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im Focus
Island
Offizieller Name
Island
Hauptstadt
Reykjavík
Fläche
103.000 km²
Bevölkerung
2,26 Millionen
Bevölkerungsdichte
3,3 Einwohner/km²
Amtssprache
Isländisch
Staatsform
Republik, parlamentarische Demokratie
Staatsoberhaupt
Präsident Guðni Thorlacius Jóhannesson
Regierungschef
Premierminister Bjarni Benediktsson
Nationalhymne
Lofsöngur

„Island war das erste demokratische Land, das eine Frau als Staatsoberhaupt wählte.“

ALS „ÄLTESTE DEMOKRATIE EUROPAS“ war Island nach der Finanzkrise 2008 schwer angeschlagen, wovon sich der 330.000-Einwohner-Staat bis heute jedoch recht gut erholt hat. Schon allein aufgrund der geopolitischen Lage zwischen den Kontinenten sind besonders Länder aus Nordamerika und Europa die wichtigsten Handelspartner der Vulkaninsel, aber auch eine Öffnung nach Asien wird mittlerweile angestrebt. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der Botschafter S.E. Martin Eyjólfsson über die neue Koalitionsregierung aus Unabhängigkeitspartei und den liberalen Parteien, die erneuerbaren Energien und den Tourismus als Wirtschaftsfaktor.
H

err Botschafter, Island ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Land. Zum einen gilt es als die älteste Demokratie Europas, da die parlamentarischen Wurzeln bis ins Jahr 930 zurückreichen. Zum anderen wurde hier vor über 30 Jahren nach einem Gespräch zwischen Reagan und Gorbatschow das Ende des Kalten Krieges eingeläutet. Wie hat sich ihr Land in den letzten 30 Jahren verändert und was ist für Sie das Besondere an Island?

Ob Sie es glauben oder nicht, aber es ist tatsächlich weniger als dreißig Jahre her, dass das Verbot, auf Island Bier zu verkaufen, aufgehoben wurde! Island ist seitdem offener geworden, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Und es gibt inzwischen ein paar mehr von uns – in der Tat ist unsere Bevölkerung seitdem um 30 Prozent gewachsen, auch begünstigt durch eine deutliche Zunahme der Isländerinnen und Isländer ausländischer Herkunft.

Island ist vielfältiger geworden, manche würden sogar sagen, wir haben unsere Wirtschaft völlig umgekrempelt. Aber wenn ich nur auf einen Aspekt hinweisen würde, würde ich sagen, dass Island den Weg zu einer noch offeneren und toleranteren Gesellschaft weitergegangen ist. Seit dem berühmten Frauenstreik der 1970er Jahre haben sich die Frauen in unserem Land immer für Gleichberechtigung eingesetzt. Isländische Frauen sind sehr stark auf dem Arbeitsmarkt vertreten, auch wenn gleiches Entgelt immer noch ein Problem ist, und wir haben gute Regelungen zum Vaterschafts- und Mutterschaftsurlaub. Island war das erste demokratische Land, das mit Vigdís Finnbogadóttir eine Frau als Staatsoberhaupt wählte. Mit Jóhanna Sigurðardóttir war eine weitere Frau die erste offen homosexuelle Regierungschefin.

Nach der Finanzkrise 2008 war Ihr Land wirtschaftlich, aber auch politisch schwer angeschlagen, wovon es sich bis heute jedoch recht gut erholt hat. Im vergangenen Jahr gab es durch die Verstrickung von Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson in die Panama- Papers aber einen erneuten Rückschlag, worauf tagelange Proteste folgten. Was erhoffen Sie sich von der seit Januar aktiven Koalitionsregierung aus Unabhängigkeitspartei und den liberalen Parteien, die im Herbst 2016 gewählt wurde?

