Im Fokus: Die Zukunft der Arktis » Die Welt blickt nach Norden

Bildvorschau
  • Bild 0
  • Bild 1
  • Bild 2
  • Bild 3
IM FOKUS: DIE ZUKUNFT DER ARKTIS
Die Welt blickt nach Norden

In keiner anderen Region der Erde zeigt sich der globale Klimawandel heute schneller und intensiver als in der Arktis. Egal, wie erfolgreich die internationale Gemeinschaft mit der angestrebten Verringerung der Treibhausgasemissionen und der damit einhergehenden Verlangsamung des Klimawandels sein wird, eines steht bereits heute fest: Der hohe Norden unseres Planeten ändert sich rasant und zum Teil dramatisch.

Die Entwicklung der Arktis im 21. Jahrhundert ist heute noch nicht abzusehen. Fast alle Szenarien gehen jedoch von einer deutlich intensiveren Nutzung als Lebens-, Verkehrsund Wirtschaftsraum aus. Ein reiner Schutzstatus analog zur Antarktis erscheint aufgrund der geografischen Lage, des existierenden Lebensraums und auch vor dem Hintergrund der zumindest mittelfristig weltweit konstant hohen oder gar steigenden Nachfrage nach diversen Rohstoffen eher unwahrscheinlich.

Ganz gleich, welches dieser Szenarien auch eintreten wird, in jedem Fall werden damit sowohl auf einzelne Staaten als auch auf die Weltgemeinschaft große politische und technologische Herausforderungen zukommen. Diese umfassen das Monitoring und den Schutz eines ökologisch hochsensiblen Raumes, die Überwachung von zukünftigen Abkommen bezüglich seiner wirtschaftlichen Nutzung sowie die Entwicklung von autonomen Systemen zum Abbau von marinen Ressourcen in Polargebieten und in der Tiefsee. Nicht zuletzt muss schließlich auch eine Reihe von sicherheitspolitischen sowie sicherheitstechnischen Fragen geklärt werden, um perspektivisch ein friedliches Miteinander in der Arktis zu gewährleisten.

Zur genaueren Betrachtung dieser Zukunftsprognosen müssen insbesondere drei Bereiche eingehender beleuchtet werden: das geopolitische Handlungsfeld, die wirtschaftliche Bedeutung und die technologische Dimension. Fest steht, dass die Arktis bislang sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen Kontext vornehmlich ein Raum großer und erfolgreicher internationaler Kooperation ist. Die acht Anrainerstaaten der Arktis haben zusammen mit den indigenen Bevölkerungsgruppen der Region vor allem in dem 1996 gegründeten Arktischen Rat einen gelungenen Weg zum kooperativen Dialog miteinander gefunden. Dieser wurde und wird, auch ungeachtet verschiedener Spannungen in anderen Teilen der Welt, umfänglich und einvernehmlich aufrechterhalten.

Gerade die Naturvorkommen in der Arktisregion sind in den letzten zehn Jahren stark in den Fokus von Öffentlichkeit und Politik gerückt. Verschiedene neue geologische Untersuchungen haben den vermuteten und teils bereits bekannten Reichtum an mineralischen Ressourcen und fossilen Brennstoffen in der Arktis weitgehend bestätigt. Die hier zugrunde liegenden Zahlen lesen sich dabei auf den ersten Blick durchaus beeindruckend: Laut einer Studie des United States Geological Survey (USGS) werden 22 Prozent der bisher global unentdeckten Gas- und Ölvorkommen in der Arktis vermutet. 90 Prozent dieser vermuteten Vorkommen befinden sich allerdings im Bereich der Staatsgrenzen der einzelnen Länder oder deren zugehöriger Kontinentalschelfe. Auch hier bleibt also weniger das Konfliktpotenzial bezüglich des Besitzanspruchs im Vordergrund, sondern vielmehr die wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen für einen ökologisch tragbaren und ökonomisch lohnenden Abbau dieser Rohstoffe.

Im besonderen Blickpunkt steht dabei auch zukünftig das schwierige Verhältnis von Bedarf und Nutzbarkeit einerseits zu den extremen Bedingungen andererseits. Zwar führt der Klimawandel zu einer Erweiterung der wirtschaftlichen Nutzung des Raumes, dennoch bleibt die Region aber auf sehr lange Zeit in vielerlei Hinsicht ein für Mensch und Technologie extrem schwieriges und anspruchsvolles Umfeld. Dies zeigt auch eine Reihe von jüngst unternommenen Versuchen zur Erschließung neuer Öl- und Gasfelder in der Arktis, die in ihrer Entwicklung zurückstehen oder gar auf unbestimmte Zeit verschoben wurden. Die Kosten und die technologischen Anforderungen werden heute noch als zu hoch angesehen, vor allem vor dem Hintergrund der aktuell stagnierenden Preise für Öl und Gas auf dem Weltmarkt.

