Hidden Champions and Business Heads Mit Kraft und Präzision » Interview mit Dr. Bertram Kandziora, Vorstandsvorsitzender der STIHL AG

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Mit Kraft und Präzision
VOR ÜBER 90 JAHREN in Stuttgart gegründet, ist STIHL heute Weltmarktführer im Bereich Motorsägen. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 15.000 Mitarbeiter und hat Produktionsstätten in Deutschland, China, Brasilien, USA, Schweiz, Österreich und auf den Philippinen. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin spricht Dr. Bertram Kandziora, Vorstandsvorsitzender der STIHL AG, über die Geschichte des Unternehmens, Nachhaltigkeit und Innovationen.
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ndreas Stihl gründete das Unternehmen 1926 in Stuttgart, wo zunächst Dampfkessel- Vorfeueranlagen und Waschmaschinen hergestellt wurden. Im Geschäftsjahr 2015 machte STIHL 3,25 Milliarden Euro Umsatz – was waren die Meilensteine auf dem Weg zum heutigen global operierenden Unternehmen?

Ein wichtiger Meilenstein in der STIHL Produktgeschichte war die Contra, die 1959 auf den Markt kam. Die getriebelose Benzinmotorsäge revolutionierte damals maßgeblich die Waldarbeit und brachte der Firma eine Umsatzsteigerung im zweistelligen Bereich ein. Eine weitere bedeutsame Entwicklung war der erste Generationswechsel in den Siebzigerjahren, als zwei der Kinder unseres Gründers Andreas Stihl, Hans Peter Stihl und Eva Mayr- Stihl, die Geschäftsführung übernahmen. Sie bauten nicht nur den weltweiten Vertrieb aus, sondern errichteten erste Produktionsstätten im Ausland und legten damit den Grundstein für einen internationalen Vertriebs- und Fertigungsverbund. 2002 hat die Familie Stihl die operative Geschäftsführung an einen familienfremden Vorstand übergeben und sich in den Beirat und Aufsichtsrat zurückgezogen. In dieser Konstellation haben wir es geschafft, den Umsatz der STIHL Gruppe mehr als zu verdoppeln. Für unser Jubiläumsjahr 2016 können wir erneut mit einem Rekordumsatz rechnen.

Seit 1971 ist STIHL die meistverkaufte Motorsägen- Marke der Welt. Wie erklären Sie sich diesen langanhaltenden Erfolg?

Wir haben eine Eigenkapitalquote von rund 70 Prozent aufgebaut und sind unabhängig von Kapitalmärkten und Börsen. Dadurch müssen wir nicht auf kurzfristige Gewinne schauen, sondern können unsere Unternehmensstrategie langfristig auslegen. Außerdem ruhen wir uns nie auf gewonnenem Erfolg aus. Wir entwickeln uns stetig weiter und haben den Anspruch, unseren Kunden neue und noch bessere Produkte in Spitzenqualität anzubieten.

Der Großteil Ihres Umsatzes wird im Ausland erzielt. Welches sind die wichtigsten Märkte?

Der wichtigste Einzelmarkt und starker Wachstumsmotor ist der US-amerikanische Markt. Innerhalb Europas sind Deutschland und Frankreich die Schwergewichte.

STIHL beschäftigt heute weltweit rund 15.000 Mitarbeiter und hat Produktionsstätten in Deutschland, China, Brasilien, USA, Schweiz, Österreich und auf den Philippinen. Warum ist der Firmensitz bis heute in Baden-Württemberg geblieben?

Seit rund 70 Jahren ist unser Stammsitz in Waiblingen bei Stuttgart. Dort entwickeln wir unsere Produkte und fertigen Geräte für den Profianwender. Dazu brauchen wir gut ausgebildete Facharbeiter und hervorragende Ingenieure mit Know-how, und die haben wir in Deutschland. Als Familienunternehmen legen wir großen Wert auf unsere Wurzeln und bekennen uns zu ihnen. Sie geben uns die Kraft zu wachsen. Das sieht man zum Beispiel auch daran, dass wir den Beschäftigungs- und Standortsicherungsvertrag für die Mitarbeiter des Stammhauses bis 2020 verlängert haben und zwischen 2015 und 2019 rund 300 Millionen Euro in unser Stammhaus investieren.

STIHL reicht seit 1999 über 100 Patent-Anmeldungen pro Jahr ein. Woher kommt diese große Innovationskraft?

Wir haben bei STIHL über 500 Entwickler, sehr gut ausgebildete Ingenieure und Fachkräfte, die wir zum Teil auch selbst ausbilden, und die in unserem Entwicklungszentrum täglich an neuen Produkten arbeiten und Ideen entwickeln. Zudem haben wir eine sehr hohe Fertigungstiefe von über 50 Prozent. Wir sind bisher der einzige Motorsägenhersteller weltweit, der neben der Motoreinheit auch Führungsschienen und eine Vielzahl an Sägeketten selbst entwickelt und produziert. Wir profitieren also von unserem speziellen Know-how und der jahrzehntelangen Erfahrung.

Holz ist eine kostbare Ressource unseres Planeten. Was unternimmt STIHL, um diese Ressource und die Wälder zu schonen?

