Japan » Der Globalisierungsverweigerer?

Bildvorschau
  • Bild 0
  • Bild 1
  • Bild 2
JAPAN – DER GLOBALISIERUNGSVERWEIGERER?

Auch gut anderthalb Jahrhunderte nach dem Ende seiner fast hermetischen Abriegelung gelten Japans Kultur und Gesellschaft als abgeschottet, monolithisch und homogen. Als ein Symbol dieser Insel-Tradition gilt die zögerliche Zuwanderungspolitik. Zeitungs-Schlagzeilen wie „Japan accepted 28 refugees in 2016“ (Financial Times, 13.02.2017) scheinen dies zu belegen. Doch die Wirklichkeit ist viel komplexer. Ohne Chinesen auf dem Bau, Vietnamesen in der Landwirtschaft und Filipina in der Pflege würde Japans alternde Gesellschaft kaum mehr funktionieren. „Hafus“, Kinder aus gemischten Ehen, sind heute plötzlich Werbe-Ikonen. Frauen regieren die beiden größten Städte. Und während es stimmt, dass 2016 nur 28 Asylanträge positiv beschieden wurden, verschleiert dies die Tatsache, dass in Japan Tausende Flüchtlinge aus humanitären Gründen subsidiären Schutz bekommen haben. Für diese Betrachtung ist die Versuchsanordnung einfach. Fünf für die Globalisierungsfähigkeit zentrale Bereiche der gesellschaftlichen Realität werden schlaglichtartig danach befragt, wo Japan heute steht.

Geisteswissenschaften unter Druck

Erstens sind in der Bildung Defizite unübersehbar. Und die Regierung ist sich dieser bewusst. Bei den Fremdsprachenkenntnissen liegt Japan ohnedies zurück und holt bislang nicht auf. Bessere Englisch-Kenntnisse sind daher erklärtes Ziel. Faktisch soll 2020 Englisch ab der 5. Klasse eingeführt werden. Bislang lernt der Nachwuchs erst ab der 7. Klasse eine Fremdsprache. Doch die Sprachvermittlung ist in Japan weiter geprägt von Frontalunterricht, Auswendiglernen und Formeln einüben. Daher ist der Englisch-Unterricht alles andere als populär.

Im tertiären Bereich stehen vor allem die Geisteswissenschaften unter Druck. Angesichts sinkender Studierenden-Zahlen denkt die Regierung laut über ein Absenken der Zahl der „Nationalen Universitäten“ nach. Für die Germanistik in Japan dürfte dies bedeuten, dass das Angebot unterhalb der Elite-Universitäten, also in der Fläche, schrumpfen wird. Vor allem die Pflicht, eine zweite Fremdsprache zu erlernen – allerdings nur mindestens ein Jahr lang und mit nur einer Wochenstunde – wird oft zurückgenommen.

Immer weniger junge Japaner studieren im Ausland. Im Jahr 2004 waren es 83.000; zehn Jahre später wagten sich nur noch 53.000 Studenten in eine andere Kultur. Die Globalisierungs- Verweigerung der Nachwuchs-Akademiker hat mit der traditionell geringen Wertschätzung zu tun, die Arbeitgeber Auslandserfahrung lange eingeräumt haben, mit dem Druck, rasch ins Erwerbsleben zu kommen, aber auch mit dem Umstand, dass japanische Universitäten daheim gern weiter kassieren, wenn ihre Schützlinge im Ausland dortige Studiengebühren zusätzlich berappen müssen.

Experimente mit der Vier-Tage-Woche

Zweitens folgt nach der Ausbildung das Arbeitsleben. In großen Unternehmen gibt es heute Reformversuche der unterschiedlichsten Art. Mit der Vier-Tage-Woche wird experimentiert, um Beschäftigten die Pflege ihrer Eltern zu erleichtern. Der Konzern Hitachi hat sich gar von einem Eckpfeiler der japanischen Unternehmenskultur getrennt, dem Senioritätsprinzip, bei dem sich die Entlohnung nach Betriebszugehörigkeit und Alter statt nach Leistung richtet. Ausländer werden in den Führungsetagen sichtbarer. Doch das Arbeitsleben der allermeisten Durchschnitts-Japaner wird weiter von Unternehmen – und Behörden – bestimmt, die streng hierarchisch und patriarchalisch organisiert sind und endlose Überstunden verlangen. Der gesetzliche Mindest-Urlaubsanspruch ist in Deutschland und Japan identisch: 20 Tage. Und seit den 1990er-Jahren gilt in Japan die 40-Stunden-Woche. Aber in vielen japanischen Unternehmen sieht die Realität völlig anders aus. Noch immer gehört es zum guten Ton, den Schreibtisch erst zu verlassen, wenn auch der Chef gegangen ist. So liegt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit eines Vollzeit-Beschäftigten laut OECD in Deutschland bei rund 1400 Stunden und in Japan bei 1750 Stunden.

