Hidden Champions and Business Heads Das Geheimnis fruchtbarer Böden » Ein Interview mit Aydoğan Cengiz und Müfit Tarhan von Humintech

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Das Geheimnis fruchtbarer Böden
EINIGE MENSCHEN GLAUBEN, dass es mit der Braunkohle in Zukunft bergab geht – nicht aber die Unternehmer Aydoğan Cengiz und Müfit Tarhan von Humintech. Das Unternehmen extrahiert Huminsäuren aus oxidierter Braunkohle und setzt diese in Produkten für die Agrarwirtschaft ein. Im nordrhein-westfälischen Grevenbroich produzieren die Branchenpioniere und ihr interkulturelles Team mittlerweile für die ganze Welt. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin sprachen die beiden Manager über die Anfänge, die bislang preisgekrönten Erfolge, die Zukunftspläne und über Goethe.

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err Cengiz, seit mehr als 40 Jahren entwickelt Humintech Produkte auf der Basis von Huminsäuren und anderen Huminstoffen. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Idee?

Cengiz: Müfit Tarhan und ich sind seit Anfang der Achtzigerjahre Partner. Wir begannen zunächst im Tourismussektor und bauten die Reiseagenturen Nazar Holiday und Holiday Express auf. Wir verkauften schließlich unsere Firmen mit dem Gedanken, uns früh zur Ruhe zu setzen. Als uns dann aber immer öfter die Frage gestellt wurde, ob wir wirklich vorhätten, uns irgendwo am Mittelmeer niederzulassen und nicht mehr an ein Geschäftsleben in Deutschland zu denken, wussten wir, dass ein Leben ohne Innovationen uns nicht erfüllte. Wir waren ja beide noch recht jung. Und als wir dann ein Gespräch mit einem Wissenschaftler führten und er uns von Huminsäuren erzählte, interessierte uns das, weil es sich dabei um ein sehr umweltfreundliches Produkt handelt, mit dem man chemischen Dünger ziemlich gut reduzieren kann.

So kam es, dass 1999 die Firma WESKO, eine ehemalige Tochtergesellschaft der Rheinbraun AG, die Besitzer wechselte. Ein aufregender Neuanfang. Wir übernahmen das Unternehmen, dessen Kernprodukt bereits Perlhumus war, ein huminsäurebasierter Bodenverbesserer. Wir firmierten den Namen auf Humintech um und konzentrierten uns auf die vielen Anwendungsfelder mit huminstoffbasierten Produkten für die Agrarwirtschaft, Tierhaltung, Industrie und Umwelttechnik. Im Jahr 2013 verlagerten wir unseren Firmensitz von Düsseldorf nach Grevenbroich, um unser Produktions- und Innovationsstätte rohstoffnah zu legen, nämlich direkt neben den Braunkohletagebau Garzweiler II. Seitdem befassen wir uns mit Huminsäuren und sind immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen.

Herr Tarhan, als Huminstoffquelle dient Ihrem Unternehmen eine oxidierte Form der Braunkohle, die auch Leonardit genannt wird. Wie funktioniert das Prinzip genau?

Tarhan: Die Hauptentstehungszeit der Braunkohle in Deutschland ist die erdgeschichtliche Zeit vor etwa 65 bis zwei Millionen Jahren. Braunkohle ist in einem jüngeren Zeitalter als die Steinkohle entstanden und hat dadurch noch nicht die komplette Inkohlungsreihe durchlaufen. Sie unterscheidet sich qualitativ von der Steinkohle. Leonardit ist ein Oxidationsprodukt von Braunkohle, das mit dem oberflächennahen Bergbau verbunden ist. Es ist eine reichhaltige Huminsäurequelle; der Gehalt beträgt bis zu 90 Prozent. Da die vielen Vorteile von Huminsäuren erwiesen sind, verwenden wir sie als Hauptbestandteil unserer Produkte.

Humintech ist weltweit erfolgreich. In welchen Ländern ist Ihr Unternehmen besonders stark vertreten?

Cengiz: Ja, das stimmt. Wir sind in mehr als 70 Ländern vertreten und gehören zu den Weltmarktführern und Pionieren der Branche. Unsere größten Absatzmärkte und sehr starken Partner befinden sich in der Ukraine, im gesamten mittleren Osten und in Südamerika.

Ihre 42 Mitarbeiter kommen aus 14 verschiedenen Ländern. Welche Vorteile bringt diese internationale Ausrichtung mit sich?

Cengiz: Da wir selber einen Migrationshintergrund haben, ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, global zu denken, an die Globalität zu glauben und diese zu fördern. Fach- und Führungskräfte aus dem Ausland verfügen über einen anderen Bildungshintergrund. Aufgrund ihrer ganz eigenen kulturellen Prägung haben sie andere Ansichten in Bezug auf ihre Tätigkeit. Sie gehen anders an ihnen übertragene Aufgaben heran, auch Probleme lösen sie auf eine für uns neue Art. Das ebnet den Weg für Innovationen.

