Hidden Champions and Business Heads Mit digitalem Durchblick » Interview mit Dirk Franke, CEO der Picavi GmbH

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Mit digitalem Durchblick
ALS ERSTES UNTERNEHMEN WELTWEIT hat die Picavi GmbH die Kommissionierung mit Datenbrillen zur marktreifen Lösung entwickelt. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht der CEO Dirk Franke über die rasante Entwicklung als Start-up-Unternehmen, Kooperationen mit großen Partnern und die Auslandsvermarktung.
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err Franke, Ihr Unternehmen wurde im Jahr 2013 als High-Tech-Start-up unter dem Namen Logcom GmbH gegründet und stellt seitdem Software für den Einsatz von Datenbrillen im innerbetrieblichen Materialund Warenfluss her. Wie hat sich Ihr Unternehmen in den vergangenen vier Jahren verändert?

Wir sind damals mit einer Kerngruppe von Programmierern angetreten, unser System Picavi schnell am Markt zu etablieren. Allerdings erst dann, wenn die Software praxisreif ist. Für diese Herausforderung haben wir den Premiumkosmetikhersteller Dr. Babor GmbH & Co. KG aus Aachen gewinnen können und mit ihm unsere Pick-by-Vision-Lösung letztendlich im praktischen Betrieb evaluiert – noch heute verbindet uns ein partnerschaftliches Verhältnis. Im Februar 2015 sind wir mit Picavi offiziell auf den Markt gegangen. Das Unternehmen ist seitdem rasant gewachsen, Vertrieb, Projektmanagement und Verwaltung wurden auf- und ausgebaut. Zwischenzeitlich haben wir uns in Picavi GmbH umbenannt, da der Produktname Picavi bereits sehr bekannt geworden war.

Mit Ihrem Kommissioniersystem mit Datenbrillen versprechen Sie beste Voraussetzungen für den kontinuierlichen Materialfluss und unterbrechungsfreien Schichtbetrieb im Lager bei einer ungefähren Zeitersparnis von 18 Prozent gegenüber üblichen Hilfsmitteln. Wie funktioniert die Technik genau und welche Vorteile bringt diese dem Nutzer?

Der Lagerarbeiter wird visuell durch seinen Arbeitsalltag geführt. Es ist vergleichbar mit einem Head-up-Display im Auto, bei dem Informationen auf die Scheibe am Rand des Blickfelds gespiegelt werden. Der Lagerarbeiter erhält auf ähnliche visuelle Weise die pickrelevanten Informationen von Picavi. Die deutliche Zeitersparnis wird durch diese konsequente, ermüdungsfreie Prozessführung über das Display der Datenbrille und die schnelle Bestätigung einzelner Schritte per in die Brille integriertem Scanner erreicht. Zudem haben die Kommissionierer beide Hände frei. Damit kombiniert Pick-by-Vision die Vorteile der marktüblichen Kommissioniertechniken. Dank intuitiver Bedienung von Hard- und Software kann jeder Lagerist die Datenbrille schon nach kurzer Zeit handhaben und hat so schnell das Lager im Griff. Mit Picavi werden zudem die Ressourcen der Datenbrillen bei idealer Betriebstemperatur und gleichzeitig erhöhter Leistungsdauer optimal genutzt. Der Akku Picavi Power Control ist eine zusätzliche Hardware-Lösung, mit der wir den Schichtbetrieb mit Datenbrillen im Lager ermöglichen.

Wie kamen Sie auf die Idee, den Einsatz von Datenbrillen im Lager zu ermöglichen?

Als ich durch einen mir fremden Supermarkt lief und die doppelte Zeit benötigte, um meine Einkaufsliste abzuarbeiten. „Das muss doch einfacher gehen“, dachte ich mir und erinnerte mich an zurückliegende Gespräche mit Hochschulen zum Thema Datenbrillen. Über meine Ehefrau, die ebenfalls im Hochschulbereich tätig ist, lernte ich Professor Dr. Alexander Voß von der FH Aachen kennen. Ihn überzeugte die Idee, Datenbrillen für Kommissionierprozesse einzusetzen. Schnell entwickelten wir das Grundkonzept und fanden Investoren. Dabei halfen uns unsere beruflichen Erfahrungen im Bereich Lagerlogistik, IT und Unternehmensführung.

In welchen Bereichen werden Datenbrillen mit Ihrem System derzeit konkret eingesetzt?

Wir konzentrieren uns nach wie vor auf Lager- und Prozesslogistik mit Datenbrillen. Dazu gehören Kommissionierung, Wareneingang, Verladung und Inventur in Lagern, aber beispielsweise auch Sequenzierungsabläufe in der Automobilindustrie.

Wie haben sich die Veränderungen auf die Mitarbeiterzahl und den Umsatz in den letzten Jahren ausgewirkt?

Aktuell haben wir 25 Mitarbeiter. Wir werden dieses Jahr eine Reihe weiterer Mitarbeiter dazubekommen. Der Umsatz wird 2017 bereits bei mehreren Millionen Euro liegen.

