Editorial »

Hohe Tiere
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die Giraffenmädchen Sofie und Fleur waren die letzten, die den österreichischen Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner noch in seinen Funktionen erleben konnten. Direkt nach seinem letzten offiziellen Termin, der Eröffnung des neuen Giraffenhauses im Schönbrunner Tiergarten in Wien, gab der Politiker seinen Rückzug aus der Regierung und der Partei bekannt – entnervt, wie schon einige seiner Vorgänger auf dem gefürchteten Schleudersitz an der Parteispitze. Damit löste er eine weitere Zäsur in der österreichischen Innenpolitik aus, die auch Folgen über die Grenzen hinaus haben wird, vor allem in der Flüchtlings- und Migrationspolitik.

In diesen Themen spielt Österreich eine wichtige Rolle. Viele Deutsche sehen in Österreich lediglich das Transitland für Flüchtlinge, die nach Deutschland wollen; tatsächlich aber nimmt Österreich pro Kopf sogar mehr Flüchtlinge auf als Deutschland. Zweifellos profitiert die deutsche Bundesregierung von Österreichs Maßnahmen zur Eindämmung der Flüchtlingswelle, offen eingestehen wird dies vermutlich niemand.
Als Auftakt einer Serie wichtiger Wahlen in Europa, bei denen diverse -exits aus der Europäischen Union befürchtet wurden – nach dem Brexit ein Frexit oder ein Nexit –, gelang es Österreich Ende 2016, einen rechtspopulistischen Bundespräsidenten zu verhindern, der vorübergehend mit dem Öxit kokettiert hatte. Zweifellos sind die allermeisten Österreicher durch und durch Europäer, doch die Zuneigung zur EU trägt Narben. Die sogenannten EU-Sanktionen gegen Österreich infolge der ÖVP-FPÖ-Koalition im Jahr 2000 sind in Österreich nicht vergessen. Ausgerechnet jene Nationen, die damals am konsequentesten und überheblichsten Österreich den Dialog verweigert hatten, haben heute selbst große Probleme mit Rechtspopulisten.

Von den vielen Botschaftern, die ich als Österreicher in meiner langen Korrespondentenzeit in Deutschland erlebt habe, gilt S.E. Dr. Nikolaus Marschik als einer der besten. Hier lesen Sie sein ausführliches Interview.
 

Ewald König
Chefredakteur korrespondenten.tv
Foto N/A