Außerdem verfügen unsere ausländischen Mitarbeiter über sprachliche und kulturelle Kenntnisse – in einem weit ausgeprägteren Maß als unsere einheimischen Mitarbeiter. Sie kennen die Wahrnehmungsmuster, die Gewohnheiten und den Geschmack ihrer Landsleute. Diese Perspektive erleichtert die Erschließung neuer Märkte und Kundengruppen. Das kreative Potenzial einer interkulturellen Belegschaft ist enorm hoch. Heute wünschen sich viele Mitarbeiter einen Arbeitgeber, der sich durch Weltoffenheit und Toleranz auszeichnet. Dass wir auf ein internationales Team setzen, zeigt auch: Wir gehen mit der Zeit.

Ihr Unternehmen ist bei verschiedenen Institutionen wie der BCS Öko-Garantie (Zertifizierung von Bio-Produkten) und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) registriert. Welchen Einfluss hat das auf die Qualitätssicherung ihrer Produkte?

Cengiz: Diese Institutionen gehören zu den weltweit führenden Zertifizierungsunternehmen und stellen sicher, dass wir internationale Standards einhalten. Sie stellen außerdem sehr hohe Ansprüche in Bezug auf Biozertifizierung und Nachhaltigkeit. Deshalb sind wir stets daran interessiert, unsere Produkte vorschriftskonform weiterzuentwickeln. Diese Standards sind heutzutage eigentlich ein Muss für jedes hochwertige Produkt.

In den letzten Jahren wurde Humintech mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, wie etwa im vergangenen Jahr als „Hidden Champion“ bei n-tv, als „TOP-Innovator“ im deutschen Mittelstand und bei „Germany at its best: NRW Invest“. Welche Bedeutung haben diese Auszeichnungen für Sie?

Tarhan: Wer freut sich nicht über Preise? Preise sind die Bestätigung für die jahrelange Arbeit, für die Zeit und den Glauben, weiterhin innovativ zu denken und zu agieren. Wir sind glücklich, dass unsere Arbeit geschätzt wird und Anerkennung erhält.

Ihr Unternehmen engagiert sich beispielsweise in der TEMA-Stiftung für den Naturschutz, für Plan International, für die Stiftung Düsseldorfer Kinderträume oder die Flüchtlingshilfe an Ihrem Stammsitz in Grevenbroich. Warum ist Ihnen das soziale Engagement besonders wichtig?

Cengiz: Nachhaltigkeit hat viele Gesichter. Dazu gehört nicht nur ein aktiver Beitrag zum Umweltschutz, sondern auch die Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Darum machen wir uns stark für Organisationen und Projekte, die Mensch und Umwelt zugutekommen.

Auch Kunst- und Kulturprojekte wie die Vernissage des türkischen Zeichners Oğuz Peker und der Istanbuler Künstlerin Setenay Özbek wurden von der Humintech gefördert. Woran lag hier Ihre besondere Motivation?

Tarhan: Wie Johann Wolfgang von Goethe schon sagte, ist die Kunst eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. Kunst und Kultur prägen eine Gesellschaft nicht nur, sondern reflektieren auf ästhetische Art und Weise die Fähigkeit des Menschen, Ideen zu entwickeln, umzusetzen und in bleibende Werte zu verwandeln. Um diese Innovationskraft zu fördern, unterstützen wir regelmäßig Kunst- und Kulturprojekte.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft Ihres Unternehmens?

Cengiz: Unsere Zukunftsvision besteht im mittelfristigen Aufbau eines regionalen Kompetenzzentrums zur angewandten Huminstoff- Forschung, in dem die vorhandenen Infrastrukturen im Bereich der Forschung und Entwicklung, der zielgerichteten Rohstoffgewinnung und der kommerziellen Anwendung in den verschiedenen Sektoren gebündelt werden. Für die Realisierung dieser Vision bekommen wir nachhaltige Unterstützung, unter anderem von der Zukunftsinitiative „IRR – Innovationsregion Rheinisches Revier“, die den anstehenden regionalen Strukturwandel mit eigenen Förderprojekten begleiten.

Tarhan: Wir müssen dafür Sorge tragen, weiterhin für neue Ideen offen zu sein und gerade auch junge Fachkräfte für die angewandte Huminstoff-Forschung und die kommerzielle Huminstoff-Nutzung zu begeistern. Dazu gehört es, wissenschaftliche und kommerzielle Erfolge zu kommunizieren sowie eine neue Perspektive und eine viel größere Wertschätzung im Umgang mit unseren fossilen Bodenschätzen zu entwickeln.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6 = NRW Bank