Als Staatsdiener hoffe ich, dass jede Regierung es schafft, ihre Politik effektiv zu erfüllen und umzusetzen. Aber es stimmt, dass die Ereignisse im Jahr 2008 ein harter Schlag für Island waren. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Gesellschaftsvertrag in unserem Teil der Welt auf die Probe gestellt. Ich denke, man kann ohne Zweifel sagen, dass bei den Politikern weites Einverständnis darüber besteht, dass dieses Vertrauen wiederhergestellt werden muss. Das gilt für die Politik und die Politiker, das Parlament, Regierungsinstitutionen, die Justiz und die Medien. In diesem Zusammenhang können unter anderem auch die zunehmenende Vermögens-Ungleichheit und die Nachteile des freien Marktes erwähnt werden.

All dies hat zu einer lautstärkeren und aktiveren öffentlichen Unzufriedenheit in den letzten zehn Jahren beigetragen. Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass in Island starker politischer Konsens herrscht, dass das öffentliche Vertrauen in die Regierung wiederhergestellt werden muss. Das hat unser neu gewählter Präsident schon mehrfach betont.

Außenpolitisch unterhält Island diplomatische Beziehungen zu vielen Staaten und ist Mitglied in über 80 internationalen Organisationen. Schwerpunkte sind die Nordische Zusammenarbeit und Arktispolitik sowie das NATO- Bündnis. Neben der historischen Nähe zu den USA gab es zuletzt verstärkte Beziehungen zu Russland, China und Indien. Welche Länder sind die wichtigsten Partner und warum?

Vergessen wir nicht, dass alle Partner wichtig sind. Alle Länder, große und kleine gleichermaßen, spielen bei der Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit eine Rolle. Umweltfragen, Verteidigungsfragen und die Verbesserung der Menschenrechtslage in der Welt sind ein Teil davon. Eine umfassende, kalkulierbare und solide internationale Plattform ist wünschenswert, um diese Probleme anzugehen und zu lösen; und von einer fruchtbaren zwischenstaatlichen Zusammenarbeit profitieren nicht zuletzt kleine Staaten wie Island.

Wir können unseren Standort jedoch nicht außer Acht lassen. Island ist ein europäischer Staat, beheimatet in der nordisch -skandinavischen Familie, und unsere Freunde im Europäischen Wirtschaftsraum sind unsere größten Handelspartner. Um nicht noch einmal zu erwähnen, dass unsere Beziehungen zu den USA und Nordamerika immer stark und extrem wichtig waren. Island hat daher stets großen Wert darauf gelegt, politisch und wirtschaftlich fest zwischen den Kontinenten verwurzelt zu sein, und mit den Partnerb auf beiden Seiten des Atlantiks teilen wir die gleichen Werte.

Mit unserem relativ kleinen Binnenmarkt sind wir auch stark vom offenen Zugang zu ausländischen Märkten abhängig. Daher ist unsere Beteiligung an der EFTA, der European Free Trade Association, mit ihrem umfassenden globalen Netzwerk von 38 Freihandelspartnern, von größter Bedeutung. Die Beziehungen zu den drei Ländern, die Sie in Ihrer Frage erwähnen – Russland, China und Indien – stehen auf einer soliden Basis. Unser Freihandelsabkommen mit China ist ein Beispiel dafür, und hoffentlich wird der Wind bald günstiger stehen, um die nicht abgeschlossenen EFTA-Freihandelsverhandlungen mit Indien wieder aufzunehmen – und wenn die Zeit reif ist, auch mit Russland.

„Die Europäische Union ist bei weitem der wichtigste Markt für Island.“

Aus der Europäischen Union bezieht Island etwa die Hälfte seiner Importe und setzt dort fast 80 Prozent seiner Exporte ab. Vor sieben Jahren beschloss Island das EU-Beitrittsgesuch. Seitdem war in Ihrem Parlament und der isländischen Öffentlichkeit die Beitrittsfrage jedoch immer umstritten. Wie ist der aktuelle Stand?

Wie Sie in Ihrer Frage erwähnen, ist die Europäische Union bei Weitem der wichtigste Markt für Island. Gute Beziehungen zu unseren Freunden in Europa sind seit der Gründung der Republik einer der Eckpfeiler jeder Regierung gewesen, und die gegenwärtige Regierung ist keine Ausnahme. Unsere stabilen Beziehungen zur Europäischen Union sind seit über zwei Jahrzehnten im Abkommen des Europäischen Wirtschaftsraums festgeschrieben.