Traditionelle Geschlechterrollen

Überstunden und Überarbeitung sind das eine – strukturelle Ineffizienz ist das andere. Viele Jüngere räumen ein, dass sie zwar endlose Stunden im Büro verbringen, aber oft nicht wirklich etwas zu tun haben. Je nach Mut werden Facebook- Auftritte gepflegt, es wird gechattet, es wird gespielt. Produktivität sieht anders aus. Die Dominanz der Großunternehmen schwindet indes. Der Prozentsatz jener Arbeitnehmer, die als Leiharbeiter oder in Teilzeit arbeiten, befristete Verträge haben oder auf andere Art und Weise prekär beschäftigt sind, ist in Japan und Deutschland identisch: Er liegt zwischen 37 und 38 Prozent. Für die jüngere Generation gilt in beiden Ländern, dass ihr das Modell der lebenslangen, festen Anstellung immer seltener angeboten wird. Drittens ist eine der umtriebigsten und aktivsten Bürgermeisterinnen die von Yokohama, der zweitgrößten Stadt des Landes: Fumiko Hayashi. Die Präfektur Tokio hat Mitte 2016 mit Yuriko Koike ebenfalls eine Frau an die Regierungsspitze gewählt. Doch jenseits dieser Vorzeige-Persönlichkeiten sind die Geschlechterrollen oft noch sehr traditionell. Im Parlament hat die Weltbank einen Frauenanteil von 9,5 Prozent errechnet.

Japans Frauen sind zu 61 Prozent erwerbstätig (Deutschland: 68 Prozent). Die meisten arbeiten als Lehrerinnen, in Sozialberufen, einfacheren Dienstleistungen, in der unteren bis mittleren Ebene in Unternehmen und der Verwaltung. Erst seit 1999 dürfen Arbeitgeber ihren Mitarbeiterinnen bei der Heirat nicht mehr die Kündigung nahelegen – diese also praktisch erzwingen. Ein wesentliches Element der Geschlechterbeziehungen in Japan ist die Nicht-Beziehung. Einer Studie des „National Institute of Population and Social Security Research“ zufolge gaben von allen über 5000 befragten 18- bis 34-jährigen Japanern 42 Prozent der jungen Männer und 44 Prozent der jungen Frauen an, sie seien unberührt. Die „Japan Times“ (17.09.2016) kommentierte lakonisch: „Sexualfeindlichkeit wird so japanisch wie Sumo und Sake.“ Dies ist nicht nur eine demografische Herausforderung, sondern auch eine politische. Schließlich hat die Regierung Abe verkündet, man werde durch familienpolitische Maßnahmen die Geburtenrate von 1,4 auf 1,8 steigern, damit die Bevölkerung nicht unter 100 Millionen falle. Abe will beides, dass Japans junge Frauen mehr arbeiten und mehr Kinder kriegen. Da man die demografischen Probleme nicht über verstärkte Zuwanderung lösen wolle, bleibe nur die berufliche Ertüchtigung von Frauen.

Starker Einfluss ausländischer Popkultur

Im März 2017 erschien ein Handbuch der Film-Wirtschaft. Eine Statistik informiert über die ausländischen Streifen, die 2016 in Japans Kinos gezeigt wurden. Es führt – wenig überraschend – Hollywood. Hinter den USA mit 202 Filmen rangierten Südkorea und Großbritannien mit je 55 exportierten Streifen, dann Frankreich mit 27, Italien mit zehn, China mit neun und Deutschland mit acht Filmen. Die starke Präsenz Südkoreas in der Populärkultur Japans ist aber, viertens, in der Unterhaltungsmusik am augenfälligsten. Die FAZ hat vermerkt, Südkorea sei „zur panasiatischen Leitjugendkultur“ (29.09.2016) geworden.

Komplex ist das Verhältnis von Mainstream zu all jenen Subkulturen, die sich in Japan ebenso wie in jeder anderen entwickelten Gesellschaft finden lassen. Subkulturen entstanden im Westen oft aus politisch-sozialem Protest – dies gilt von Rock´n´Roll bis Punk. In Japan sind all diese Ausdrucksweisen auffindbar. Doch statt Protest sind sie Spielarten. Japan ist im Kern keine Kultur des bipolaren, dialektischen Entweder-Oder – sondern ein Raum des buddhistischen „sowohl als auch“. Der Bankangestellte kann auch Manga-Fan oder Splatter-Movie-Fetischist sein. In Deutschland wäre dies die Gleichzeitigkeit von Widersprüchlichem. In Japan ist es das Nebeneinander von additiv Verstandenem.

