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„ESTLAND HAT HEUTE DIE WOHL FORTSCHRITTLICHSTE DIGITALE GESELLSCHAFT IN EUROPA.“
Selbstbewusst, frei und modern – so präsentiert sich Estland heute der Welt. Ganz grundlos ist dieses Auftreten des nördlichsten baltischen Staats mit seinen knapp 1,3 Millionen Einwohnern nicht. In Estland wird bis auf Eheschließungen, Scheidungen und Immobilien-Geschäften alles online gemacht, die Republik gilt als Vorreiter der Digitalisierung in Europa. Mit dem elektronischen Personalausweis fahren die Esten Bahn, erledigen Behördengänge, gründen Unternehmen, wählen online, holen Arztrezepte ab oder reichen die Steuererklärung ein. Der gesellschaftliche Wandel nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist bemerkenswert: Vor allem der Beitritt in die Europäische Union 2004 sorgte für ein beachtliches wirtschaftliches Wachstum. 2018 ist für die Esten ein ganz besonderes Jahr. Mit zahlreichen Feierlichkeiten begeht man das große Jubiläum: 100 Jahre Republik. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der estnische Botschafter – S.E. Dr. Mart Laanemäe – unter anderem über das sowjetische Erbe, die vielen Fortschritte und aktuellen Baustellen seines Heimatlandes.
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Herr Botschafter, genau wie das diesjährige Partnerland der ITB Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, kann auch Estland mit traumhaften Landschaften an der Ostsee punkten. Welche touristischen Highlights können Sie persönlich empfehlen und wie hat sich der Tourismus in den letzten Jahren verändert?

S.E. Dr. Mart Laanemäe: D ieses J ahr g ibt e s v iele Veranstaltungen, um den hundertsten Jahrestag der Republik zu feiern. Aufgrund einer guten Verkehrsinfrastruktur, neuer Straßen, Rad- und Wanderwege ist es sehr einfach, Estland zu erkunden. Bei uns finden Sie immer etwas Interessantes – Natur, Kultur oder beides. Gutes Essen und Musik gibt es überall. Die Hälfte des Landes ist Wald, aber selbst dort sind Sie immer noch über das Mobilfunknetz online.

Wir haben mehr als 2.000 Inseln, und wenn Sie viele von ihnen besichtigen wollen, können Sie sich eine Yacht mieten. Sechs größere Inseln verfügen über Bootsverbindungen, sie alle haben ihre eigene Geschichte und Kultur. Nur eine kurze Bootstour entfernt liegt die Insel Naissaar, wo Sie im Sommer fantastische Konzerte besuchen können. Auf der größten Insel Saaremaa ist ein Besuch des Kaali-Meteoritenkraters immer eine Reise wert, aber besonders, wenn es dort ein Konzert gibt. Auf der Insel Hiiumaa finden Sie unberührte Natur und ein tolles Sommerrestaurant mit leckerer geräucherter Scholle in Kalana, der für die meisten Esten der am weitesten entfernte Punkt des Landes ist. Wenn Sie lange genug aufbleiben, sehen Sie während der weißen Sommernächte atemberaubende Sonnenuntergänge, dann hat Estland bis zu 19 Stunden Tageslicht.

Die wichtigste Entwicklung der letzten Jahre ist das stetige Wachstum der Übernachtungen von Touristen. Wir hoffen, dass die Leute, die für einen Tagesausflug aus Helsinki oder Stockholm anreisen, für mehr kommen und länger bleiben.

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 folgte ein Jahr später die Verfassung, die Ihr Land zu einer parlamentarischen Demokratie werden ließ. Welche Veränderungen sind in den vergangenen über 25 Jahren damit für Ihr Land einhergegangen?

Estland hat die Hauptziele der Gründer der Republik vor 100 Jahren erreicht – wir sind ein relativ wohlhabendes Industrieland, liegen beim Pro-Kopf-Einkommen im oberen Viertel und haben einen Sitz an jedem Tisch, an dem über die Geschäfte Europas entschieden wird. Zum Beispiel UN, EU, NATO, Eurozone, OECD, Europarat, OSZE oder WTO. Die Rechtsstaatlichkeit steht an erster Stelle, unsere Gerichte sind unabhängig und funktionieren sehr gut. Die Organisation Transparency International setzt Estland mit Frankreich, Uruguay und Japan auf das gleiche Niveau bei ihrem Korruptionsindex.