Im Jahr 2009 hat Island unter der Koalitionsregierung der sozialdemokratischen Allianz und der Links-Grünen Bewegung eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union beantragt und den Beitrittsprozess begonnen, der einige Jahre andauerte. Nach der Parlamentswahl 2013 hat die Koalition aus der Unabhängigkeitspartei und der Fortschrittspartei entschieden, den Beitrittsprozess zu stoppen. Diese Entscheidung besteht nach wie vor, und die letzten Wahlen Ende letzten Jahres haben in dieser Hinsicht nichts geändert.

Als kleinste Volkswirtschaft in der OECD liegt Island im BIP pro Kopf mit fast 46.000 Euro in einer oberen Kategorie. Dabei werden zwei Drittel des BIP durch Dienstleistungen, 20 Prozent durch Industrie und zehn Prozent durch Fischerei erwirtschaftet. Mit welchen Maßnahmen will Ihre Regierung die Wirtschaft weiter diversifizieren?

Die Diversifikation der Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit gehen Hand in Hand. Island ist in den vergangenen Jahrzehnten einen langen Weg der Diversifikation seiner Wirtschaft gegangen. Vor 30 Jahren war Island mehr oder weniger von einem einzigen Wirtschaftszweig abhängig, dem Fischereisektor. Heute ruht die Wirtschaft auf drei Säulen: erneuerbare Energien und energieintensive Industrien, Fischerei und Tourismus, der vor Kurzem den beiden anderen als größter Wirtschaftssektor in Island den Rang abgelaufen hat. Darüber hinaus sind isländische Unternehmen auf regionaler und internationaler Ebene sehr wettbewerbsfähig geworden. Dazu gehören Unternehmen in Sektoren wie High-Tech-Dienstleistungen, IT, Maschinenbau, Lebensmittelverarbeitung, Biotechnologie, Beratung und Design. Unterstützt wird diese Entwicklung durch starke Rahmenbedingungen wie eine gute Infrastruktur, eine mehrsprachige und junge Bevölkerung, reichlich saubere Energie, reiche Meeresressourcen, gut ausgebildete und innovative Arbeitskräfte und eine strategisch günstige Lage.

Island wird durchgängig als eine der am höchsten entwickelten Gesellschaften der Welt eingestuft, und jede unserer Regierungen sieht es als ihre Hauptaufgabe, Island wettbewerbsunserefähig zu halten. Der Schlüssel dazu ist die aktive Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum, die den Zugang zum EU-Binnenmarkt mit seinen günstigen Steuerregelungen und seinem wirtschaftsfreundlichen Umfeld ermöglicht. Durch ihre Teilnahme an der EFTA haben isländische Unternehmen Zugang zu einem breit gefächerten Netz von Freihandelsabkommen mit fast 40 Ländern rund um den Globus. Darüber hinaus war Island das erste europäische Land, das ein Freihandelsabkommen mit China schloss, das zusammen mit anderen Handelsvereinbarungen starke Handelsbeziehungen zum wichtigen Markt in Asien sichert.

Bei der Nutzung erneuerbarer Energien ist Island weltweit Nummer eins. Außerdem rangierte Ihr Land im vergangenen Jahr beim World Economic Forum unter 180 Ländern auf Platz 2 im Environmental Performance Index der Universitäten Yale/Columbia. Was ist das Erfolgsrezept und welche konkreten Projekte sind beispielhaft dafür?