Ähnliche Entwicklungen sind im Bereich der internationalen Schifffahrt entlang der Küsten des Arktischen Ozeans zu beobachten. Mit den seit gut einem Jahrzehnt in den Sommermonaten der Nordhemisphäre vermehrt eisfreien Bereichen der Nord-West- wie auch der Nord-Ost-Passage kam die Hoffnung auf, den Seeweg zwischen Asien und Europa beziehungsweise Nordamerika um mehrere Tausend Kilometer zu verkürzen und damit deutlich preiswertere und schnellere Transportwege zu erschließen. Eisfrei bedeutet in dieser Region der Erde allerdings nicht, dass weder Eisschollen noch Eisberge den Schiffsverkehr bedrohen, und das jährliche Zeitfenster hierfür bleibt auch mittelfristig ohnehin nur sehr kurz. Neben den Sicherheitsproblemen durch das Eis bleibt auch die Abgelegenheit der Region vor allem in Notfällen ein Problem – ausreichende Such- und Rettungskapazitäten sind in vielen Teilen einfach nicht vorhanden. Die erhoffte wirtschaftliche Bedeutung dieser Routen blieb daher bislang aus und bedürfte deutlicher Verbesserungen sämtlicher Infrastrukturen.

Wie passt all dies mit der anfangs beschriebenen Prognose einer verstärkten Nutzung und Bedeutung dieses Raumes zusammen? Und was muss geschehen, damit diese ohne größere ökologische Probleme und wirtschaftliche Unwägbarkeiten voranschreiten kann? Zunächst einmal ist es wichtig, dass dieser weitgehend kooperative Status der Region vor dem Hintergrund der stattfindenden Veränderungen auch zukünftig so besteht. Hierfür sind Transparenz und Dialogbereitschaft der Stakeholder-Staaten weiterhin von großer Bedeutung. Neben dem bereits erwähnten Arktischen Rat als führendem Lenkungsgremium der dortigen Aktivitäten, wobei Deutschland mit einem Beobachterstatus teilnimmt, haben auch Nichtregierungsorganisationen in den letzten Jahren eine Reihe von Initiativen ins Leben gerufen, die unter anderem die wichtigen, zukünftigen Sicherheitsfragen der Arktis adressieren. Sowohl die Arctic Circle Assembly als internationale Dialog- und Kooperationsplattform als auch die Arctic Frontiers Conference oder die Münchener Sicherheitskonferenz mit ihrer jüngst begonnenen Reihe des „Arctic Security Roundtable“ zeugen von dieser aktuellen Entwicklung.

Die verschiedenen kurzen Beispiele aus den aufgeführten Themenblöcken Sicherheit und Wirtschaft zeigen jedoch sehr deutlich eine Gemeinsamkeit auf, die damit gleichzeitig zum dritten großen Thema wird: die Bedeutung des Technologiesektors für diese Region. Technologische Innovationen sind der Schlüssel für die weitere Erschließung der Arktis in nahezu jeder Hinsicht. Unabhängig davon, ob es um Themen der Sicherheit von kritischen Infrastrukturen, der Automation, der Kommunikation oder des Umweltschutzes geht: Ohne robuste und sehr verlässliche Technologien wird es auch zukünftig nicht gehen. Aufgrund des extremen Umfeldes liegt die Analogie zur Raumfahrt auf der Hand. Auch hier können große Projekte, wie beispielsweise die internationale Raumstation ISS, immer nur in einer breit angelegten Kooperation verwirklicht werden – mit großem Nutzen nicht nur für die beteiligten Staaten, sondern auch für die Gesellschaft als Weltbevölkerung.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betreibt Forschung und Entwicklung in vielen zukunftsweisenden und für die beschriebenen Herausforderungen notwendigen Technologien – auch in der Sicherheitsforschung und der maritimen Sicherheit im Besonderen. Beispielhaft sei hier auf Technologien wie die satellitengestützte Radarfernerkundung verwiesen. Diese wird mit ihren vielfältigen Möglichkeiten der wetterunabhängigen Überwachung und Erkundung von Meer- und Eisflächen, Eisbergen und -schollen oder Schifffahrtsrouten sowohl für konkrete Anwender, wie etwa die Schifffahrt oder Explorationsunternehmen, als auch für die Politik eine Grundlage und Bedingung für eine sinnvolle und sichere Entscheidungsfindung darstellen.

Auch in anderen Technologiebereichen, wie zum Beispiel in der Kommunikation, ist das DLR bereits im maritimen wie auch im arktischen Umfeld aktiv. So stellte es in den letzten zwei Jahren den deutschen Vertreter für die „Task Force on Telecommunications Infrastructure in the Arctic (TFTIA)“ des Arktischen Rates und wird dies auch ab diesem Jahr in der neuen „Task Force on Improved Connectivity in the Arctic (TFICA)“ fortführen. Auch wenn die Arktis für uns weit weg erscheint, die Auswirkungen auf und durch das Klima, auf das geopolitische Handlungsfeld, auf die wirtschaftliche Bedeutung und die technologische Dimension betreffen uns. Und wie sagte schon der Buchautor Ned Rozell im Jahr 2007: „Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis.“

AUTOR: Dr. Dennis Göge

Dr. Dennis Göge ist zuständiger Programmkoordinator für Sicherheitsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln und koordiniert die gesamte Forschung und Entwicklung in den Bereichen zivile Sicherheit und wehrtechnische Forschung.

AUTOR: Peter Poete

Peter Poete ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Programmkoordination für Sicherheitsforschung und war in den letzten Jahren zuständig für den Forschungsverbund Maritime Sicherheit im DLR.

Bilder: 1 = Fotalia/Incredible Arctic | 2, 4 = DLR | 3 = MSC