Hidden Champions and Business Heads „Ziel ist es, in Zukunft Produkte weltweit besser zu sichern und zu schützen.“ »

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„Ziel ist es, in Zukunft Produkte weltweit besser zu sichern und zu schützen.“
KERNAUFGABE DER TÜV NORD GROUP ist und bleibt, Menschen vor den Gefahren der Technik zu bewahren. Drei industrielle Revolutionen hat der Konzern in seiner fast 150-jährigen Firmengeschichte begleitet. Im Zeitalter der Vernetzung geht es zusätzlich darum, Maschinen in Fabriken, Fahrzeuge und private Geräte zu Hause (Smart Home) sicher zu machen. Hierfür steht das neue Gesicht an der Spitze. Dr. Dirk Stenkamp ist seit 1. Januar 2017 Vorsitzender des Vorstands der TÜV NORD GROUP. Stenkamp hat eine Gastprofessur an der Shanghai Maritime University inne und ist Mitglied des Präsidiums des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Das Diplomatische Magazin hat ihn interviewt.
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err Dr. Stenkamp, ist Deutschland in Ihren Augen auf Industrie 4.0 ausreichend vorbereitet?

Ein klares Ja! Bei der weltgrößten Industriemesse war im April eine einzigartige Aufbruchstimmung zu verspüren. Glaubten deutsche Automatisierer vor einigen Jahren den Anschluss an die IT- und Hightech-Industrie aus dem Silicon Valley bereits verloren zu haben, punkteten sie auf der Hannover Messe nun mit neu gewonnenem Selbstvertrauen. Europa, aber speziell auch Deutschland hat es geschafft, sich zum Vorreiter zu machen, mit tollen digitalen Produkten, von Start-ups bis zu Großunternehmen. Die Welt blickt wieder nach Deutschland, um sich ein Bild davon zu machen, was hier in der Zukunft passieren wird.

Wie verändert sich die Arbeit von TÜV NORD?

Unser klassisches Geschäft basiert darauf, mit unabhängigen Prüfungen Mensch und Umwelt vor der Technik zu schützen. Zusätzlich müssen wir jetzt die Technik davor bewahren, dass Cyberkriminelle aus der Entfernung eingreifen, manipulieren oder wertvolle Daten stehlen können. Neben der traditionellen technischen Sicherheit – wir nennen das Safety – muss heute auch die IT-Sicherheit, also die Security, sicher und überprüfbar sein. Auch für künstliche Intelligenz muss die Sicherheit gewährleistet werden. Darauf bereiten wir uns jetzt vor.

IT-Risiken steigen durch Betriebsspionage und Hacker-Attacken. Wie gut ist Deutschland dagegen gerüstet und welchen Beitrag kann TÜV NORD dazu leisten?

Deutschlands hervorragender Ruf für Sicherheit und Qualität macht uns weltweit zum kompetenten Ansprechpartner für das Setzen von Standards für Datenschutz und sichere IT-Infrastrukturen. Mit dem nationalen IT-Sicherheitsgesetz wurden in Deutschland erstmals konkrete Sicherheitsanforderungen für kritische Infrastrukturen formuliert. Dies ist eine erste Grundlage, um zentrale Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu schützen. Unsere Antwort auf die Frage nach höherer Industrie-Sicherheit plus Informationssicherheit lautet „Security4Safety“. Hier verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz für smarte Produktsicherheit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mittels einer Cyber-Risiko-Analyse werden alle digitalen Schnittstellen identifiziert, um anschließend individuelle Schutzmaßnahmen abzuleiten. Ziel ist es, in Zukunft Produktionsanlagen und Produkte weltweit besser zu sichern und zu schützen.

Insbesondere in Asien und den USA ist die Digitalisierung der Gesellschaft schon weiter vorangeschritten als in Deutschland. Andere Länder der Welt scheinen vom digitalen Boom noch weit entfernt. Wie muss der Weg aussehen, um einen Großteil der Gesellschaft an den Vorteilen der Digitalisierung zu beteiligen?

Um die großen Chancen der Digitalisierung nutzen zu können, braucht es Investitionen in Aus- und Weiterbildung. Kinder müssen bereits in der Schule Computer verstehen lernen. Ältere Fachkräfte müssen in ihren Berufsfeldern digital qualifiziert werden. Wenn das smarte Zuhause und die intelligente Fabrik Wirklichkeit werden sollen, sind schnelle und mobile Internetverbindungen notwendig – auch außerhalb großer Städte. Die zügige Einführung neuer Mobilfunkstandards wie 5G ist wichtig, damit in Zukunft beim Autonomen Fahren, Industrie 4.0 und E-Health große Datenmengen in Echtzeit verarbeitet werden können.