Tatsächlich sind wir mit natürlichen Ressourcen gesegnet – eine Fülle von erneuerbaren Energien, und wir haben umfangreiche Erfahrungen, wie man diese grüne Energie einsetzt. Island ist eines der erfahrensten Länder der Welt im Einsatz von Geothermie. 100 Prozent unseres Stroms wird aus nachhaltigen Quellen produziert – 60 Prozent aus Wasserkraft, 40 Prozent aus der Geothermie und rund zwei Drittel des Energiepotenzials des Landes bleiben noch unerschlossen. So gibt es ein beträchtliches Potenzial für zukünftige Entwicklungen. Wir exportieren auch unsere Kompetenz für erneuerbare Energien in die ganze Welt. Unser Know-how deckt ein breites Portfolio ab: vom Bohren über Energietransporte unter harten Klimabedingungen, Energieeffizienz, Engineering, Planung und Konstruktion von Hochspannungsleitungen, energiebezogene IT-Lösungen, Spin-offs und High-Tech-Anwendungen und Best Practices bis zu internationalem Projektmanagement.

Hier kann ich einige der internationalen Projekte nennen. Erstens das isländische Tiefbohrprojekt: Der Hauptzweck des IDDP-Projekts ist herauszufinden, ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, Energie und Chemikalien aus hydrothermalen Systemen unter überkritischen Bedingungen zu extrahieren. Zweitens Algenanbau und -forschung: Island wurde auf der europäischen Algen-Biomasse-Konferenz wegen der erneuerbaren Energieressourcen und des logistischen Potenzials des Landes als erstklassiger Standort für die Algen-Biomasse- Produktion genannt. Und drittens das Geothermie-Trainingsprogramm der Vereinte-Nationen- Universität (UNU-GTP). Dabei handelt es sich um ein Postgraduierten-Trainingsprogramm, das Entwicklungsländer bei ihrer Kompetenzentwicklung bei der geothermischen Exploration und weiteren Entwicklung unterstützt.

Die Erfolgsgeschichte Islands ist eine Mischung aus überbordender grüner Energie mit guten Zukunftsaussichten, jahrzehntelanger Erfahrung bei erneuerbaren Energielösungen, hochqualifizierten Arbeitskräften mit internationaler Erfahrung und nicht zuletzt stetiger Nachfrage nach innovativen Lösungen.

„Der Tourismus ist seit Kurzem der größte Wirtschaftssektor in Island, noch vor erneuerbaren Energien und der Fischerei.“

Bei der PISA-Studie der OECD vor fünf Jahren schnitt Island nur knapp unterdurchschnittlich ab. Der hohe Wert der Bildung zeigt sich jedoch schon durch die sieben Hochschulen mit zusammen rund 20.000 Studenten bei nur 330.000 Einwohnern. Mit welchen Maßnahmen will Ihre Regierung in diesem Bildungsbereich Verbesserungen schaffen?

Die isländischen Behörden nehmen die PISA-Ergebnisse ernst und haben in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Defizite anzugehen. Besonderes Augenmerk wurde auf Mathematik und Naturwissenschaften gelegt. Die Weiterbildung für Lehrer wurde stärker betont, ebenso die engere Zusammenarbeit mit den anderen nordischen Ländern. Wir haben einige gute Ergebnisse bei der Verbesserung der Lesefähigkeit der jüngeren Schülerinnen und Schüler erzielt und wir hoffen, auf diesen aufzubauen und sie in andere Bereiche zu übertragen. Wir werden einen breit angelegten innenpolitischen Beratungsprozess einleiten.

Immer mehr junge Isländer zieht es nach Deutschland. Welche besonderen Projekte gibt es hier bereits?

Deutschland ist einer unserer wichtigsten Partner, politisch, wirtschaftlich und kulturell. In der letzten Zeit haben wir unter anderem eine informelle Zusammenarbeit zwischen den zwei kreativen Städten Berlin und Reykjavík entwickelt. Wir hatten drei Workshops in Berlin und Reykjavík, die Künstler, Wirtschaftsteilnehmer und Beamte aus beiden Städten zusammengebracht haben. Ziel ist es, Ideen auszutauschen und gemeinsame Projekte beider Städte zu entwickeln. Ich hoffe sehr, dass wir auch weiterhin darauf aufbauen können. Besonders Berlin wird von vielen jungen Isländern als inspirierend angesehen, und ich denke, Sie können weiteres Interesse erwarten. Ich hoffe auch, dass junge Deutsche weiterhin nach Island kommen werden, etwa durch Programme wie Erasmus.

