb der europäischen Familie bemühen sollten.“

Deutschland und Österreich unterhalten als Nachbarn besonders enge und vertrauensvolle politische Beziehungen. Zudem ist Deutschland für Österreich mit großem Abstand der wichtigste Wirtschaftspartner und Österreich ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen. Was ist das Spezielle am deutsch-österreichischen Verhältnis?

Die Qualität und Dichte der Beziehungen zwischen Österreich und Deutschland ist bemerkenswert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einer Veranstaltung in Wien gesagt, dass wir eine jahrhundertelange Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen teilen. Ich arbeite seit zwei Jahren in Deutschland und als Nachbar finde ich die enge Verbundenheit unserer Landsleute besonders eindrucksvoll. Etwa 220.000 Österreicherinnen und Österreicher leben und arbeiten in Deutschland, im letzten Jahr verbrachten knapp 13 Millionen deutsche Gäste ihren Urlaub in meiner Heimat.

Die enge Verflechtung ist natürlich auch im Bereich der Wirtschaft gegeben. Österreich ist eine Exportnation, sechs von zehn Euro verdienen wir durch Exporte, 70 Prozent unserer Exporte gehen in den EU-Raum, fast ein Drittel aller Exporte, nämlich knapp 40 Milliarden Euro pro Jahr, gehen nach Deutschland. Die Automobilindustrie und der Maschinenbau sind dabei ganz vorne. Somit ist Deutschland unser wichtigster Handelspartner. Bei dieser Breite und Tiefe an Themen ist es auch klar, dass wir nicht immer einer Meinung sind, aber auch das ist unter Nachbarn nichts Außergewöhnliches.

Österreich ist nach dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf eines der wohlhabendsten Länder der EU. Worin liegen die Gründe für diesen Wohlstand? Im hochentwickelten Maschinenbau, den zahlreichen Kfz-Zulieferern oder den vielen spezialisierten Mittelständlern, die in ihrem Segment Weltmarktführer sind?

Sehen wir uns die Fakten an: Das BIP pro Kopf in Österreich lag 2016 bei etwa 37.000 Euro. Im Vergleich mit Deutschland insgesamt sind die österreichischen Zahlen etwas höher, im Vergleich mit unseren direkten Nachbar-Bundesländern Bayern und Baden- Württemberg liegen beide über 41.000 Euro BIP pro Kopf. Eine starke Komponente unserer Wirtschaft ist sicher der hohe Anteil an Klein- und Mittelunternehmen. Zur Wertschöpfung in Österreich trägt vor allem der Dienstleistungssektor mit knapp 70 Prozent bei, dann die industrielle Produktion mit etwa 28 Prozent, die übrigen Prozentpunkte macht die Agrarwirtschaft aus. Wie bereits erwähnt, gehen 54 Prozent unserer Produkte und Leistungen in den Export, daher verdienen wir beinahe sechs von zehn Euro durch den Export.

Und damit der Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig bleibt, investieren wir insbesondere in Innovation und Bildung. Unternehmen, die Forschung und Entwicklung in Österreich betreiben, können zwölf Prozent der Ausgaben vom Staat als Forschungsprämie zurückbekommen. Diese Förderung ist in Europa einzigartig. Die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung lagen 2016 mit 3,1 Prozent über dem europäischen Zielwert für 2020 von drei Prozent und Österreich damit an zweiter Stelle aller EU-Länder. Beim Bildungssystem setzen wir wie Deutschland auf duale Ausbildung, das heißt der theoretische Unterricht erfolgt an über 900 berufsausbildenden Schulen und die Berufspraxis parallel in Lehrbetrieben.

Ein Kennzeichen der österreichischen Wirtschaft ist zudem der hohe Anteil erneuerbarer Energie mit der Nutzung von Wasserkraft, Windparks sowie Fernwärme aus Biomasse und Geothermie. Ist die Energiewende in Österreich also schon vollzogen?

Österreich hat beim Thema erneuerbare Energie aus zwei Gründen gewisse Startvorteile: Erstens aufgrund unserer Geographie, die für Wasserkraftwerke durch fließende Gewässer und Berge günstig ist, und zweitens, da sich Österreich 1978 in einer Volksabstimmung gegen Atomkraft entschieden hat. Dadurch haben unsere Unternehmen frühzeitig in die Entwicklung alternativer Energieformen investiert, etwa in Biomasse oder Photovoltaik. Dieser Vorsprung im Know-how hilft uns heute.

Aber natürlich müssen auch wir uns anstrengen: Unseren Energiebedarf decken wir durch 36 Prozent Energieerzeugung im Inland ab, der Anteil an erneuerbarer Energie davon ist mit knapp 77 Prozent hoch. Zusammen mit den Energieimporten deckt der Anteil an erneuerbaren Energien etwa 33 Prozent unseres gesamten Energieverbrauchs ab. Da sind wir schon auf einem guten Weg. Auch beim Thema Strom-Mix werden wir nachschärfen. Der Anteil an erneuerbaren Energien am Stromverbrauch liegt derzeit bei rund 70 Prozent, bis 2030 wollen wir unseren gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energiequellen abdecken.

