Hidden Champions and Business Heads Hightech im Gefängnis » Ein Interview mit dem Geschäftsführer der Telio Management GmbH Oliver Drews

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Hightech im Gefängnis
DIE TELIO MANAGEMENT GMBH wurde 1998 in Hamburg gegründet, hat ein Jahr später mit „PHONio“ die erste Gefangenen-Telefonanlage in Hamburg- Fuhlsbüttel installiert und gilt heute als wohl kompetentester Ansprechpartner in ganz Europa auf diesem Gebiet. Das Diplomatische Magazin hat mit dem Geschäftsführer Oliver Drews über die positive Auswirkung seiner Anlagen auf den Resozialisierungsprozess und über die Auslandsexpansion gesprochen.
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err Drews, wie kam es vor etwa 20 Jahren zu der ungewöhnlichen Idee, Telefonanlagen für Gefängnisse herzustellen?

Wie so viele Geschäftsideen ist auch diese Idee aus einem Bedarf beziehungsweise einer Notwendigkeit heraus entstanden. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es für die Insassen von Justizvollzugsanstalten (JVA) keine kontrollierte Möglichkeit, mit Angehörigen im telefonischen Kontakt zu bleiben. Daher hat der Strafvollzug wenig oder gar keine Telefonie für Insassen zugelassen. Durch die Telio-Lösung kann der Insasse mit seinen Angehörigen telefonieren und der Strafvollzug gleichzeitig diese Gespräche kontrollieren beziehungsweise festlegen, mit wem der Insasse kommuniziert. Der Strafvollzug möchte natürlich verhindern, dass der Insasse aus der JVA heraus illegale Geschäfte betreibt oder auch Kontakt zu Kriminellen hält. Auf der anderen Seite ist der Kontakt zu Angehörigen von großer Wichtigkeit, da dies die Resozialisierung des Insassen stark unterstützt. Das Ziel des Strafvollzugs ist heutzutage weniger die Bestrafung, als vielmehr dafür zu sorgen, dass Insassen nach der Entlassung ein Leben frei von kriminellem Aktionismus führen. Man sollte auch nie den Satz von Tolstoi vergessen: „Um einen Staat zu beurteilen, muss man sich seine Gefängnisse von innen ansehen.“

Mittlerweile haben Sie Ihre Gefangenen-Telefonsysteme auch in Länder wie die Niederlande, Rumänien, Luxemburg oder neuerdings Nordirland gebracht. Welche Rolle spielt das Auslandsgeschäft inzwischen für Ihr Unternehmen?

Telio ist inzwischen Marktführer in Europa und den arabischen Emiraten. Unsere Produkte werden in über 600 Gefängnissen in 17 Ländern erfolgreich eingesetzt. Telio wächst über neue Länder und neue Produkte, daher ist jedes Land auf der Welt ein potenzieller Kunde. The sky is the limit.

Ihr Unternehmensmotto lautet „Wir tun täglich unser Bestes, damit Schutzbefohlene nicht den Anschluss verlieren.“ Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Wie bereits erwähnt, sollte die Resozialisierung und Reintegration von Insassen im Mittelpunkt stehen. Weltweit erleben wir gerade einen Umbruch. Auch restriktive Länder, in denen bislang die Bestrafung im Mittelpunkt stand, verstehen, dass die Reintegration das einzige Mittel ist, um nachhaltig weniger Kriminelle und damit auch weniger Verbrechen zu haben. Telio liefert mit seinen Kommunikationslösungen eine wichtige Brücke zur Reintegration, und darauf sind wir sehr stolz.

Neben dem bereits gelobten Gefangenen-Telefonsystem PHONio hat Telio auch den Mobilfunk-Blocker BLOCKio und das Haftraum-Multimediasystem NIO entwickelt. Welches dieser Produkte ist im Moment der Bestseller?

Die Telefonie, sowohl auf dem Gang als auch direkt in der Zelle (das Produkt heißt ROOMio), ist aktuell immer noch das meistgenutzte Produkt. Es gibt aber auch im Strafvollzug den Trend, Prozesse zu digitalisieren und den Insassen Multimedia-Leistungen zur Verfügung zu stellen. So haben wir das Produkt Nio geschaffen, mit dem der Insasse auf einem mobilen Endgerät online Besuche (zum Beispiel beim Arzt) anmelden oder Anträge stellen kann, ohne dass aufwendige Papierprozesse gestartet werden müssen. Darüber hinaus nutzt er das mobile Endgerät als TV, Radio, DVD oder für E-Learning.

Ganz aktuell hat Telio das Fernsehprodukt TIVio auf den Markt gebracht. Worin liegt hier die Besonderheit?

Der Strafvollzug möchte auch eine gewisse Hoheit über die TV-Geräte haben, da diese oft genutzt werden, um illegale Dinge wie Drogen zu verstecken. Darüber hinaus ist die Einschränkung der TV-Nutzung eine adäquate Disziplinarmaßnahme, wenn der Insasse gegen FOTO Schaebens Regeln verstoßen hat. TIVio bietet erstmals ein TV-Endgerät, das der Insasse günstig mieten kann, das aber auch ferngesteuert von der Anstalt kontrolliert werden kann.

Vor drei Jahren hat Telio das Produkt ROOMio in die JVA Chemnitz eingebaut, was den Insassen mehr Privatsphäre geben soll. Wie hat sich die Anlage bisher bewährt?

ROOMio, also ein Telefon in der Zelle, ist eine große Erfolgsgeschichte. ROOMio bietet dem Insassen erstmalig die Möglichkeit, auch Telefonate mit mehr Privatsphäre aus der Zelle zu führen. Ein Insasse würde zum Beispiel auch nie am Gangtelefon vor anderen Insassen anfangen zu weinen, da Schwächen von anderen Insassen sofort attackiert werden. In der Zelle, sofern er eine Einzelzelle hat, kann der Insasse bei einer sehr traurigen Nachricht während des Telefonats seinen Gefühlen freien Lauf lassen, ohne dass es jemand mitbekommt. ROOMio ist daher das noch stärkere Kommunikationsinstrument zur Resozialisierung. In Europa geht der Trend seit Jahren klar dazu, das Telefon in die Zelle zu bringen.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft Ihres Unternehmens?

Wir wollen weiter so stark wachsen wie in der Vergangenheit: durch Gewinnung neuer Länder und Kunden, Entwicklung neuer Produkte und durch Übernahme anderer Unternehmen.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5 = Telio Management GmbH