Vor welchen Hürden standen Sie als Gründer und welche Tipps haben Sie für Neugründer?

Von der Gründung bis zur Marktreife für den Echtbetrieb vergingen nur eineinhalb Jahre, sodass wir 2015 Pick-by-Vision im weltweit ersten Hochregallager dauerhaft einführen konnten – eine Herausforderung, die wir gemeinsam mit unserem Entwicklungspartner und Kunden Babor erfolgreich meisterten. Uns hat gerade in der Gründungsphase die räumliche Nähe zu unseren Investoren weitergebracht: Seed Fonds Aachen II, DSA Invest, S-VC und der Business Angel Franz-Josef Titz. Sie haben uns die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt und uns mit wichtigen Playern – und heutigen Kunden – vernetzt und bekannt gemacht. Die beratende Funktion, die sie übernommen haben, half vor allem zum Start sehr – das sollten Gründer bei der Wahl der Investoren definitiv bedenken. Als Start-up ist zudem eine klare Grundlinie wichtig. Es soll zwar möglich sein, flexibel zu reagieren, allerdings bedarf es auch einer gewissen Fokussierung: Nicht jeder am Wegesrand liegenden Chance sollte man hinterherrennen, sei sie auch anscheinend noch so attraktiv.

Seit vergangenem Jahr kooperieren Sie unter anderem mit SAP-Partnern und der NRW. BANK. Welche Erfolge hat das nach den ersten Monaten gebracht?

Wir haben eine Middleware-freie SAP-Standardschnittstelle entwickelt und konnten mit kurzen Projektlaufzeiten bereits vier SAP-Kunden gewinnen. Gemeinsam mit dem SAP-Silverpartner io-consultants veranstalteten wir am ersten Abend der internationalen Logistik-Fachmesse LogiMAT einen eigenen Netzwerkabend rund um Picavi und SAP, zu dem viele Gäste aus namhaften Unternehmen kamen. Durch die aktuelle Technologie- Kampagne der NRW.BANK, in deren Mittelpunkt wir stehen, haben wir viel Zuspruch und Aufmerksamkeit bekommen.

Im vergangenen Jahr wurde Picavi unter anderem von der Initiative Mittelstand auf der CeBIT mit dem Innovationspreis IT in der Kategorie Industrie & Logistik und dem „Hidden Champion“ Award von n-tv ausgezeichnet. Welche Türen wurden Ihrem Unternehmen dadurch geöffnet?

Das ohnehin schon große Interesse hat durch diese Auszeichnungen nochmals zugenommen. Die Preise zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und auch gegenüber zukünftigen Kunden signalisieren sie, dass unsere Innovation wettbewerbsfähig ist.

Nach einer Reise nach Nordamerika im vergangenen Oktober und einer Reihe von Meetings mit Hardware-Partnern und neuen Vertriebspartnern ist Ihre Intralogistiklösung für Datenbrillen jetzt auch in Übersee erhältlich. Welche Pläne gibt es für die weitere Auslandsvermarktung?

Wir haben aktuell auch einen Vertriebspartner in Australien. Die Erschließung weiterer Auslandsmärkte wird zügig folgen. Wir nutzen dabei auch das internationale Vertriebsnetz unserer Partner, beispielsweise viastore, internationaler Anbieter von Intralogistik- Systemen, und TEAM, IT-Partner für Intralogistik.

Ihr Stammhaus sitzt in Herzogenrath in der Nähe von Aachen. Gibt es hier Expansionspläne für das Hauptquartier beziehungsweise für weitere Standorte innerhalb Deutschlands?

Unsere aktuellen Räumlichkeiten werden voraussichtlich im Sommer 2018 an ihre Grenzen stoßen. Wir diskutieren bereits verschiedene Varianten der Expansion. Das Hauptquartier wird auf jeden Fall im Raum Aachen bleiben, als anerkannter Technologiestandort mit der Exzellenzuniversität RWTH, zu der wir Kontakt pflegen, sind wir hier genau richtig.

Welche Pläne hat Ihr Unternehmen beziehungsweise haben Sie persönlich für die Zukunft?

Datenbrillen in Lager und Logistik werden sich als marktführende Technik durchsetzen, und das schon innerhalb der nächsten Jahre. Wir werden unsere Marktführerschaft und unsere Technologie noch weiter ausbauen. Bereits heute arbeiten wir an der Integration zusätzlicher Techniken, etwa erweiterte Augmented Reality, Indoor-Navigation und OCR-Schrifterkennung. Neben Lager- und Prozesslogistik kann ich mir eine Reihe von Abläufen vorstellen, bei denen eine Datenbrille auch sehr sinnvoll sein kann, etwa im Labormanagement oder bei Qualitätssicherungsprozessen. Wir verfügen heute schon über entsprechende Technologiepartnerschaften, denen wir unser Know-how zur Verfügung stellen, damit sie unsere Technik in ihre Software integrieren können. Ich persönlich freue mich auf viele weitere spannende und motivierende Jahre.

Interview Markus Feller

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 = Logcom GmbH