Mit seinem reichhaltigen Angebot und seinen hohen Ausgaben für Kultur genießt Österreich einen ausgezeichneten Ruf als Kulturland. Nicht nur in Wien und Salzburg locken zahlreiche Theater, Opernhäuser, Orchester und Festspiele Besucher aus aller Welt an. Was macht für Sie die Kultur Österreichs aus?

Österreich ist nicht in vielen Bereichen Weltmeister, bei Kunst und Kultur aber sehr wohl. Das Kulturinteresse der Österreicherinnen und Österreicher ist überdurchschnittlich hoch, es gibt sowohl eine breite Vielfalt als auch die Verbindung von Tradition und Moderne. Dieser hohe Stellenwert drückt sich auch in der staatlichen Förderung aus, Österreich gibt jährlich etwa 2,5 Milliarden Euro für Kulturförderung aus.

Daraus entsteht ein Angebot von höchster Qualität in allen Sparten, von Musik über Theater bis zur bildenden Kunst, sowohl in den Städten als auch im ländlichen Raum. Von deutschen Gästen besonders gerne besucht werden jeden Sommer etwa die Salzburger oder Bregenzer Festspiele, die Wiener Philharmoniker zählen zu den weltbesten Orchestern, das Wiener Burgtheater zu den besten Spielstätten Europas, die Wiener Staatsoper, das Kunsthistorische Museum etc. Diese Aufzählung geht lange weiter. Sehr beliebt in Deutschland ist derzeit auch die junge und zeitgenössische österreichische Kunst- und Kulturszene. Die Konzerte von Wanda, Parov Stelar oder Bilderbuch sind in Berlin eigentlich immer ausverkauft.

„Wir müssen darauf fokussieren, in welchen Bereichen den Bürgerinnen und Bürgern ‚mehr Europa‘ nützt und in welchen Bereichen Subsidiarität im Vordergrund stehen soll.“

Österreichs Kultur ist jedoch auch in Deutschland sehr verbreitet, oder?

Allein für unsere Schriftsteller ist Deutschland ein ganz wichtiger Markt. Während Österreich einen Markt von 8,6 Millionen potenziellen Leserinnen und Lesern hat, sind es in Deutschland mit über 80 Millionen Einwohnern beinahe das Zehnfache, ohne dass ein Buch übersetzt werden muss. Gerade im letzten Jahr waren österreichische Schriftsteller in Deutschland sehr erfolgreich, so stammt eines der meist verkauften Taschenbücher vom österreichischen Schriftsteller Robert Seethaler, der in Berlin lebt.

Aber auch in anderen Sparten sind Österreicher sichtbar und erfolgreich: Die Geschäftsführerin der Komischen Oper in Berlin ist mit Susanne Moser eine gebürtige Salzburgerin, der Intendant der Elbphilharmonie in Hamburg heißt Christoph Lieben-Seutter und kommt aus Wien. Der Schauspieler Georg Friedrich hat 2017 den Silbernen Bären bei der Berlinale als bester Darsteller gewonnen und Peter Simonischek bekam den deutschen Filmpreis für seine Rolle im Oscar-nominierten Film „Toni Erdmann“.

Österreich konnte zudem etwas zur Berliner Architektur beitragen. Der Kindergarten des deutschen Bundestages wurde vom österreichischen Architekten Gustav Peichl geplant, das Gebäude der Bundespressekonferenz von Nalbach&Nalbach, und unsere Botschaft am Tiergarten vom Wiener Architekten Hans Hollein. Ich könnte noch viele weitere Beispiele geben – wer hat etwa die Melodie der deutschen Bundeshymne geschrieben? Eben (lacht).

Ob wandern im Gebirge, baden im See oder Ski fahren in den Alpen – für Touristen gibt es in Österreich ganzjährig viel zu erleben. Wo verbringen Sie Ihren Heimaturlaub?

In letzter Zeit war leider nicht viel Zeit für Urlaub, daher auch erstmals seit vielen Jahren ein Winter ohne Ski fahren. Für einen Österreicher keine einfache Situation. Aber wenn ich Urlaub mache, dann natürlich in Österreich, den Ort bestimmen meistens Familie und Freunde. Ich bin in Linz geboren, habe in Wien studiert und meine Lebensgefährtin Jutta ist in Kärnten aufgewachsen. Somit komme ich in viele schöne Ecken Österreichs und kann die Vielfalt genießen, von den historischen Städten über strahlende Seen im Sommer bis zu den atemberaubenden Bergen im Winter. Unser Erfolgsrezept im Tourismus ist wunderschöne Natur, Spitzen-Gastronomie, Top-Service und das Ganze multipliziert mit österreichischer Gastfreundschaft. Wann haben Sie ihren letzten Urlaub in Österreich verbracht? Das Team der Botschaft hat gute Tipps für alle Jahreszeiten, für Sie und Ihre Leser, sie sollen sich bei uns melden!

Interview Raimon Klein

Bilder: 1, 3, 4 = Mohamed El-Sauaf | 2 = Österreichisches Kulturforum Berlin/Elena Capra