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IFAIR
Young Initaitive on Foreign Affairs and International Relations (IFAIR) e. V. hilft jungen Menschen, die internationalen Beziehungen von morgen zu gestalten. Dazu schreibt IFAIR regelmäßig konkrete Projekte aus, bietet über seinen Open Think Tank www.IFAIR.eu eine Plattform zum Austausch und vernetzt seine Mitglieder mit wichtigen Akteuren aus der Praxis. Für das Diplomatische Magazin analysieren Mitglieder von IFAIR jeden Monat ein Thema aus den internationalen Beziehungen.

Autor
Tim Heinkelmann- Wild
studiert Politik, Philosophie und Geschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität (LMU) in München. Dort arbeitet er an den Lehrstühlen für „Global Governance and Public Policy“ sowie „Internationale Beziehungen“. Tim Heinkelmann-Wild ist Mitglied bei IFAIR.
Der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ und das Dilemma des Westens
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er „Islamische Staat“ (IS) ist ein Sicherheitsproblem für die Europäische Union. Dies führen uns die Anschläge von Paris, die vom IS ausgelösten, nicht enden wollenden Flüchtlingsströme sowie die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in europäischen Städten zum Jahreswechsel drastisch vor Augen. Doch obwohl sich wichtige globale und regionale Akteure dem Kampf gegen den IS verschrieben haben, ist eine langfristige Lösung des Problems nicht in Sicht. Woran liegt das?

In Europa tritt der IS als Terror-Netzwerk auf. Sein Ziel ist der „Jihad“ gegen den „fernen Feind“ – den Westen. Hierin ist er mit Al-Qaida vergleichbar. Gegenüber den kräftemäßig weit überlegenen westlichen Staaten bietet diese Organisationsform große Vorteile: Aufgrund ihrer netzwerkartigen Struktur können IS-Zellen bis in das Herz Europas vorstoßen. Dass sie fast unmöglich zu lokalisieren sind, verspricht eine geringe Verwundbarkeit und Flexibilität.

In Syrien und dem Irak gab der IS diesen Vorteil im Sommer 2014 zugunsten seines Staatsbildungsprojekts auf. Durch die Bereitstellung von Ordnung, Sicherheit und anderen öffentlichen Gütern versucht er, eine Basislegitimität bei der Bevölkerung eroberter Gebiete herzustellen. Die mit Hilfe irakischer Ex-Militärs ausgebaute Bürokratie sichert zudem seine Finanzierung über Steuern sowie Zölle, insbesondere auf Erdölexporte. Schließlich zieht die „Kalifats“-Perspektive ausländische Unterstützer an.

Die quasi-staatliche Herrschaft des IS birgt für diesen jedoch auch einen großen Nachteil: Durch die Territorialisierung ist er relativ sichtbar und somit leichter verwundbar. Umso erstaunlicher ist, dass die seit September 2014 geführten Luftangriffe der internationalen Staatenkoalition sowie das direkte Eingreifen Russlands im Spätsommer 2015 zu keinen schnellen Erfolgen führten. Bekämpfen die beteiligten Akteure wirklich einen gemeinsamen Feind?

Russland wie auch Iran streben die Stärkung von Syriens Präsident Baschar al-Assad an. Sie schwächen primär moderate Rebellengruppen, da diese bei einer Friedensordnung ebenfalls potenzielle Verhandlungspartner darstellten. Dies entspricht Assads „Kampf gegen den Terror“, den er seit dem „Arabischen Frühling“ 2011 zu führen vorgibt. Die Türkei konzentriert ihr Bombardement auf kurdische Kräfte: Zum einen befürchtet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Entstehung eines kurdischen Staates, zum anderen nutzt dieses Bedrohungsszenario ihm parteipolitisch.

Die USA und die Europäer stehen innenpolitisch doppelt unter Druck: Einerseits lösten die medial inszenierte Barbarei des IS und dessen Terroranschläge in Europa starke Interventionsforderungen aus. Andererseits sind die westlichen Gesellschaften nicht bereit, angesichts der Erfahrungen in Afghanistan und dem Irak, Opfer in einem Bodenkrieg zu bringen. Das Resultat ist eine bloße Eingrenzungs- INTERNATIONAL RELATIONS FOTO Enno Lenze (flickr.com) politik durch Luftschläge und -aufklärung sowie die Ausrüstungs- und Ausbildungshilfe für verschiedene Gruppierungen. Ersteres birgt die Gefahr, durch Kollateralschäden weitere Sympathien für den IS zu generieren. Die Aufrüstung einzelner Gruppierungen als Ersatz für eigene Bodentruppen zieht immer das Risiko nach sich, dass diese sich verselbständigen. Verfolgen sie eigene weitergehende Ziele, gefährdet dies die langfristige Stabilisierung der Region.

Zwar konnten das irakische Militär sowie Kurden- und Rebellengruppen einige Erfolge gegen den IS verzeichnen – ein Sieg ist jedoch nicht abzusehen. Zuletzt bleibt auch zu bedenken, dass ein territoriales Eindämmen des IS im Irak und Syrien wohl kaum die netzwerkförmige Terrorgefahr in Europa beseitigen wird.

text Tim Heinkelmann-Wild

Bilder: 1 = thierry ehrmann (flickr.com) | 2 = Enno Lenze (flickr.com)