Demokratie bedeutet, dass von den vielen politischen Parteien, die ins Parlament gewählt wurden, sechs im Lauf der Jahre an verschiedenen Regierungskoalitionen beteiligt waren und jede Partei einen Premierminister zur Verfügung gestellt hat. Es gibt fast keine Staatsschulden, weil die Esten glauben, dass man nur das Geld ausgeben sollte, das man auch verdient. Die Wirtschaft ist vielfältig und modern, das Gesundheitswesen ist gut, die Luft und das Wasser sind sauber und die Lebenserwartung war noch nie so hoch. Vor allem hat Estland heute die wohl fortschrittlichste digitale Gesellschaft in Europa – jeder nutzt digitale Dienste – und das ist der Schlüssel zum Erfolg in der Zukunft.

Estland
Offizieller Name: Eesti Vabariik (Republik Estland) Bevölkerung: 1,3 Millionen Staatsform: parlamentarische Republik
Hauptstadt: Tallinn Bevölkerungsdichte: 29 Einwohner pro km² Regierungschef: Premierminister Jüri Ratas
Fläche: 45.227 km² Amtssprache: Estnisch, Englisch als Geschäftssprache Nationalhymne: Mu isamaa, mu õnn ja rõõm

Unter anderem durch die Zeit der sowjetischen Besatzung vor 1991 ist heute etwa ein Viertel Ihrer Bevölkerung noch russischsprachig. Die Integration dieser Gruppe ist ein wichtiges, aber auch heikles Thema. Mit welchen Maßnahmen gewährleisten Sie diesen Prozess?

Estland und Russland sind Nachbarn, deren politische Grenze sich im Lauf der Geschichte nicht wesentlich verändert hat, weil sie zum größten Teil aus Wasser besteht. Die Landgrenze ist heute 160 Kilometer lang. Esten, Russen und andere Völker haben seit jeher auf beiden Seiten der Grenze gelebt, sie sind hin und her gezogen. Viele berühmte Persönlichkeiten eines Landes wurden in dem anderen geboren. Vor der Oktoberrevolution lebten einige meiner Vorfahren in St. Petersburg, im 19. Jahrhundert die Stadt, in der die meisten Esten weltweit lebten und die ein wichtiges Zentrum für die estnische Kultur und Politik war. Mit der Gründung der Republik 1918 wurden alle Einwohner Estlands gleichberechtigte Bürger und nationale Minderheiten erlangten das Recht der kulturellen Autonomie. Diese Rechte existieren noch heute.

Die estnische Gesellschaft wird immer Mitglieder haben, die es vorziehen, zu Hause und auf der Arbeit eine andere Sprache zum Beispiel wie Russisch zu sprechen. Viele von ihnen identifizieren sich mit einer anderen Nationalität, zum Beispiel Ukrainer. Es gibt auch ein russischsprachiges staatliches Schulsystem mit guten Schulen, die dazu beitragen, dass Estland in den weltweiten Top 5 in den PISA-Tests der OECD bleibt. Einige estnische Schriftsteller schreiben auf Russisch, ihre Bücher werden veröffentlicht und auch übersetzt. Darüber hinaus gibt es auch russischsprachige private und öffentlich-rechtliche Medien. Zudem hat die Regierung in den vergangenen Jahren das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der russischen Sprache gefördert, sodass Zuschauer Informationen über Estland und die Welt erhalten können, die sie von TV-Programmen aus Russland nicht bekommen würden. Deutsche Rundfunkanstalten, vor allem Deutsche Welle, waren dabei hervorragende Partner. Außerdem ist das E-Government auf Russisch und Englisch verfügbar.

„Die Strukturfonds der EU haben uns geholfen, die Jahre, die wir durch den Kommunismus verloren haben, wiedergutzumachen.“

Seit 2004 ist Estland sowohl Mitglied der Europäischen Union als auch der NATO. Zudem hatte Ihr Land im zweiten Halbjahr 2017 die EU-Ratspräsidentschaft inne. Welche Vor- und Nachteile brachte die EU Estland in den vergangenen Jahren?

Die EU hat dazu beigetragen, Estland zu einem Erfolg zu machen, und wir wollen, dass die EU erfolgreich ist. Estland ist heute Teil des großen und reichen europäischen Binnenmarktes. Vor dem Beitritt dachten wir, dass es uns bereits sehr gut geht, aber an dem Tag, an dem wir beigetreten sind, beschleunigte sich unsere Wirtschaft mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, zum Beispiel stieg der Handel um 20 Prozent. Die Strukturfonds der EU haben uns geholfen, die Jahre, die wir durch den Kommunismus verloren haben, wiedergutzumachen. Wir haben begonnen, in eine Infrastruktur zu investieren, die den Menschen dient, und glauben, dass wir in Zukunft immer mehr zum Erfolg der EU beitragen können.