Stichwort: Autonomes Fahren – nicht nur Industrieanlagen sind vor unbefugtem Zugriff von außen bedroht, sondern auch Autos, die immer mehr zu rollenden Computern werden. Wie kann Akzeptanz und Vertrauen beim Autofahrer geschaffen werden?

Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema Cybersicherheit im Fahrzeug. Die Manipulation von Fahrzeugdaten kann lebensgefährlich sein. TÜV NORD arbeitet in einer Vielzahl von Gremien an der Etablierung einheitlicher Standards zur Entwicklung und Bewertung der Sicherheitssysteme im Fahrzeug. Auch die Kommunikation mit der Fahrzeugumwelt sicher zu gestalten, ist höchst anspruchsvoll. Wir sind an der Erforschung des automatisierten Fahrens im Baustellenbereich beteiligt. Auch das neue urbane Testfeld für automatisiertes und vernetztes Fahren auf der Straße des 17. Juni im Herzen Berlins begleiten wir.

Mit einem Blick in Ihr eigenes Unternehmen: Wie muss sich TÜV NORD verändern, um mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten?

Globalisierung, demografischer Wandel und Digitalisierung erfordern neue Prüfungen und Angebote für unsere Kunden. Die Prüfung von Produkten mit IT-Schnittstelle, die Daten in die Cloud schicken, neue Zertifizierungen und der Schutz von Unternehmen sowie öffentlichen Einrichtungen vor Hackerangriffen sind nur einige Beispiele. Das Know-how unserer Mitarbeiter, der ständige Kontakt zu unseren Kunden und die globale Präsenz bilden die Grundlage für die Entwicklung intelligenter Prüfverfahren, Fahrzeugtechnologien oder den Einsatz neuer Werkstoffe. Nicht zuletzt haben wir den Konzern organisatorisch neu aufgestellt, um flachere Hierarchien zu schaffen und agiler handeln zu können.

Von der Vogel- zur Froschperspektive: Wie sieht die tägliche Arbeit des TÜV NORD innerhalb der nächsten Dekade aus?

Schon jetzt liefern Sensoren rund um die Uhr aktuelle Daten über den Zustand von Anlagen und Fahrzeugen. Dieses wird die Art, wie wir Anlagen und Einrichtungen überwachen, grundlegend verändern. Gerade erst haben wir an unserem Standort in Hamburg einen sogenannten „Innovation Space“ eröffnet. In fachbereichsübergreifenden Teams und gemeinsam mit unseren Kunden gehen wir dort Fragen nach wie: Wo ist der Einsatz von Virtual oder Augmented Reality sinnvoll?

Oder: Wie kann die Qualität von 3D-Druckverfahren sichergestellt werden? Oft ergeben sich durch die unterschiedlichen Blickwinkel neue Einsatzmöglichkeiten für Technologien in weiteren Projekten.

Wie motivieren und befähigen Sie ihre eigenen Mitarbeiter auf dem Weg in die digitale Zukunft?

Wir vermitteln unseren Mitarbeitenden, dass die Digitalisierung schon heute zum Job dazugehört. Aufzugsprüfungen werden zum Teil bereits digital durchgeführt, Sensordaten aus dem Fahrzeug über die OBD-Schnittstelle (On Board Diagnose) im Fahrzeug digital ausgelesen. Wir fördern Ideen und investieren gezielt in unsere Mitarbeiter. In einer eigens dafür initiierten Digital Academy werden sie für die Herausforderungen der digitalen Transformation des Unternehmens fit gemacht.

Neben Innovation und Digitalisierung spielt auch die Globalisierung eine entscheidende Rolle. Inwieweit ist TÜV NORD auch international für die Zukunft gewappnet?

Mit über 13.ooo Mitarbeitern sind wir in mehr als 70 Staaten Europas, Asiens, Amerikas und Afrikas für unsere Kunden aktiv. Allein im vergangenen Jahr haben wir ein Photovoltaik-Labor in China und ein neues Produkttestlabor im indischen Pune eröffnet. In Schottland haben wir ein Unternehmen der Optoelektronik erworben und eine Kooperation mit dem größten Hersteller von Schienenfahrzeugen in China, CRRC, gestartet. Auf der anderen Seite des Atlantiks haben wir jüngst in Kanada unsere Tochterfirma TÜV NORD MOBILITY gegründet – neben technischen Fahrzeugbewertungen und Abgasuntersuchungen wollen wir Serviceleistungen für Kunden der Firma UBER anbieten. Unser Geschäftsbereich Rohstoffe hat gerade seine neue Niederlassung DMT Middle East gegründet, um das operative Geschäft im Bereich Bergbau in der Region zu intensivieren. Die Liste ließe sich verlängern. Unsere Expertise wird in allen Teilen der Welt wertgeschätzt und immer stärker nachgefragt. „Made in Germany“ ist noch immer das weltweit bekannteste Label, das für Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit steht.

Interview N/A

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6 = TÜV NORD GROUP