Das Auto und die Zukunft » Wiedersehen mit zwei Ex-Verkehrsministern und ihren Perspektiven von Mobilität

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DAS AUTO UND DIE ZUKUNFT
Wiedersehen mit zwei Ex-Verkehrsministern und ihren Perspektiven von Mobilität

Es scheint, als habe das Auto noch ganz viel Zukunft: Vor Kurzem traf ich zwei ehemalige deutsche Bundesverkehrsminister wieder, die ich noch aus der Zeit kenne, als die Regierung in der alten Hauptstadt Bonn saß. Beide Ex-Minister beschäftigen sich auch heute noch mit Mobilität und Energie und haben atemberaubende Perspektiven. Einer der Ex-Verkehrsminister ist Matthias Wissmann, der scheidende Präsident des Verbandes der Automobilindustrie VDA, der dort seit zehn Jahren tätig ist, sowie seit Kurzem auch Präsident des entsprechenden Weltverbandes (OICA). Er war von 1993 bis 1998 Verkehrsminister. Obwohl er noch Cheflobbyist der Automobilhersteller und der Zulieferbetriebe ist, kam er in sein Büro in Berlin-Mitte mit dem Fahrrad an.

Der andere ist Günther Krause, sein Vorgänger (Ressortchef von 1991 bis 1993), bekannt als DDR-Verhandlungsführer beim deutsch-deutschen Einigungsvertrag (mit Wolfgang Schäuble von der BRD-Seite). Krause arbeitet als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Neutrino-Gruppe an visionären Projekten, wie man eines Tages ein Auto mit Energie bewegen könnte, ohne eine Ladestation oder eine Batterie zu benötigen. Wenn Matthias Wissmann in die Zukunft blickt, sprudeln aus ihm viele Zahlen heraus, die trotz des Diesel-Skandals das Wachstum der Branche belegen. Demnach beherrscht die deutsche Automobilindustrie ein Fünftel des Weltmarktanteils. In Europa zählt jede zweite Pkw-Neuzulassung zu einer deutschen Konzernmarke. Im Premiumsegment liegt der Marktanteil der deutschen Limousinen weltweit sogar bei siebzig Prozent.

Weltweit erfreuen sich die Autoproduzenten einer stabil wachsenden Konjunktur. Im soeben zu Ende gegangenen Jahr wurden auf dem Weltmarkt insgesamt 84 Millionen Pkw verkauft, in zwei Jahren werden es 90 Millionen sein. In vielen Ländern steigt der Bedarf: Während in Deutschland 500 Pkw auf 1.000 Einwohner kommen, sind es in Indien erst sieben und in China 70 pro 1.000 Einwohner. Im nächsten Jahrzehnt werden immer mehr selbstfahrende Fahrzeuge eingesetzt werden. Dazu erzählt Wissmann von seinem Besuch in einer chinesischen Großstadt, deren Bewohner morgens und abends je eine Stunde im Stau stehen. Der Bürgermeister mahnte Wissmann: „Wenn Deutschland bis 2030 keine selbstfahrenden Autos liefern kann, in denen die Menschen ihre Zeit besser nutzen können, werden Sie in China keine Autos mehr verkaufen können!“

Wenn Günther Krause in die Zukunft blickt, ist vorerst noch viel Phantasie gefragt. Krause beschäftigt sich mit Neutrinos, jenen unsichtbaren Geisterteilchen, denen die meisten Wissenschaftler lange Zeit eine Masseeigenschaft abgesprochen haben. Doch seit dem Physiknobelpreis 2015 und nach vielen Experimenten ist erwiesen, dass Neutrinos doch eine Masse besitzen und daher bei Bewegung Energie frei wird. Speziell beschichtete Folien können eine Schreibtischlampe zum Leuchten bringen oder ein Handy aufladen, und eines fernen Tages könnte sich die Elektromobilität die Energie der Neutrinos zunutze machen und dezentrale mobile Energieerzeugung in einem Fahrzeug einsetzen. Man könnte sich dies als Minikraftwerk in einem Pilotenkoffer im Auto vorstellen. Krause: „Eine Elektromobilität ohne Ladesäulen und ohne Großbatterien wäre ein revolutionärer Schritt weg vom Verbrennungsmotor!“

Mit den selbstfahrenden Automobilen sehe ich übrigens mehr Probleme als nur die Verkehrssicherheit – nämlich ein sprachliches und ein diplomatisches Problem. Das sprachliche: Automobil heißt wörtlich übersetzt das „Selbstbewegende“. Wie nennt man dann aber die wirklich selbstfahrenden Fahrzeuge? Auto-Auto? Und nun das diplomatische Problem: Dürfen denn Botschafter künftig in selbstfahrenden Limousinen überhaupt ihren Fahrer behalten? Die beiden Ex-Minister machten sich darüber noch keinerlei Gedanken.

AUTOR: Ewald König

Chefredakteur bei korrespondenten.tv Talkshows, Website, Events (Projekt des Berliner Korrespondentenbüros)

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Bilder: 1 = Nikita Nike (flickr.com) | 2 = Dany Eid (flickr.com)