Aufgrund der geopolitischen Lage zwischen Ost und West ist Estland von großer militärischer Bedeutung, sowohl für die Vereinigten Staaten von Amerika als auch für Russland als direkter Nachbarstaat. Wie sehen Sie die Rolle Estlands in diesem noch andauernden Konflikt?

Unsere Lage bedeutet, dass wir zwischen vielen Konflikten angrenzender großer Staaten stehen. Das Letzte, was wir wollen, ist ein weiterer geopolitischer Konflikt in unserer Region. Wir wollen die Sicherheit, die wir in Europa heute haben, erhalten. Sicherheit ist unteilbar. Weil die gesamte Welt sicher sein sollte, trägt Estland seit Jahrzehnten aktiv zur weltweiten Sicherheit bei. Wir müssen unsere Bemühungen in der internationalen Diplomatie fortsetzen. Estland braucht auch ein angemessenes militärisches Verteidigungsniveau, das wir gemeinsam mit unseren NATO-Verbündeten organisieren.

„Estland hat bereits Gesetze für selbstfahrende Autos.“

In Rahmen der liberalen Wirtschaftspolitik Estlands gehören Finanzdienstleistungen, Transport und Logistik, Telekommunikation, Tourismus, Handel, die Immobilienund Baubranche zu den wichtigsten Zweigen. Auf der anderen Seite gilt Estland aber auch als digitaler Vorreiterstaat in Europa. Welche Rolle spielt die Digitalisierung in den einzelnen Wirtschaftsbereichen?

Die Digitalisierung macht das Leben für alle einfacher. Estland ist ein Land der kleinen und mittelständischen Unternehmen, die alle Arten von Maschinen und Ausrüstungen für den Export herstellen. Die Digitalisierung ist für sie von Vorteil. Sie können billigere Buchhaltung, Bankgeschäfte und viele staatliche Dienstleistungen nutzen. Das Breitbandnetz aus Glasfaserkabeln muss fertiggestellt werden. Für staatliche digitale Dienste reicht das landesweite 4G-Netz aus.

Die Dienste der Regierung sind äußerst wichtig. Einer davon spiegelt sich in der Tatsache wider, dass jeder Einwohner Estlands eine eigene digitale Identität hat sowie eine digitale Signatur, die einer physischen Unterschrift entspricht. Die einzigen Dinge, die Sie noch persönlich tun müssen, sind Eheschließung, Scheidung und der Kauf und Verkauf von Immobilien. Wer in Estland Geschäfte machen möchte, kann eine sogenannte „e-Residency-card“ beantragen, die all diese Vorteile bietet. Estland ist weltweit führend in puncto Internetfreiheit, aber ein freies Internet braucht einen ausgezeichneten Schutz. Auch in Sachen Cybersecurity führt Estland Europa an.

Ein weiterer Service sind alle Arten von Informationsservern. Zum Beispiel ist die Landwirtschaft effizienter, weil jeder Traktor und jeder Mähdrescher online ist und elektronische Karten verwendet, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden. Die Gesetzgebung ist hierbei das Wichtigste; Estland hat beispielsweise bereits Gesetze für selbstfahrende Autos und so weiter. In Estland kann man alles digital machen, deshalb ist Digitalisierung für die Wirtschaft von entscheidender Bedeutung. Natürlich ist es wichtig, dass alle diese Unternehmen in die Digitalisierung der europäischen Industrie – zum Beispiel Industrie 4.0 – einbezogen werden und bisher auch erfolgreich waren. Hier haben große Herstellerländer wie Deutschland die Führung übernommen, und unsere Unternehmen sind diesem Beispiel gefolgt.

„Unser Steuersystem ist einfach und Unternehmen zahlen Einkommensteuer, wenn der Gewinn als Dividende gezahlt wird.“

Außenwirtschaftlich kooperiert Ihr Land vor allem mit Russland und den EU-Mitgliedstaaten, wohin sie vor allem Holz, Metall und Textilien exportieren. Darüber hinaus bietet Estland gute Investitionsbedingungen für ausländische Unternehmen. Wie sehen diese im Detail aus?