Als Hersteller von motorbetriebenen Geräten bekennt sich STIHL zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Wir vertreiben unsere Produkte über den Fachhandel, der unsere Kunden berät, und in die richtige Handhabung einweist. Unsere Produkte werden in der nachhaltigen Waldbewirtschaftung und für FOTOS STIHL die Walderhaltung eingesetzt und leisten einen Beitrag zur Erhaltung, Kultivierung und Pflege der Natur. Dabei achten wir stark auf die Umweltfreundlichkeit. Zum Beispiel haben wir für unsere Motorsägen ein Sägekettenöl entwickelt, das in kürzester Zeit im Wald biologisch abgebaut werden kann. Wir engagieren uns auch in diversen Umweltprojekten. Beispielsweise wurden wir für unsere Kooperation mit dem gemeinnützigen Verein Bergwaldprojekt e. V., in dem wir uns für den Schutz des Waldes einsetzen, 2016 mit dem Deutschen CSR-Preis als Finalist ausgezeichnet.

Die Produktpalette reicht heute von den Kettensägen und Motorsensen über Hochdruckreiniger, Trocken- und Nasssauger bis hin zu Blasgeräten sowie Hecken- und Gesteinsschneidern. Auf welche neuen Geräte können sich die Nutzer in Zukunft freuen?

Wir werden natürlich unser Portfolio weiter ausbauen und Neuheiten für Profi- und Privatanwender auf den Markt bringen. Ein besonderes Augenmerk legen wir auf das Akku- Sortiment, mit dem wir in Zukunft neue Kundengruppen erschließen möchten. Demnächst wird es eine Produktlinie mit integriertem Akku geben, die sich besonders an Kunden richtet, die ein preisattraktives Akku-Gerät in STIHL-Spitzenqualität im Einstiegssegment suchen. Zudem werden wir 2017 unsere Vertriebskanäle erweitern und mit sogenannten „Elektro- und Akku-Partnern“ an den Start gehen. Die meisten Anwender von Akku-Geräten wohnen in der Stadt. Deshalb werden diese speziellen Händler insbesondere im städtischen Gebiet angesiedelt sein und ausschließlich Akku- und Elektro-Produkte verkaufen. Dieser zusätzliche Vertriebsweg ist daher vor allem für unsere bestehenden und potenziellen Kunden im Akku-Segment von großem Vorteil.

Mit dem Zukauf der Gartengerätemarke VIKING wurde 1992 ein zweites Standbein geschaffen. Wie kam es zu dieser neuen Sparte?

VIKING ist ein erfahrener Spezialist im Gartensegment und stellt qualitativ sehr hochwertige Gartengeräte her. Dieses Produktportfolio war eine perfekte Ergänzung zu unseren Motorsägen und Motorgeräten, die vorrangig in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt werden. Der Zusammenschluss mit VIKING war demnach ein logischer strategischer Schritt. Ab 2019 werden wir das gesamte Produktsortiment von VIKING unter der Marke STIHL vertreiben.

Mit STIHL Timbersports werden eigene Wettkämpfe für verschiedene Disziplinen der Forstwirtschaft ausgerichtet, so zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart. Können Sie uns mehr über diese Art von Wettstreit erzählen?

Das Sportholzfällen ist ein traditionsreicher Sport und hat seine Wurzeln in der traditionellen Waldarbeitertätigkeit. Das sieht man auch an den Disziplinen, die von klassischen Arbeitsschritten aus der Waldarbeit abgeleitet wurden: Es werden Bäume gefällt, zerteilt und Baumstämme zersägt – und das in einer enormen Geschwindigkeit. Die STIHL TIMBERSPORTS ® Series bildet die Königsklasse dieses Sports, da hier die weltweit besten Sportler versammelt sind. Ich bin regelmäßig bei Wettkämpfen, und es ist sehr beeindruckend, was die Sportler leisten. STIHL TIMBERSPORTS ® ist ein wahrer Extremsport, bei dem nicht nur Kraft zählt, sondern auch Präzision, Geschicklichkeit und Balance. STIHL und das Sportholzfällen – das passt ideal zusammen. Deshalb ist STIHL auch seit 1985 titelgebender Veranstalter der STIHL TIMBERSPORTS® Series. Dass die STIHL TIMBERSPORTS® kein Nischensport mehr ist, sieht man an den enormen Zuschauerzahlen. Die letzte Weltmeisterschaft in der Porsche- Arena in Stuttgart war mit rund 11.000 Zuschauern komplett ausverkauft.

Welche Pläne hat Ihr Unternehmen für die Zukunft?

STIHL ist für die Zukunft bestens aufgestellt. Wir sind ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen, haben eine hohe Eigenkapitalquote und wachsen aus eigener Kraft. Seit vielen Jahren sind wir auf Wachstumskurs und diesen Kurs wollen wir beibehalten. Ein großes Wachstumsfeld wird das Akku-Segment sein. Hier werden wir verstärkt Marktanteile gewinnen und neue Kundengruppen ansprechen. Zudem werden wir unsere Entwicklung, Fertigung und den Vertrieb ausbauen. In den nächsten fünf Jahren wollen wir unseren Umsatz um mindestens eine Milliarde Euro steigern.

Interview Raimon Klein

Bilder: 1, 2, 3, 4, 5, 6 = STIHL