Wo japanische Populärkultur weltweite Beachtung findet und als bedeutsame soft power verstanden werden kann, ist sie an Ausdrucksformen und Lebensstilen ausgerichtet. Ob Manga oder Anime, ob Cosplay oder Visual Kei: Viel davon hat mit Rollenspielen und Identitäts-Fantasien zu tun, aber kaum etwas davon ist rein konsumptiv zu rezipieren. Anders ausgedrückt: Japan ist nicht so erfolgreich wie Mexiko beim Export von TV Soaps und nicht so dominant wie Südkorea bei der Vermarktung seiner Filme und Boybands, dafür aber umso attraktiver beim Export seiner Mitmachund Eintauch-Träume.

Und fünftens leben in Japan offiziell 2,31 Millionen Ausländer – bei einer Bevölkerung von knapp 127 Millionen also nur rund zwei Prozent. Hiervon sind 990.000 von ihren Arbeitgebern als erwerbstätig gemeldet. Die fünf wichtigsten Herkunftsländer sind China, Südkorea, die Philippinen, Brasilien und, mit dem stärksten Zuwachs, Vietnam. Denn die ausländische Bevölkerung wächst um 6,8 Prozent jährlich. Hunderttausende sind über das umstrittene „Technical Intern Training Program“ (TITP) ins Land gekommen. Ursprünglich als Instrument der beruflichen Bildung im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit konzipiert, ist das TITP längst zur Anwerbeplattform schlecht bezahlter Gastarbeiter geworden und wird vom US State Department wegen gravierender Menschenrechtsverletzungen regelmäßig kritisiert. 154.000 Ausländer in Japan haben eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung als akademisch ausgebildete Fachkraft. Eine Sonderrolle spielen nicht eingebürgerte Koreaner, die oft seit der Kolonialzeit 1910 bis 1945 in Japan leben. Bei den ausländischen Studenten in Japan (rund 260.000) verzeichnen die ASEAN-Staaten die höchsten Zuwachsraten, vorneweg erneut Vietnam. Und der Tourismus boomt, mit jährlichen Zuwachsraten um die 20 Prozent.

Ausländer, ob dauerhaft im Lande oder auf Besuch, sind das eine – japanische Staatsbürger gemischt-ethnischer Herkunft das andere. In den meisten japanischen Köpfen dürfte weiterhin die Vorstellung herrschen, man sei eine ethnisch homogene Gesellschaft. Doch diese Vorstellung ist nicht mehr hermetisch. Selbst an der Semantik kann man dies ablesen. Der pejorative Begriff für einen Mischling, „Hafu“, wird allmählich von den Betroffenen reklamiert und neutral oder positiv konnotiert: Aus einem Schimpfwort wird eine Selbst-Etikettierung. Die Textilfirma Uniqlo hat 2015 eine Werbekampagne komplett mit Models bestritten, die „Hafus“ sind. Zwei Schönheitsköniginnen hintereinander waren Halb-Japanerinnen. „Hafu“ steht hier für: exotisch, anders, schick.

Japan wird bunter

Dies gilt in der Mode, es gilt auch im Sport. Und zunehmend für die Gesellschaft insgesamt. Denn in Japan hat heute bereits eines von 29 Neugeborenen einen ausländischen Elternteil. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Denn eine von 14 neu geschlossenen Ehen umfasst einen nicht-japanischen Partner. Im Vergleich zu Deutschland wirkt Japan nicht bunt. Doch wenn man sich ansieht, wer als Arbeitsmigrant kommt, wer nach Japan einheiratet oder wer als Ex-Student dort bleibt, ist rasch klar: Japan wird bunter. Es handelt sich indes nicht um eine Globalisierung, sondern um eine allmähliche „Asiatisierung“, die man als Europäer kaum sieht. Die Realität ist weiter als die Politik. Diese versucht, Diskurse so zu gestalten, dass sie von Veränderungen eher abschirmen. Dies gilt für das Thema Migration, aber ganz ähnlich auch für LGBT. Offensiver ist der Umgang mit Bereichen, in denen Japan vorwegzunehmen hat, was auch anderen Ländern als Herausforderung noch begegnen wird – vor allem der Umgang mit einer stark schrumpfenden und alternden Gesellschaft. Dies alles stellt keine Globalisierungsverweigerung dar, sondern den Versuch einer Globalisierungsdämpfung. Der Bereich mit den größten Defiziten ist die Bildung. Aber hier bleibt es schlussendlich jedem einzelnen jungen Japaner überlassen, daheim zu bleiben – oder sich neugierig in die Fremde aufzumachen, was auch eine alte japanische Tradition ist. Es gibt eben nichts, was es in Japan nicht (auch) gibt.

AUTOR: Robert von Rimscha

ist seit 2014 Gesandter an der Deutschen Botschaft Tokio und leitet dort die Abteilung für Kultur und Kommunikation. Dies ist die stark gekürzte Fassung eines gleichlautenden Vortrags, den der Autor am 15. Juni 2017 vor der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Berlin hielt, und gibt ausschließlich seine persönliche Ansicht wieder.

Bilder: 1 = Masaki Matsuzawa (flickr.com) | 2 = Patrick Kenawy (flickr.com) | 3 = Peter Badge