„Island war das erste europäische Land, das ein Freihandelsabkommen mit China schloss.“

Die isländische Kultur sprüht nur so von Sagen und Mythen. In den vergangenen Jahren machten aber auch viele Musiker wie Björk international auf sich aufmerksam. Im vergangenen Sommer avancierten gar Ihre Fußballnationalmannschaft und Ihre Fans zum Highlight der Europameisterschaft in Frankreich. Was macht für Sie die Kultur in Island aus? Welche Künstler würden Sie hervorheben wollen?

Der größte Kulturexport in Island war in den letzten Jahren das Projekt „Sagenhaftes Island“ auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2011. Im Zusammenhang damit wurden 230 neue isländische Bücher übersetzt und in deutscher Sprache veröffentlicht. Dies hat den Weg für viele andere interessante Projekte geebnet. Seitdem hat sich die Nachfrage nach allem, was isländisch ist, hier in Deutschland Jahr für Jahr erhöht, wofür wir dankbar sind.

Die Botschaft organisiert in Zusammenarbeit mit isländischen, nordischen und deutschen Partnern jedes Jahr viele große und kleine Projekte in Berlin und Deutschland. Zum Beispiel haben wir im Felleshus, dem Nordischen Haus in Berlin, eine Reihe von Veranstaltungen organisiert, darunter „TÖLT“, eine Ausstellung zum Islandpferd im Jahr 2013, als Teil der Internationalen Islandpferde-Meisterschaft, die in jenem Jahr in Berlin stattfand; „PLAY NORDIC“, ein Design- und Musikfestival mit rund 80 teilnehmenden isländischen Künstlern und Kreativunternehmen im Jahr 2014; „SPARK Design Space and Private Space“ als Teil der Designmeile in der City West mit rund 40 isländischen Designern, die im Jahr 2015 an verschiedenen Projekten teilnahmen; und ein dreimonatiges Kunst- und Musikfestival in Kooperation mit dem „MENGI“ (berlin) Kunst & Musikraum“ mit 30 Künstlern, die im vergangenen Jahr im Felleshus auftraten.

„100 Prozent unseres Stroms wird aus nachhaltigen Quellen produziert – 60 Prozent aus Wasserkraft, 40 Prozent aus der Geothermie.“

Huuh! (Schlachtruf der isländischen Fußballfans, Anm. d. R.) Wir sind sehr dankbar für den sehr positiven Empfang unserer Fußballnationalmannschaft in Europa während der EURO 2016 im vergangenen Jahr. Es war sensationell für uns – das war quasi öffentliche Diplomatie in Aktion – und die Botschaft hat über 20 Interviews in nur wenigen Tagen gegeben. Wir nahmen an zahlreichen Veranstaltungen teil, wie etwa denen des 11 Freunde Quartiers in Berlin, der „All Eyes on Iceland“-Fangruppe im Lido oder einer kulturellen Veranstaltung im ASTRA Kulturhaus, wo rund 1500 Gäste das Spiel gegen Frankreich verfolgten. Wir haben das Spiel zwar verloren, haben uns aber trotzdem wie Gewinner gefühlt. Viele waren vom urechten Geist „unserer Jungs“ begeistert.

Die Kulturszene in Island ist klein, aber sehr lebendig. Unsere Künstler sind sehr offen gegenüber Einflüssen von außen, aber auch darauf aus, ihr eigenes Ding zu machen. Unsere Kunstakademie ist ambitioniert und unsere Studierenden werden ermutigt, auch im Ausland zu studieren. Viele von ihnen wählen Berlin für weitere Studien. Reykjavík ist eine reiche Quelle junger Musiktalente. Wir haben auch eine neue schöne Konzerthalle, das Opernhaus HARPA, das einen sehr positiven Einfluss auf die Musikszene hatte.