Estland hat eine vielfältige Wirtschaft. Fast die Hälfte der estnischen Ausfuhren entfällt auf verschiedene Arten von Maschinen und elektrischen Ausrüstungen, die von vielen kleinen Unternehmen hergestellt werden. Auch Holz und Holzprodukte sind wichtig. Estland ist keine billige Arbeitswirtschaft mehr. Unser Vorteil sind eine gut ausgebildete Bevölkerung, Digitalisierung und gute Bedingungen für Geschäfte. Estlands wichtigster Investitionsanreiz ist die Erleichterung der Geschäftstätigkeit dank digitaler Dienste. Das Steuersystem ist einfach und Unternehmen zahlen Einkommensteuer, wenn der Gewinn als Dividende gezahlt wird, was Investitionen fördert – wenn Sie ihren Gewinn reinvestieren, bedeutet das, dass Sie die Steuer aufschieben, bis Sie eine Dividende ausgezahlt bekommen.

Estlands Wirtschaft gehört zu den energieintensivsten der Europäischen Union und strebt die größtmögliche Unabhängigkeit von Russland an. Noch immer werden 80 Prozent der Primärenergieerzeugung aus dem einheimischen Ölschiefer generiert. Welche aktuellen Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien könnten zukünftig Abhilfe leisten?

Estland hat keine Probleme mit den europäischen Klimazielen, aber der Energieverbrauch ist sehr hoch. Die Computer, die eine digitale Gesellschaft benötigt, verbrauchen zwar viel Energie, aber der Hauptgrund ist das Heizen während des langen, kalten Winters. Programme zur Altbausanierung reduzieren hier Energieverluste. Die Städte Estlands sind auf Fernwärme angewiesen, und unsere Kraftwerke sind in der Lage, verschiedene Arten von Kraftstoffen zu verbrennen. Die Nutzung von Biomasse und Windenergie nimmt zu, genauso die saubere Verbrennung von Kraftstoffen. Elektrizität kann manchmal ein effizienter Weg sein, um Energie zu transportieren. Das Verbrennen von Ölschiefer ist eine vorübergehende Lösung. Estland muss die erneuerbaren Energien ausbauen und an die europäischen Stromnetze angeschlossen werden; schon heute können wir Elektrizität aus Skandinavien kaufen.

Besonders im Bereich der Hochschulen genießt Estland international einen guten Ruf. Die Universität Tartu, die Technische Universität Tallinn und die 2005 in Universität Tallinn umbenannte ehemalige Pädagogische Hochschule sind ausgezeichnete Beispiele dafür. Auf der anderen Seite wandern aber auch viele junge, gut ausgebildete Akademiker ab. Wie will Ihre Regierung diesem Trend entgegenwirken?

Estland ist ein fester Bestandteil des Ostseeraums und verfügt über besonders enge Verbindungen – inklusive digitaler E-Government-Vernetzungen – zu Finnland, das nur 80 Kilometer jenseits des Wassers liegt. Viele Menschen arbeiten für ein und dasselbe Unternehmen in verschiedenen Ländern der Region, und vor allem diejenigen, die in Finnland arbeiten, neigen dazu, hin und her zu pendeln und ihre Häuser in Estland zu behalten. Historisch betrachtet war Estland immer ein offenes Land. Viele Menschen sind nach Estland gekommen und viele sind gegangen und wieder zurückgekehrt. Zwei wichtige Beispiele: Vor 500 Jahren war es der Künstler Michel Sittow, zu unseren Lebzeiten der Komponist Arvo Pärt. Die Regierung muss Estland als attraktiven Wohn- und Arbeitsort erhalten. Heute kommen jedoch mehr Menschen als gehen.

Estland verfügt über eine international ausgerichtete, vielfältige und lebendige Kulturszene. Beispielsweise war die Hauptstadt Tallinn 2011 gemeinsam mit Turku in Finnland Europäische Kulturhauptstadt, und es gibt eine über 700-jährige gemeinsame deutsch-estnische Kulturgeschichte. Welche aktuellen Kulturprojekte würden Sie gern hervorheben?

Die Esten sind sehr musikalisch, aber noch mehr lieben wir das Theater. Unsere größeren Theaterhäuser bieten sogar Übersetzungen an, also besuchen Sie jede Vorstellung. Oftmals ist es gar nicht notwendig, die Sprache zu verstehen. Größere Theater haben Untertitel. Sie können sogar estnische Theaterproduktionen in Deutschland sehen, die auch von deutschen Theatern organisiert werden.

In diesem Jahr wird es eine Vielzahl an Konzerten in Deutschland geben – so hat das Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt viele verschiedene Künstler ausgewählt. Im Mai dieses Jahres wird Estland beim Musikfestival „Nordischer Klang“ in Greifswald und im Juli beim thüringischen Rudolstadt-Festival vorgestellt. Aber, wie ich schon sagte, dies ist das Jahr, in dem Sie Estland besuchen sollten, denn das ganze Jahr über werden überall Veranstaltungen stattfinden.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6 = Mohamed El-Sauaf