Hier in der Botschaft versuchen wir jeden Monat isländische Kulturveranstaltungen zu unterstützen. Ich bin im August 2016 nach Berlin gekommen und war sogleich an zahlreichen Kulturprogrammen und Veranstaltungen beteiligt. Ich hatte das Privileg, Junius Meyvant und die Rockband KALEO hier in Berlin live zu sehen. Der Weltklasse-Pianist Víkingur Heiðar Ólafsson spielte in der Elbphilharmonie in Hamburg, wo der NDR Anfang Februar das „Into Iceland“-Musikfestival veranstaltete, bei dem viele wunderbare Künstler auftraten. Im Moment organisieren wir eine Veranstaltung mit Egill Sæbjörnsson, einem in Berlin wohnhaften isländischen visuellen Künstler, der in diesem Jahr Island auf der Biennale in Venedig vertreten wird. Kurz darauf werde ich den isländischen Film „Into the Volcano“ über die isländische Fußballnationalmannschaft besuchen, der am 30. März der Eröffnungsfilm beim 11-mm-Filmfestival sein wird.

Der weltberühmte Künstler Olafur Eliasson hat sein Atelier in Berlin ebenso wie der Filmmusikkomponist Johann Johannsson, der im vergangenen Jahr für einen Oscar nominiert war. Sie glauben nicht, wie viele hochrangige Kulturereignisse rund um und in Zusammenarbeit mit der Botschaft stattfinden. Schließlich sollte ich nicht vergessen, dass es in Deutschland rund 60.000 Islandpferde gibt, und ich denke, jedes von ihnen ist ein fantastischer „Botschafter“ für Island. Schon bald werden wir mit den Vorbereitungen für die nächste Weltmeisterschaft der Islandpferde beginnen, die im Jahr 2019 in Berlin stattfinden wird.

„Island wird durchgängig als eine der am höchsten entwickelten Gesellschaften der Welt eingestuft.“

Als mittlerweile größter Wirtschaftszweig spielt der Tourismus in Island eine immer größer werdende Rolle. Gletscher, Vulkane, Geysire oder Walbeobachtungen lassen das Herz eines jedes Naturliebhabers höher schlagen. Welche touristischen Highlights würden Sie persönlich empfehlen?

Jeder Teil des Landes hat seinen Charme und unsere Natur unterscheidet sich in ihrer Diversität sehr stark. In der Mitte des Landes können Sie die Ruhe der unberührten Natur spüren wie etwa riesige Lavafelder, die mächtigen Gletscher oder große Flüsse. Nach einem anstrengenden Tag können Sie ein Bad in einem natürlichen geothermischen Pool nehmen. Wenn ich ein paar Must-sees erwähnen müsste, würde ich die Westfjorde nennen – in der nordwestlichen Ecke des Landes, die eine eigene Welt für sich darstellt und eines der am besten gehüteten Geheimnisse Islands ist. Die Isolation hat der Region ihre unberührte Wildheit bewahrt. Weitgehend unbewohnt, bietet sie ein Naturschutzgebiet, wo man viele seltene Vogelarten, den Polarfuchs und eine einzigartige Fauna erleben kann, und nicht zuletzt ein reiches kulturelles Erbe und die regionale Küche.

Die Westmännerinseln liegen an der Südküste Islands, zu erreichen mit der Fähre oder dem Flugzeug. Die einzige bewohnte Insel Heimaey ist ein großes Fischereigebiet. Es handelt sich um eine vulkanische Insel, und als 1973 die letzte Eruption stattfand, musste ihre gesamte Bevölkerung von 5300 Einwohnern über Nacht auf das Festland evakuiert werden. Sie ist umgeben von Bergen, Heimat von Papageitauchern und anderen Seevögeln, und sie hat einen der außergewöhnlichsten 18-Loch-Golfplätze der Welt sowie ein hochmodernes Vulkan-Museum, das Eldheimar.

Aber lassen Sie mich zum Schluss kommen, indem wir da weiter machen, wo wir angefangen haben. Es gibt eine Sache, die ganz besonders ist in Island und sich in den letzten 30 Jahren nicht verändert hat. Wir glauben immer noch an Feen, Trolle und unsichtbare Elfen. Wir glauben immer noch an die Natur.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 = Mohamed El-Sauaf